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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 346 | Ausbeutung der Meere Thomas Schmidinger: Gora

Thomas Schmidinger: Gora

Slawischsprachige Muslime zwischen Kosovo, Albanien, Mazedonien und Diaspora. Wiener Verlag für Sozialforschung, Wien 2013. 167 Seiten, 24,90 Euro.

Gorani in der Diaspora

Auf dem Westbalkan liegt zwischen Albanien, Mazedonien und dem Kosovo die wenig bekannte transnationale Region Gora. Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger nähert sich dieser an Konfliktkonstellationen reichen Gegend aus der Perspektive einer marginalisierten Bevölkerungsgruppe: Den Gorani, slawischsprachigen Muslimen.

Gora (südslawisch für Berge) ist durch eine lange Migrationsgeschichte geprägt, deren Anfänge ins Osmanische Reich zurückreichen. Zu Zeiten der Jugoslawischen Republik gingen Gorani als ‚Gastarbeiter’ nach Westeuropa. Schmidinger zeichnet dies hauptsächlich an der 1966 begonnenen Migration nach Österreich nach. Damals wie heute ist die (temporäre) Arbeitsmigration der meist männlichen Familienmitglieder eine wichtige Einkommensquelle für die Familien in den Bergdörfern.

Beim Zerfall Jugoslawiens sind die Gorani im Kosovo zwischen die Fronten des serbisch-albanischen Konfliktes geraten, liegt doch ihre kulturelle und religiöse Identität quer zu den großen Nationalismen der Region. Als nicht-albanische Minderheiten wurden sie von der serbischen Regierung gegen die albanische Nationalbewegung instrumentalisiert, was bis heute anhaltendes Misstrauen und Auseinandersetzungen zwischen AlbanerInnnen und Gorani schürt. Dies führte zu ihrer weiteren politischen und ökonomischen Marginalisierung, die sie zur Migration etwa nach Serbien, Mazedonien, Deutschland, Österreich oder Italien bewegt.

Heute beeinflussen zwei Faktoren das Migrationsgeschehen: Einerseits die nationalistischen Grenzziehungen und daraus folgende erhöhte Hindernisse der Migration in urbane Zentren der Westbalkanstaaten, andererseits das europäische Migrationsregime, das Flucht und Arbeitsmigration in EU-Staaten so gut wie verunmöglicht.

Anknüpfend an eine bisher dürftige Literaturlage beruht die Analyse auf Feldforschungen und Interviews in Gora und in der österreichischen Diaspora. Das theoretische Fundament bilden sozialanthropologische und entwicklungssoziologische Ansätze über Peripherisierung und ungleiche kapitalistische Entwicklung, sowie neuere Ansätze zu transnationaler Migration und Diaspora. Das Hauptaugenmerk Schmidingers liegt auf der goranischen Diaspora in Österreich, die sich größtenteils aus kosovarischen Gorani zusammensetzt.

Heute leben mehr Gorani außerhalb als in der desolaten Region – außer im Sommer, wenn die Diaspora für die Ferien zu den Familien zurückkehrt. Für die Zusammensetzung der Diaspora ist es charakteristisch, dass sie sich an den jeweiligen Zielorten aus Personen des gleichen Dorfes konstituiert. Veranschaulicht wird dies an dem stark von Auswanderung nach Österreich betroffenen kosovarischen Dorf Rapča. Unter ihnen sind viele AsylbewerberInnen, deren Chancen auf einen positiven Asylbescheid seit 2009 jedoch noch schlechter stehen – seitdem gilt der Kosovo als »sicheres Herkunftsland«.

Schmidingers kritische Analyse wird gestützt durch persönliche Erfahrungen, Karten- und Bildmaterial, Interviewzitate und ethnographische Beschreibungen. Dem in der antirassistischen Flüchtlingsarbeit erfahrenen Autor ist es ein persönliches Anliegen, wenn er über den Umgang mit goranischen AsylbewerberInnen in Österreich schreibt.

Diese erste deutschsprachige Publikation über Gorani ist keine umfassende Ethnographie, sie soll weitere Forschung anregen. Doch gewährt bereits sie detaillierte Einblicke, die nicht nur bei einer akademischen Leserschaft Interesse wecken dürften. Für alle, die neugierig werden, bietet der Anhang Reisehinweise.

Johanna Paul

346 | Ausbeutung der Meere
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