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Nazis in Palästina

Heidemarie Wawrzyn: Nazis in the Holy Land 1933-1948. De Gruyter, Frankfurt/Main 2013. 219 Seiten, 67,95 Euro. Und: Barry Rubin/ Wolfgang G. Schwanitz: Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East. Yale University Press, New Haven 2014. 360 Seiten, 27,58 Euro.

Im Jahr 1933 lebten über den gesamten Globus verstreut nahezu 30 Millionen Deutsche oder Nachfahren von deutschen AuswanderInnen. Darunter waren, kaum überraschend, viele AnhängerInnen des Nationalsozialismus, die früh damit begannen, in ihren Gemeinden ein Abbild der NS-Volksgemeinschaft und ihrer Parteigliederungen zu schaffen. Dabei waren diese »Landesgruppen« nicht allein Orte, an denen das »Deutschtum« gepflegt wurde, sondern ganz im Sinne der NS-Ideologie auch Bastionen im globalen Kampf gegen die »jüdische Weltverschwörung«.

Der aus heutiger Sicht wohl ungewöhnlichste Ort für eine dieser Landesgruppen war das seinerzeit britische Mandatsgebiet Palästina. Dies ist aber nur auf den ersten Blick irritierend, hatten sich doch bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts deutsche ProtestantInnen, insbesondere so genannte Templer, in Palästina angesiedelt, die fast die Hälfte der deutschen EmigrantInnen ausmachten. Deutschnationale und antisemitische Einstellungen waren unter diesen ProtestantInnen, wie im Deutschen Reich, nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Bereitwillig schlossen sich die meisten von ihnen daher dem Nationalsozialismus an. Schon die Zahlen sprechen für sich: Während in anderen Teilen der Welt die Rate von Parteimitgliedschaften unter deutschen EmigrantInnen bei ungefähr fünf Prozent lag, erreichte sie in Palästina neunzehn Prozent, so die in Israel arbeitende Historikerin Heidemarie Wawrzyn.

Wawrzyns Studie Nazis in the Holy Land 1933-1948 überzeugt aber nicht allein durch ihren empirischen Gehalt. Sie bietet auch einen guten Einblick in den Alltag der Deutschen und in ihr Verhältnis zur arabischen und jüdischen Bevölkerung. Dabei wird deutlich, dass sich gerade die Beziehungen zu den AraberInnen spätestens seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten relativ problemlos gestalteten. Mit dem eigentümlichen deutschen Exotismus und Antimodernismus, der Begeisterung für das ‚Ursprüngliche’ und den ‚edlen Wilden’, bis heute der Gemütszustand vieler deutscher Nahost-ExpertInnen, bewunderte man die AraberInnen, wie etwa aus Gemeindebriefen und der Korrespondenz des Konsulates hervorgeht.

Diese Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit: So werden in der Arbeit Berichte von Deutschen wiedergegeben, die verdeutlichen, dass die AraberInnen die »erwachten« Deutschen bewunderten. Was die Studie auszeichnet, ist ihre lokale Perspektive, die eine gute Ergänzung zu anderen jüngeren Arbeiten über das Verhältnis der Nazis zum Nahen Osten darstellt. Angesichts der Ergebnisse anderer Studien ist allerdings die Schlussfolgerung der Autorin zweifelhaft, die gepriesene »deutsch-arabische-Freundschaft« wäre nur ein Wunschbild gewesen – zumal Wawrzyn ja selber einige gegenteilige Nachweise dafür erbringt.

