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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 344 | Globale Geschäfte mit Uran Fanny Müller-Uri: Antimuslimischer Rassismus

Fanny Müller-Uri: Antimuslimischer Rassismus

INTRO. Mandelbaum Verlag, Wien 2014. 144 Seiten, 10 Euro.

Autoritäre Krisenlösung

Wie sind Diskriminierungsformen zu kritisieren, die sich seit einigen Jahren verstärkt gegen Menschen richten, die als Muslime kategorisiert werden bzw. sich selbst als solche identifizieren? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die reaktionäre Bewegung des Islamismus? Und wie verhält es sich mit dem Projekt der Religionskritik? Um diese Fragen ist spätestens seit 9/11 ein heftiger Streit entbrannt, bei dem die Fronten längst verhärtet sind.

Die Wiener Sozialwissenschaftlerin Fanny Müller-Uri positioniert sich mit ihrem Buch Antimuslimischer Rassismus in diesem Streit. Ihr Fokus sind antimuslimische Diskriminierungsformen, die sie vor dem Hintergrund einer zeitgemäßen Rassismustheorie beleuchtet. Das ist nicht nur spannend zu lesen, sondern eignet sich auch ganz praktisch als Argumentationshilfe, zumal in Ländern wie Deutschland und Österreich, wo der Rassismusbegriff immer noch ein Nischendasein fristet und eher in den Registern von Xenophobie, Vorurteil oder Ausländerfeindlichkeit gedacht wird. Müller-Uri kritisiert die gleichermaßen individualisierenden wie anthropologisierenden Effekte dieser Register sowie den Umstand, dass hier die Existenz unterschiedlicher und überhaupt feststellbarer Gruppen immer schon vorausgesetzt werde. Der Rassismusbegriff hingegen signalisiere, dass es sich bei Diskriminierungsformen stets um historisch-spezifische und gleichzeitig strukturelle Erscheinungen handele, die im Rahmen gesellschaftlicher Machtverhältnisse wirksam würden und Unterscheidungen sowie Gruppenexistenzen erst hervorbrächten.

Ist es ein Kennzeichen jedweder Form von Rassismus, soziale in ethnizistische oder kulturalistische Widersprüche zu übersetzen und zu naturalisieren, so zeichnet sich der antimuslimische Rassismus Müller-Uri zufolge vor allem durch zwei Besonderheiten aus: Er reformuliert die bereits aus dem Kolonialismus bekannte Entgegensetzung zwischen Westen und Osten, zwischen Abend- und Morgenland. Da diese Entgegensetzung im 20. Jahrhundert durch den Konflikt zwischen Sozialismus und Liberalismus/Kapitalismus überschrieben wurde, tritt der antimuslimische Rassismus in gewisser Weise auch das Erbe des Kalten Kriegs an. Zumindest fungiert er als zentraler Mechanismus der Selbstvergewisserung des ‚Westens‘, wobei der Kampf der politischen Systeme durch den ‚Kampf der Kulturen‘ ersetzt wurde.

Zugleich geriert sich der antimuslimische Rassismus aber auch als Freiheits- und Emanzipationsversprechen. Zwar ist die Unterscheidung zwischen fortschrittlichem Selbst und kulturell rückständigen Anderen seit jeher wesentlicher Bestandteil rassistischer Differenzierungsstrategien. Aber es ist bemerkenswert, dass im antimuslimischen Rassismus gerade jene Forderungen virulent werden, die mit sozialen Bewegungen der 1970er Jahre assoziiert werden: die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen. Die Autorin verweist an dieser Stelle auf die Debatten über ‚Ehrenmorde’, in denen stets der »Sexismus der Anderen« mitverhandelt würde, sowie über Homonationalismus und Queerimperialismus.

Die Stoßrichtung von Müller-Uris Intervention ist klar: Um antimuslimischen Rassismus bekämpfen zu können, müssen Erscheinungsform und Funktionsweise präzise analysiert werden. Zudem gelte es, die globale Wirtschaftskrise, den Imperativ der ökonomischen Nützlichkeit sowie allgemeine Prekarisierungsdynamiken in die Analyse mit einzubeziehen. So gesehen erweist sich der antimuslimische Rassismus als autoritäre Krisenlösungsstrategie, die ein Integrationsversprechen für die Deklassierten – oder von Deklassierung Bedrohten – bereithält. Für die antirassistische Bewegung wiederum stellt sich die Herausforderung, »Kämpfe gegen rassistische Exklusion und für soziale Rechte zusammenzuführen.«

Als problematisch erweist sich der Versuch, die eingangs skizzierten Debattenterrains (Diskriminierungsformen, Islamismus, Religionskritik) auseinander zu halten. Müller-Uri kann diese Trennung selbst nicht einhalten: Die seit Mitte der 1980er Jahre zunehmende Bedeutung von Muslimness als Kategorie identitärer Selbstentwürfe von MigrantInnen führt die Autorin »wesentlich« auf die Zumutungen des antimuslimischen Rassismus zurück. Und mit diesem »wesentlich«, das eben nicht ausschließlich meint, drängt sich die Frage auf, welche Faktoren hier noch zu berücksichtigen wären. Müller-Uri verfolgt diese Frage nicht. Sie verweist zwar zum Beispiel auf die 1989 verhängte Fatwa des iranischen Revolutionsführers Khomeini gegen den indisch-britischen Autor Salman Rushdie, doch dient ihr dieser Verweis lediglich dazu, die gängigen Repräsentationen von MuslimInnen in Ländern wie Großbritannien zu problematisieren.

Konsequenterweise verengt sich der Blick auf den Prozess des Othering als konstitutiven Bestandteil des antimuslimischen Rassismus und auf das, was die Autorin – in Anlehnung an die Soziologin Nina Clara Tiesler – als ‚Islamisierung der öffentlichen und akademischen Debatten‘ bezeichnet. Kurzum, das Adjektiv »wesentlich« markiert eine Auslassung. Der Verweis auf den Iran deutet an, um welche es sich handelt: die Wirkmächtigkeit von islamistischen Bewegungen, die ihrerseits einen Prozess der Islamisierung angestoßen haben. Es wäre also von zweierlei Formen der Islamisierung auszugehen, zwischen denen vielfältige Wechselwirkungen bestehen. Zudem müsste eine linke Kritik am Zustand der Welt auch die Kritik an jenen Gewaltverhältnissen beinhalten, die im Zuge des radikalen Islamismus entstehen.

Indem Müller-Uri diese Zusammenhänge übergeht, haftet ihrer Argumentation etwas Schematisches an. Zumindest finden sich kaum Hinweise auf die nahe liegende Frage, wie zwischen emanzipatorischer Religionskritik und rassistischem Ressentiment unterschieden werden könnte und wie mögliche Kippmomente zu bestimmen wären. Stattdessen erscheint der antimuslimische Rassismus bei Müller-Uri wie eine avancierte Querfront-Strategie, durch die Rechte, Liberale und Linke nahezu reibungslos zueinander finden.

Das Bemühen, antimuslimische Diskriminierungsformen gesondert zu betrachten und somit von Erörterungen über Islamismus und die Rolle von Religion abzulösen, mag dem Anspruch geschuldet sein, zu einem klaren Verständnis des antimuslimischen Rassismus zu gelangen. Der Preis allerdings besteht im Ausblenden der vielschichtigen Dimensionen der Thematik. Dabei werden gerade jene Positionen übergangen, die in durchaus differenzierter Weise Bezüge herzustellen und Zusammenhänge zu denken versuchen. Die Fronten bleiben somit weiter verhärtet.

 

von Felix Axster

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