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Freigesetzte Übel

von Günter Wippel

Der Uranabbau hinterlässt gefährliche Nebenprodukte und irreversible Langzeitfolgen

Die Gewinnung von Uran birgt erhebliche Gefahren für Mensch und Umwelt, die auch lange Zeit nach dem Ende des Uranbergbaus noch präsent sind. Neben Gesundheitsrisiken bei der Verarbeitung, dem Transport und der Extraktion berührt die Urangewinnung aber auch Landrechtsfragen und übergeht Mitbestimmungsrechte.

Als der deutsche Chemiker Eugen Klaproth 1789 das chemische Element Uran entdeckte, hatte es nur geringe Bedeutung. Erst durch die von Otto Hahn, Lise Meitner und anderen 1938 entdeckte künstliche Kernspaltung, die nur mit Uran (U 235) möglich war, gewann es strategische und wirtschaftliche Bedeutung. Die unkontrollierte Kettenreaktion, die man mit der Uranspaltung auslösen konnte, eröffnete die Möglichkeit, eine Waffe mit extremer Sprengkraft zu bauen.

Das erkannten bald auch die Militärs. Die Gewinnung von Uran wurde zu einer Frage kriegsentscheidender Bedeutung. In der Folge wurde massiv nach Uran gesucht, zunächst dort, wo Radium – ein Zerfallsprodukt von Uran – gewonnen worden war, wie in Port Radium im Norden Kanadas oder in Shinkolobwe in Belgisch-Kongo (siehe S.18).

Aufgrund der kriegswichtigen Bedeutung gingen Regierungen dazu über, Uranbergwerke zu verstaatlichen oder gleich als Staatsunternehmen zu gründen. So entstand in Frankreich die Firma COGEMA, in Russland ROSATOM, in Kasachstan Kazatomprom. In Deutschland waren es die Urangesellschaft mbH und die Uranerzbergbau GmbH, beide 1967 gegründet, auf Veranlassung der damaligen Bundesregierung und von dieser finanziell gefördert.

Uranbergwerke wurden unter strenge Geheimhaltung gestellt und mit Tarnnamen versehen wie die «Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut« in der DDR. Es entstanden »Staaten im Staat«. So hatte die SDAG eigene Krankenhäuser, einen ‘Sicherheitsdienst’, eine bessere Nahrungsmittelversorgung. Parallelen sind heute in den Minenstädten Arlit und Akokan im Niger oder in Arandis in Namibia zu finden, errichtet speziell für die BergarbeiterInnen mit Krankenhäusern, die im Besitz der Bergbaufirmen sind.

Der Gedanke, die Kettenreaktion zu kontrollieren und zur Energiegewinnung zu nutzen, wurde ebenfalls schon in den 1940er Jahren verfolgt: Enrico Fermi gelang 1942 der Bau eines ersten «Uranreaktors«. Bis zur Entwicklung kommerzieller Atomreaktoren war es noch ein weiter Weg. US-Präsident Eisenhower hielt 1953 vor der UN-Vollversammlung die Rede «Atoms for Peace«. Sie war Teil einer großen Medienkampagne, um Nukleartechnik nach dem Schrecken von Hiroshima und Nagasaki gesellschaftsfähig zu machen. Zwei Jahre später gingen die ersten Atomreaktoren ans Netz, in der UdSSR und in England.

In der Europäischen Gemeinschaft wurde die Entwicklung und Nutzung der Atomkraft 1957 durch den Euratom-Vertrag zementiert. Der erste bis heute gültige Artikel des Vertrags besagt, es sei Aufgabe der Atomgemeinschaft, »zur Hebung der Lebenshaltung in den Mitgliedstaaten und zur Entwicklung der Beziehungen mit den anderen Ländern beizutragen.« Damit wurde ein Grundstein für den weltweiten Handel mit Uran und Kerntechnologie gelegt.