Während sich Wawrzyn geografisch und zeitlich begrenzt den Beziehungen zwischen Deutschen und der arabisch-islamischen Welt nähert, versuchen der kürzlich verstorbene israelische Nahostexperte Barry Rubin und der deutsche Historiker Wolfgang G. Schwanitz dieses Verhältnis in den letzten hundert Jahren zu rekonstruieren. Im ersten Teil ihres Buches Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East versuchen die Autoren die ideologischen Einflüsse Deutschlands auf die arabisch-islamische Welt nachzuzeichnen. Dabei können sie keine wirklich neuen Einblicke liefern. Zwar ist es richtig, auf den fatalen Einfluss deutscher Politik im Nahen Osten und auf die Tatsache hinzuweisen, dass die Deutschen seit jeher auf der ‚falschen’ Seite stehen, doch wird dieser Einfluss vollkommen verzerrt dargestellt.

Vor allem die Rolle, die die Autoren dem deutschen Diplomaten Max von Oppenheim zuschreiben, ist dafür exemplarisch. So ziehen die Autoren Verbindungslinien von seinen Jihad-Plänen, die die Araber zu einem Aufstand gegen die Kolonialmächte anstiften sollten, um somit Ressourcen vom Kriegsschauplatz in Europa während des Ersten Weltkrieges abzuziehen, bis hin zu Al-Quaida und Bin Laden. Zwar kann man gewisse ideologische Konstanten wie etwa antiwestliche und antimoderne Ideologeme über die letzten hundert Jahre feststellen, aber daraus Zwangsläufigkeiten und eine gerade Linie zu folgern, ist nicht haltbar.

Dies ist jedoch nicht einmal der wesentliche Kritikpunkt an der Studie. Wären nur die Interpretationen überzogen, ließe sich darüber streiten. Jedoch ist gerade der zweite Teil des Buches, der sich vor allem auf Personen und Netzwerke bezieht, so voll mit faktischen Fehlern, dass man sich fragen muss, ob das Buch je einen Lektor gesehen hat – obwohl es beim renommierten Verlag Yale University Press erschienen ist. So wird beispielsweise der Mythos ODESSA wieder aufgewärmt. Kein seriöser Wissenschaftler würde heute noch behaupten, dass eine zentrale Organisation für die deutsche Fluchthilfe von Angehörigen der SS in dieser Form jemals existierte.

Beispielhaft steht dies für den insgesamt laxen Umgang der beiden Autoren mit ihren Quellen. So werden CIA-Quellen – die im übrigen nicht alle, wie es der Klappentext suggeriert, zum ersten Mal ausgewertet wurden – für unwiderlegbare Beweise gehalten, ohne zu berücksichtigen, dass es selbst innerhalb des Geheimdienstes Differenzierungen über die Glaubwürdigkeit der eigenen Berichte gab. Eine Quellenkritik oder Kontrastierung mit der aktuellen Forschungsliteratur sucht man vergebens. Dies erklärt auch, warum die Autoren behaupten, der geflüchtete NS-Ideologe Johann von Leers hätte in Ägypten ein Untergrundnetzwerk von emigrierten Nazis aufgebaut und geführt. Zwar ist dieser Mythos immer wieder in der Forschungsliteratur wiedergegeben, aber spätestens mit der Veröffentlichung seiner Biografie im vergangenen Jahr schlüssig widerlegt worden.

Nachgerade absurd wird es, wenn die Autoren den Eindruck erwecken, dass ein Treffen des Muftis von Jerusalem, Al-Husaini, mit Hitler wesentlich zur Einberufung der Wannseekonferenz und damit zum Entschluss beitrug, die europäischen Juden zu ermorden. Nicht nur haben die Autoren offenbar keine Ahnung von der bis heute kontroversen Debatte über die Relevanz der Konferenz für die Shoa, auch offenbart sich hier das Geschichtsverständnis der beiden, dass einige wenige ‚große Männer’ den Kurs der Geschichte bestimmt und im Alleingang die Region des Nahen Ostens bis heute geprägt haben. Das Buch fällt somit nicht nur hinter den etablierten Forschungsstand zum Thema zurück, sondern ebenso hinter die allgemeinen historiographischen Fortschritte der letzen dreißig Jahre.

von Remko Leemhuis

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