Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 346 | Ausbeutung der Meere Das vorerst letzte Grenzland

Das vorerst letzte Grenzland

von Kai Kaschinski

Die nachholende Industrialisierung der Weltmeere wird intensiviert. Bedeutend für die Globalisierung waren die Meere immer schon, sei es als Handelsweg oder als Fanggebiet. Der ökonomische Zugriff auf die Ozeane hat sich aber beschleunigt. Mehr denn je begehrt die Industrie die Ozeane als Produktionsstandort und Ressourcenlager. Die Nord-Süd-Politik hinkt diesem Megatrend hinterher.

Im Jahr 1886 eröffnete die Reederei Norddeutsche Lloyd die Reichspostdampfer-Linien. Mit dem aggressiven Streben nach dem eigenen »Platz an der Sonne« hatte Deutschland unter anderem im Pazifik Kolonien in Besitz genommen. Unterstützt mit staatlichen Subventionen, stellten die Schifffahrtslinien der Bremer Reederei den Post- und Personenverkehr zwischen dem Kaiserreich und vielen seiner Kolonien sicher. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Norddeutsche Lloyd zur zweitgrößten Reederei der Welt – allerdings vor allem mit der Verschiffung von Auswandernden in die USA. Zur gleichen Zeit wurde die Hamburg-Amerika Linie, die Konkurrenz aus der Nachbarstadt, unter dem Motto »Mein Feld ist die Welt!« zur Nummer Eins unter den Reedereien.

Heute besitzen deutsche Reeder etwa 3.000 Handelsschiffe und stehen damit im internationalen Ranking auf Platz 3. Ein Umstand, der in Deutschland genauso wenig Beachtung findet wie viele andere Aspekte der Meerespolitik und den damit verbundenen maritimen Interessenslagen. Dementsprechend wurde der erhebliche Bedeutungszuwachs, den dieser Politikzweig in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren erfahren hat, in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Dies gilt auch für die entwicklungspolitische Szene, die aufgrund des globalen Charakters der Meerespolitik an sich Grund genug hätte, sich eingehender mit dem Themenfeld auseinanderzusetzen.

Fragen zur Ernährungssicherheit, zur Ressourcenkrise, zum Welthandel, zum Umweltschutz, zu Migration und Militärpolitik sind heute nur unter Berücksichtigung der Lage auf den Ozeanen umfassend zu diskutieren. Die Meere sind schon lange mehr als nur Handelsweg und Fanggebiet. Sie verändern sich grundlegend. Sie sind zum Produktionsstandort und Ressourcenlager geworden. Fisch wird nicht nur gefangen, sondern gezüchtet und genetisch verändert. Fast die Hälfte der Fische und Meeresfrüchte, die verzehrt werden, werden heute in der Aquakultur hergestellt. Moderne Containerschiffe, ihre uniformen Boxen und eine intelligente Logistik machen die Schifffahrtswege zum festen Bestandteil der internationalen Produktionsprozesse. Globalisierung ist ohne den Containerverkehr nicht denkbar, er bewegt rund 90 Prozent der internationalen Güter (gemessen an ihrem Gewicht).

 

Energiehunger auf See

Das auf dem Weltmarkt verfügbare Erdöl und -gas stammt inzwischen zu gut einem Viertel aus dem Meer. Insgesamt über zwei Millionen Menschen arbeiten auf tausenden von Offshore-Plattformen, die sich vor den Küsten mit ihren Förderanlagen zu den marinen Lagerstätten vorgraben. Zu den Erdölplattformen kommen zahlreiche Windkraftwerke hinzu, mit denen die Energieproduktion in erheblichem Umfang auf See verlagert werden soll. Kabel und Pipelines durchziehen den Meeresboden. 100 Milliarden Euro sind in den kommenden Jahren allein für den Bau von Windenergieanlagen in der Nordsee eingeplant.

Die Küstengebiete werden großflächig in Schachbrettmuster unterteilt. Für die einzelnen Felder werden Lizenzen erworben. Entlang der Westküste Afrikas haben die Staaten ihre Wirtschaftszonen in eine Unzahl von einzelnen Claims aufgeteilt. Die brasilianische HRT Oil & Gas hält seit 2011 vor Namibia die Rechte für zwölf Claims mit einer Fläche von insgesamt 68.800 Quadratkilometern. Die multinationale Tullow Oil plc hat mit Mauretanien zwischen 2001 und 2012 neun Lizenzverträge für rund 42.000 Quadratkilometer große Fördergebiete abgeschlossen. Von der über drei Millionen Quadratkilometer großen Wirtschaftszone Indiens waren bereits 2012 über ein Drittel für die Erdöl- und Erdgasförderung vergeben.