 

Vom Fund zum Abbau

Geologisch gesehen kommt Uran in geringsten Konzentrationen fast überall vor. In manchen Regionen ist das Grundwasser so stark mit Uran belastet, dass es nicht als Trinkwasser geeignet ist. Der Abbau lohnt nur dort, wo Uran im Gestein eine bestimmte Konzentration erreicht. Zu Beginn wird prospektiert: Uranhaltige Gebiete werden durch Grundlagenuntersuchungen eingegrenzt. So hat die deutsche Uranerzbergbau GmbH bereits in den 1970er Jahren weltweit im Auftrag der Bundesregierung nach Uran gesucht: in Australien, Tansania, Kanada und den USA. Die Untersuchungsergebnisse dienen heute, zum Beispiel in Tansania, neuen Forschungen zur Uranerkundung als Grundlage. Im zweiten Schritt, der Exploration, werden Anomalien in der natürlichen Radioaktivität aufgespürt, die auf Uranvorkommen schließen lassen. Danach wird der Uranerzkörper durch Probebohrungen in seiner Ausdehnung und Qualität erfasst.

Bereits Probebohrungen können Grundwasser radioaktiv oder chemisch, durch Bohrschmiermittel, verseuchen und in der Folge Gesundheitsschäden bei Mensch oder Tier verursachen. Quellen und Wasserstellen können versiegen, wie in Mali, Tansania und der Mongolei geschehen. Probebohrungen werden oft ohne Zustimmung der Bevölkerung vor Ort durchgeführt (s. S.30). In Mali war und in Tansania ist Land beispielsweise gemeinschaftlicher Besitz der Dörfer, unterschiedliche Landrechtsauslegungen zwischen Gemeinden und Staat führten zu Streitigkeiten. In Tansania wurde den Protesten aus der Bevölkerung 2012 und 2013 mit Polizei-Eskorten der Explorationsteams begegnet.

Zeigen Machbarkeitstudien, dass der Abbau nicht nur technisch möglich, sondern auch wirtschaftlich rentabel ist, so werden Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) und daran anschließend Genehmigungsverfahren eingeleitet und schließlich Lizenzen zum Abbau vergeben.

Die Evaluierung von UVPs erfordert hochspezialisierte Kenntnisse in Sachen Bergbau, Ausbreitung von radioaktiven und toxischen Materialien in der Umwelt, deren Anreicherung, ihr Langzeitverhalten bezüglich Grund- und Oberflächengewässern etc. Vielfach verfügen die Behörden der Länder des Globalen Südens nicht über die erforderlichen Kenntnisse und überlassen auch die Überwachung des Betriebs den Firmen selbst: So verfügt Malawi trotz des neuen Uranbergwerks Kayelekera über keinerlei Einrichtungen zur Messung von Radioaktivität. Zudem sind Verwaltungen oft schnell bei der Unterschrift, wenn Bergwerksfirmen Steuereinnahmen und Arbeitsplätze versprechen.

 

Der Preis macht’s

In der Regel ist Uran nur in geringen Konzentrationen von 0,01 bis zirka zwei Prozent im Uranerz vorhanden. Hochprozentige Vorkommen wie Cigar Lake (Kanada) mit bis zu 20 Prozent Urangehalt sind selten. Ab wann sich der Abbau rentiert, bestimmen der Weltmarktpreis und die Abbaubedingungen: niedrige Löhne, wenig Umweltschutzvorschriften.

Im Jahr 2007 stieg der Uranpreis plötzlich auf ein Mehrfaches an. Die Zahl der im Uransektor tätigen Firmen stieg sprunghaft an. Um die erforderlichen finanziellen Mittel aufzubringen, platzierten sie auf dem Kapitalmarkt Aktien und Anteile, suchten und fanden risikofreudige Investoren, die beim Fund eines Uranvorkommens schnellen Reichtum erhofften. So identifizierte Mantra aus Australien das Mkuju River Uranvorkommen im Selous Game Reserve in Tansania (siehe iz3w 337). In der Regel folgt dann der Verkauf an eine der großen Uranfirmen.

Heute werden bereits Vorkommen mit 0,02 bis 0,05 Prozent Urangehalt als abbauwürdig betrachtet. Um bei einem Urangehalt von 0,1 Prozent einhundert Tonnen Natururan zu gewinnen, müssen 100.000 Tonnen Erz abgebaut werden. 99.900 Tonnen werden zu Abraum, bei niedrigeren Konzentrationen vervielfacht sich diese Masse. Dass Uran und einige seiner Zerfallsprodukte auch im Abraum toxisch wirken, wird meist weniger beachtet.

