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Ausbeutung der Meere

Editorial zum Themenschwerpunkt

Es war nicht rechtens, befand der in Hamburg ansässige Internationale Seegerichtshof im April 2014, dass die Behörden von Guinea-Bissau das Tankschiff  M/V Virginia G beschlagnahmten. Es hatte auf offener See innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone (EEZ) des westafrikanischen Landes ausländische Hochseefischerboote mit Öl betankt. Und das, obwohl der Öltransporter keine Erlaubnis zum Betanken hatte. Das sei allerdings, so der richterliche Beschluss, Ergebnis eines Missverständnisses gewesen. Damit sei die Beschlagnahme des Schiffes und seiner Fracht ein Verstoß gegen die Seerechtskonvention.

Der in Hamburg entschiedene Fall ist einer von über 20 laufenden Streitfällen des Internationalen Seegerichtshofs (ISGH). Seine Urteile spricht er auf Grundlage des Internationalen Seerechtsübereinkommens (SRÜ). Für die handwerkliche Fischerei entlang der westafrikanischen Küste fühlt sich der Schiedsspruch gegen Guinea-Bissau an wie ein Auflaufen auf Grund. Nicht nur, dass die lokale Fischerei mit abnehmenden Fangquoten zu tun hat, unter anderem weil schwimmende Fischfabriken vor den Küsten die Gewässer überfischen. Es steht auch dafür, wie schwer diejenigen zu kontrollieren sind, die aufgrund technischer Übermacht die Nutzung der marinen Naturgüter für sich beanspruchen. Und das, obwohl sich mit dem Seerechtsübereinkommen 166 Länder darauf verständigt haben, die Weltmeere als Gemeingut allen gleichermaßen zugänglich zu machen und für ihren Schutz zu sorgen.

Ein Blick in die laufenden Streitfälle am ISGH zeigt, wie umstritten dies in der Praxis ist: Wenngleich die Weltmeere und der Meeresgrund nicht als Teile staatlicher Territorien, sondern als Gemeingut definiert sind, spitzt sich der Kampf um Nutzungsrechte an marinen Ressourcen zu. Die ökonomischen und territorialen Begehrlichkeiten von Staaten und Konzernen setzen sich inzwichen bis in die Tiefen der pazifischen Gräben fort.

2012 brach ein Streit um die Grenze der Ausschließlichen Wirtschaftszone im Golf von Bengalen aus: Myanmar und Bangladesch wetteiferten um die hier liegenden Öl- und Gasressourcen (Bangladesch gewann den Fall vor dem ISGH). Derweil werden entlang der Küsten Bangladeschs Mangrovenwälder und fruchtbare Äcker in Garnelenfarmen für die Exportwirtschaft umgewandelt (siehe S.34). Während die KonsumentInnen der Importländer von Seafood über die Herkunft der Ware oder die Bedingungen des Fangs meist nicht informiert sind, schwindet die wichtigste Ernährungsgrundlage von einer Milliarde Menschen (siehe S.28). Doch es geht nicht nur um Fisch. Die Weltmeere – und damit rund 60 Prozent der Erdoberfläche – sind für die Energie- und Rohstoffgewinnung sowie den globalen Transport von Gütern zentral. Ein Viertel der weltweiten Ölfördermenge stammt aus der Offshore-Gewinnung, und 90 Prozent des grenzüberschreitenden Warenhandels (Rohöl inbegriffen) wird über See abgewickelt. Entlang der Seerouten mit den Häfen als Knotenpunkten ist die ungleiche internationale Arbeitsteilung der globalisierten Ökonomie ziemlich gut abgebildet. Das bekommen nicht zuletzt die Seeleute zu spüren (siehe S.26).

Wer die Schätze der Tiefsee in die industrielle Wertschöpfungskette einschleusen kann, darüber entscheidet nicht nur die Internationale Meeresbodenbehörde auf Jamaica (siehe S.20), sondern auch das Vermögen eines Staates, in Forschung und Technik investieren zu können (S.5). In diesem Konkurrenzkampf ziehen ärmere Länder den Kürzeren.

Das Energiepotenzial der Weltmeere ist gigantisch, schreibt der Energiekonzern RWE, die Energie aus dem Meer könne eines Tages die Energiegewinnung aus Wind- und Wasserkraft an Land weit übertreffen. Diese Aussage zeigt nicht nur das Interesse des Energiesektors an den Meeren. Sie steht primär für eine Irreführung. Denn auf dem Industriestandort Meer werden nicht nur Rohstoffe und Energie gewonnen, sondern auch verbraucht. Die 15 größten Schiffe weltweit emittieren in einem Jahr so viele Stickstoffoxide und Schwefeldioxid wie etwa 760 Millionen Pkw. Zudem sind Öl- und Gasförderung ebenso wie Transport und Rohstoffförderung mit enormer Umweltbelastung verbunden (S.22): Veröltes Federvieh, tote Robben und vermüllte Küsten sind nur die sichtbaren Folgen. Plastikberge auf dem Meeresgrund, bröckelnde Riffe sowie sich verschiebende Meeresströme sind weitere  gefährliche Folgen.

 

Das Problem beginnt an Land und macht vor der Küste nicht halt: Die rücksichtslose kapitale Verwertung der Ressourcen. Die Grenzen zwischen Land und Meer verschwimmen dabei immer mehr, wie der Zusammenhang von Klimawandel und Versauerung der Meere verdeutlicht (S. 38). Vor allem im Hinblick auf die Verschmutzung der Meere, die Zerstörung der Riffe und die Ausbeutung der marinen Nahrungsressourcen dürften die sozialen Folgen für die Ärmeren dramatisch sein. Dabei übernehmen in aller Regel die Macht- und Mittellosen  die schlecht bezahlten Jobs: beim Zerschneiden von Schiffswracks, an den Fließbändern der Fischfabriken, beim Ausbringen chemischer Zusatzstoffe in den Garnelenfarmen. Immer schon war das Meer nicht nur Gegenstand von Naturausbeutung, sondern auch Ort der Ausbeutung von Menschen.

 

die redaktion

 

 

Wir danken der Deutschen Stiftung Meeresschutz und
Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst

für die Förderung des Themenschwerpunktes.

346 | Ausbeutung der Meere
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