Die Küsten sind der Ausgangspunkt für den Industrialisierungsprozess auf den Weltmeeren. Sie stellen das neue Grenzland dar. Von hier geht der Vorstoß ins Meer aus. Die Erdölförderung mit all ihren Konsequenzen hat die Tiefsee bereits erreicht. Das tragische Paradebeispiel für die damit einhergehenden Umweltrisiken und die sozialen Bedrohungsszenarien ist die Explosion der Deepwater Horizon mit anschließender Rekordölpest im Golf von Mexiko.

Brasilien ist der Schrittmacher dieser Entwicklung. Im Oktober versteigerte Brasilien medienwirksam das Feld Libra 170 Kilometer vor seiner Atlantikküste, dessen Ölvorkommen auf zwölf Milliarden Barrel geschätzt wird, an ein internationales Konsortium. 40 Prozent dieses Konsortiums hält der halbstaatliche brasilianische Konzern Petrobras, je ein Fünftel Shell und Total sowie je ein Zehntel CNOOC und CNPC aus China. Im Laufe der 35jährigen Konzession werden staatlicherseits allein für dieses Feld Einnahmen durch Lizenzgebühren, Steuern und Anteile an der Ölförderung in Höhe von etwa 336 Milliarden Euro erwartet. Das Ölvorkommen liegt rund 6.000 Meter unter der Meeresoberfläche. Gut 2.000 Meter hoch ist die Wassersäule, danach folgen Gesteins- und Salzschichten, die durchbrochen werden müssen.

 

Von Einbäumen zu schwimmenden Fischfabriken

Nach Erdöl sind Fisch und Meeresfrüchte das zweitwichtigste Exportgut der Länder des Globalen Südens. Sie bestreiten mehr als 60 Prozent der Weltexporte, wobei gut zwei Drittel der Exporte in Industrieländer gehen. Ihre Gewinne in diesem Sektor lagen 2010 bei 27,7 Milliarden US Dollar. Die gesamte europäische Fischwirtschaft ist vom Angebot auf dem Weltmarkt abhängig: Kein anderer Wirtschaftsraum importiert mehr Fisch als die EU.

Von den weltweit rund 38 Millionen Fischern sind zirka 90 Prozent Kleinfischer. Mindestens 200 Millionen Menschen waren es nach Datenlage der Welternährungsorganisation (FAO), die 2010 im Fischfang, in der Fischzucht, im Handel mit Fisch und Meeresfrüchten oder in deren Weiterverarbeitung beschäftigt gewesen sind. Werden die Familienangehörigen in die Rechnung mit einbezogen, so waren laut dem FAO-Bericht zu Fischerei und Aquakultur von 2014 zehn bis zwölf Prozent der Weltbevölkerung ökonomisch von der Fischerei und Fischzucht abhängig. (s. S. 34).

Als eine der ältesten menschlichen Nutzungen der Meere war die Fischerei als erstes von Industrialisierungsvorhaben betroffen. Trawler orten die Fischschwärme heute mit Hilfe modernster Echolote und werfen ihre Netze in immer größere Tiefen aus. 600 Tonnen Fisch können die Supertrawler täglich an Bord holen. Tausende von Tonnen werden dort während einer Fahrt direkt verarbeitet und gefrostet. Während die industriellen Fischfangflotten so in etwa die Hälfte der Weltfangmenge einbringen, wird die andere Hälfte von der Kleinfischerei gefangen, in der sowohl motorisierte Krabbenkutter als auch Einbäume zusammengefasst werden. Angesichts der Überfischung der Bestände steigt der notwendige Aufwand, um die Netze zu füllen, beständig.

Vor diesem Hintergrund ist die Fischerei global gekennzeichnet durch eine Konkurrenz zwischen Kleinfischerei und industrieller Fischerei. 2012 bei der Vorstellung seines Berichts »Fisheries and the Right to Food« verglich der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter, die Art und Weise, wie sich die Reedereien großer Industrieschiffe die marinen Nahrungsressourcen aneignen, mit dem Land-Grabbing und prägte den Begriff des Ocean-Grabbings. Zum Schutz der Meere empfahl de Schutter unter anderem die Einrichtung exklusiver Zonen für die Kleinfischerei, ein hartes Durchgreifen gegen das Eindringen von industriellen Trawlern in diese Zonen, die Unterstützung von Kooperativen der Kleinfischer und der Verbesserung ihrer Wertschöpfungsketten sowie das Unterbinden von Großprojekten, die ihre Existenzgrundlagen gefährden.