Uranerz wird im Tagebau oder im Untertagebau abgebaut. Das Uranerz wird auf Sandkorngröße zermahlen. Anschließend wird das Uran meist mit Schwefelsäure sowie anderen Chemikalien ausgelaugt. Die so genannte Uranmühle ist eine chemische Fabrik, die das als Yellowcake bekannte Natururan produziert. Für die Berg- und die UranmühlenarbeiterInnen ist die Gewinnung mit hohen Risiken verbunden.

Yellowcake wird in der Regel auf dem Land- und Seeweg zur Weiterverarbeitung abtransportiert. Zurück bleibt der Abraum – fest oder flüssig. Er enthält zirka 85 Prozent der ursprünglichen Radioaktivität des Uranerzes. Einige der Zerfallsprodukte von Uran, die im Abraum verbleiben, sind sehr langlebig: U234 mit 245.500 Jahren, Thorium mit 77.000 Jahren und Radium 226 mit 1.600 Jahren. Die Abraumhalden bleiben lange Zeit radioaktiv, aus menschlicher Perspektive ewig.

Durch den Bergbau, das Zermahlen des Erzes und das chemische Auslaugen ist die radiologische Situation irreversibel verändert. Der vorherige Zustand – Einschluss des Urans im Gestein mit vergleichsweise geringen Freisetzungen – kann nie wieder hergestellt werden. Das Uran und seine ca. 60 Zerfallsprodukte sind in der Umwelt nahezu frei beweglich: Sie können über die Atemluft in die Lunge gelangen, über Grundwasser ins Trinkwasser, über den Boden und Pflanzen in den Organismus und diesen schädigen. Außerdem sind genetische Schäden infolge der Strahlung möglich, die an künftige Generationen weitergegeben werden und sich möglicherweise erst bei ihnen zeigen.

Abraum und Schlämme müssten aufgrund ihrer Radioaktivität isoliert gelagert werden. Da die Zerfallsprodukte langlebig sind, müsste die Lagerung zudem über einen langen Zeitraum sichergestellt sein. Doch es gibt keinerlei Methoden, Millionen Tonnen Abraum auf Tausende von Jahren hinaus sicher zu lagern. Jede Sanierung kommt dem Versuch einer Schadensbegrenzung gleich. Zudem belaufen sich die Kosten einer Sanierung ehemaliger Uranbergbaue schnell auf Milliardenbeträge. Das belegen Studien, die das deutsche Wirtschaftsministerium (1995) als auch die OECD in Zusammenarbeit mit der IAEA (2002) erstellen ließen.

 

Fehlende Kontrolle verbilligt den Abbau

In den Ländern des Südens gibt es keine oder nur sehr unzureichende Vorkehrungen, die Uranfirmen zur Sanierung ihrer Bergwerke zu verpflichten. Während die Firmen in Australien Geld für die Sanierung in einen Fonds einbezahlen müssen, gibt es in anderen Ländern lediglich Verpflichtungen zur Sanierung. Zudem können sich die Unternehmen Sanierungsverpflichtungen entziehen, zum Beispiel durch Konkurs. Dann obliegt die Sanierung den Staaten, und diese haben in der Regel nicht die finanziellen Mittel, manchmal auch nicht den politischen Willen, diese Aufgabe anzugehen. Der radioaktive und toxische Abraum bleibt für die nächsten Jahrhunderte als Gefahr für Umwelt und Gesundheit der Bevölkerung liegen.

Gesetzeslücken, ungleiche Auflagen und mangelnde Kontrolle in vielen Ländern des Südens, insbesondere in Afrika, haben eine geografische Verlagerung des Abbaus begünstigt. John Borshoff, Chef der australischen Uranbergbaufirma Paladin, benennt den Grund der Verlagerung seiner Firmenaktivitäten so: »Australien und Kanada sind übermäßig anspruchsvoll ... Da gibt es Überreaktionen hinsichtlich der Umwelt- und Sozialbelange, die Unternehmen wie Paladin zwingen, nach Afrika zu gehen.« Sein Unternehmen wendete sich, wie viele andere auch, dem afrikanischen Kontinent zu. Dort baut Paladin Uran in Malawi und in Namibia ab.

 

Günter Wippel ist Mitglied der Arbeitsgruppe uranium-network.org der Organisation Menschenrechte 3000 e.V.

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