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Editorial zum Dossier

Barrieren und Behinderungen

Was ist Behinderung? Menschen mit Behinderungen sind so unterschiedlich wie Menschen nur sein können. Was hat etwa der Weltklassesprinter Oscar Pistorius aus Südafrika mit Zimha Albima aus Angola zu tun? Pistorius kommt aus einem Elternhaus, das ihm ein BWL-Studium und eine Sportlerkarriere ermöglichte. Der Fastest Man On No Legs ist für seine Höchstleistungen wie den Hundert-Meter-Lauf in 10,91 Sekunden weltberühmt. Ermöglicht wird ihm das unter anderem durch spezielle Fußprothesen aus kohlefaserverstärktem Kunststoff.

Zimha Albima ist eine Protagonistin der Fotoserie, die dieses Dossier begleitet. Sie hat Diabetes und lebt allein in Luanda. Ihre Beine wurden nach und nach amputiert, weil Medikamente fehlen oder zu teuer sind. Ihre Prothesen sind so schwer, dass sie sich mit ihnen kaum fortbewegen kann. Daher sitzt sie meistens in ihrem Rollstuhl, mit dem sie nicht in ihre eigene Küche kommt.

Bei dem extrem ungleichen Paar könnte man Oscar Pistorius als Prototyp des »Superkrüppel« anführen. So nennt die amerikanische Behindertenbewegung die Diskursfigur des Helden, der »trotz« Behinderung Höchstleistungen vollbringt. Die deutsche Behinderteninitiative leidmedien.de kritisiert diese Darstellung als spektakuläres Pendant zur Darstellung von Menschen mit Behinderung als Opfer. Natürlich ist der Olympiateilnehmer Oscar Pistorius bei dem vorgestellten Paar untypisch (nicht nur wegen der Mordanklage gegen ihn).

Zimha Albima ist es nicht. Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es verallgemeinerbare Tatsachen, die für viele Menschen mit Behinderung gelten. Diese Gemeinsamkeiten sind nichts Individuelles, sondern etwas Gesellschaftliches: So ist die von Menschen erschaffene Infrastruktur wie Wege, U-Bahnzugänge, Hauseingänge, ja sogar Wohnungen erstaunlicherweise nicht auf die Bedürfnisse dieser Menschen zugeschnitten. Somit entsteht überhaupt erst eine Gruppe von Menschen mit besonderen Problemen, welche man dann gerne als deren Probleme betrachtet.

Häufig ist, wie bei Zimha Albima, Behinderung mit Armut verbunden. Eine Behinderung schafft oder verfestigt Armut. Umgekehrt sind schlechte Lebensbedingungen wie mangelhafte Ernährung oder Gesundheitsfürsorge häufig die Ursache für Behinderung. Zum Beispiel variiert die Gefährlichkeit von Diabetes stark je nach medizinischer Behandlung. Behinderung ist auch eine der Folgen von Krieg und Bürgerkrieg. Die Lebensbedingungen des Globalen Südens schaffen aber mehr Behinderung und sie geben den Menschen zugleich weniger Ressourcen an die Hand, um eine menschengerechte, also barrierearme Umgebung zu schaffen.

Das Vorkommen von Behinderungen ist größer als allgemein angenommen. 2011 korrigierte die WHO im Weltbehindertenbericht die Zahl von Menschen mit Behinderung von 650 Millionen auf eine Milliarde. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung leben in Deutschland durchschnittlich zwölf Prozent, im Globalen Süden etwa 20 Prozent der Menschen mit einer Behinderung.

Ein weiteres Problem beim Thema Behinderung ist ebenfalls gesellschaftlicher Natur: Behindertenfeindlichkeit. Sie drückt sich nicht »nur« strukturell in städtebaulicher Ignoranz oder Benachteilungen auf dem Arbeitsmarkt aus. Zudem besteht eine ideologische Behindertenfeindlichkeit. Weltweit müssen Behinderte gegen Diskriminierung und Verfolgung kämpfen. Das Wegsperren von Familienangehörigen mit Behinderung oder ihre Quarantänehaltung als »Kettenmenschen« gibt es häufiger als man glauben mag. Die Zeitschrift »Behinderung und Dritte Welt« beschrieb im Januar 2007, dass Menschenrechte für Menschen mit Behinderung nur eingeschränkt gelten. Auch die Leistungsgesellschaft bringt ihre behindertenfeindliche Ideologie hervor. Aber andererseits stößt Behindertenfeindlichkeit auf Widerstand seitens der vielfältigen Behindertenbewegungen im Norden wie im Süden.

Bei diesem Themenschwerpunkt wollen wir die Besonderung von Menschen mit Behinderung vermeiden. Zugleich möchten wir jene Mechanismen aufzeigen, die diese Gruppe ideologisch und materiell konstruieren. Daher: Weg mit den Barrieren – in den Köpfen und im Alltag!

die redaktion

P.S. Mehr zur Fotostrecke und den Fotos von Flurina Rothenberger im Interview auf S. 26

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Südnordfunk zum Thema

Zur Südnordfunk-Sendung

"Von Barrieren und GrenzgängerInnen"

Paula Alberto Kimwanga, 30 Jahre, Lehrerin, Malanje/Angola. Foto: Flurina Rothenberger