 

Ocean Grabbing mittels Tiefseeschürfen

Der nächste bevorstehende Schritt in der Industrialisierung der Meere ist die Erweiterung des Abbaus mariner mineralischer Ressourcen. Entsprechend der Entwicklung im Erdölsektor wird die Erschließung der Lagerstätten von Manganknollen, Massivsulfiden und Erzkrusten in der Tiefsee geplant. Mittlerweile ist es keine Frage mehr des Ob, sondern nur noch eine Frage des Wann. Was vor zehn Jahren noch wie Zukunftsmusik klang, rückt in greifbare Nähe: Förderanlagen in mehreren tausend Metern Tiefe unter der Meeresoberfläche.

Deutschland besitzt Lizenzen bei der Internationalen Meeresbodenbehörde (IMB) in Kingston auf Jamaika für Gebiete im Pazifik und im Indischen Ozean. Allein das deutsche Gebiet im Pazifik umfasst mit 75.000 Quadratkilometern eine Fläche, die in etwa der Größe Niedersachsens und Schleswig-Holsteins entspricht. Auf Basis der UN-Seerechtskonvention von 1982 vergibt die IMB dort die Lizenzen für die Förderung mineralischer Ressourcen auf und im Meeresboden in dem als Area bezeichneten Gebiet jenseits der Ausschließlichen Wirtschaftszonen, die den Küstenstaaten zur Nutzung überlassen und in der Regel 200 Seemeilen weit reichen (s.S. 35). Zugleich reglementiert die IMB die dortigen Nutzungsbedingungen im Rahmen des UN-Seerechtsübereinkommens (SRÜ).

Es ist eine nachholende Industrialisierung, eine qualitativ neue Entwicklung; eine Kultivierung der See, die mit dem Tiefseeschürfen eingeleitet wird. Nicht neu ist die Motivation, hier einen neuen Wirtschaftsraum schaffen zu wollen, dessen Ressourcen verwertbar gemacht und den Produktionsprozessen zugeführt werden, um Wachstum zu erzeugen. Die Vorgehensweise bei dieser Integration der Meere in die globalisierte Ökonomie ähnelt indes mehr neoliberalen Strategien als der Utopie von einem unbekannten Land, dessen Entdeckung allen Menschen zugute kommt. Die auf den Meeren mit dem SRÜ verankerte Idee vom Meer als Gemeingut der Menschheit, ihrem letzten Erbe, wird in diesem Prozess denn auch von vielen Seiten her in Frage gestellt. Stattdessen werden Nationalisierungs- und Privatisierungsbestreben verfolgt und verbreiten sich. Die sich auf See entfaltende Dynamik ist in dieser Hinsicht in erster Linie eine Reaktion auf die Ressourcenkrise an Land und lässt sich mit dem weltweit intensivierten Zugriff auf Natur erklären. Mit der Industrialisierung der Meere sollen wie mit der Green Economy noch einmal die planetaren Grenzen für Rohstoffe und die Belastung der Ökosysteme verschoben werden. Es wird Platz geschaffen, um die alten Fehler noch einmal wiederholen zu können und sich nicht mit ihren Konsequenzen auseinandersetzen zu müssen.

Zu dieser Einschätzung passt das 2012 von der EU verabschiedete Blue-Growth-Programm, das an die im Blauen Buch von 2007 formulierte maritime Strategie der Union anschließt. Blaue Energie, Aquakultur, Meeres-, Küsten- und Kreuzfahrttourismus, Meeresbodenschätze und Blaue Biotechnologie sollen zu den Kernbereichen einer blauen europäischen Wachstumspolitik werden. Blue Growth soll laut EU zu einer »Initiative zur Erschließung des ungenutzten Potenzials der europäischen Ozeane, Meere und Küsten für Beschäftigung und Wachstum« ausgebaut werden. Innovationen in diesen Bereichen sollen der maritimen Wirtschaft, der EU-weit 5,4 Millionen Arbeitsplätze und eine Bruttowertschöpfung von fast 500 Milliarden pro Jahr zugerechnet werden, und damit der Wettbewerbsfähigkeit der EU einen Schub geben.

Es gibt viele gute Ansatzpunkte, um sich mit Nord-Süd-Fragen zu beschäftigen. Die Meerespolitik dabei auszublenden oder auf ein Umweltproblem zu reduzieren, ist allerdings wenig sinnvoll. Denn das bedeutet, über zwei Drittel des Planeten unbeachtet zu lassen.

 

 

Kai Kaschinski ist Projektleiter von Fair Oceans in Bremen (www.fair-oceans.info).

 

346 | Ausbeutung der Meere
Cover Vergrößern
Südnordfunk zum Thema

Zur Südnordfunk-Sendung

"Ausbeutung der Meere"

Meere4.JPG