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Hefteditorial

Die Dramatik des Problems

Die Anschläge von Paris rückten auf denkbar grausame Weise ins Bewusstsein europäischer Öffentlichkeiten, dass der Dschihadismus seinen Machtanspruch auch in europäischen Städten geltend macht. Gerade viele Medienschaffende empfanden das Massaker an den Charlie Hebdo-RedakteurInnen als Angriff auf ihr eigenes Milieu, auf ihr Selbstverständnis und ihre Werte. Die Morde im koscheren Supermarkt machten zugleich bewusst, wie sehr der Dschihadismus von einem zu allem entschlossenen Antisemitismus angetrieben wird.

Das ehrliche Erschrecken darüber und der Wille, dem Dschihadismus nun auf allen Ebenen entschiedener denn je entgegen zu treten, sind absolut nachvollziehbar. Doch sollte darüber nicht in Vergessenheit geraten, dass es nicht in erster Linie weiße, nichtmuslimische EuropäerInnen sind, die im Visier der verschiedenen dschihadistischen Gruppierungen stehen. Denn in vielen Ländern des Globalen Südens ist die Bedrohung durch sie ungleich größer.

Im Nahen Osten und in Afrika werden schon seit längerem unzählige Orte und ganze Regionen von dschihadistischen Besatzern in Beschlag genommen. Die dort lebende Bevölkerung ist einem kaum vorstellbaren brutalen Terror ausgesetzt. Der Vormarsch des Islamischen Staates in Irak und Syrien kostete tausende Menschenleben, noch immer sind täglich neue Opfer zu beklagen.

In Nigeria kontrollierte die Islamistengruppe Boko Haram Anfang Februar etwa 130 Städte und Dörfer. Im Nordosten ist ein Gebiet der Größe Belgiens unter ihrer Vorherrschaft, etwa 15.000 Menschen starben bei den Kämpfen. Im Januar brannte Boko Haram die Stadt Baga nieder. Die Islamisten stehen nun vor der Hauptstadt der Provinz Bornovor, der Millionenstadt Maiduguri, wo Boko Haram früher ihr Hauptquartier hatte. Bewaffnete BürgerInnen aus Maiduguri stellen sich der Terrormiliz entgegen, denn die staatliche Armee ist dazu mangels Unterstützung durch die nigerianische Politik weder fähig noch willens.

In den letzten Jahren kamen aus so vielen Ländern Berichte über eskalierende Aktivitäten dschihadistischer Gruppen, dass selbst politisch interessierte BeobachterInnen den Überblick verloren: Ägypten, Afghanistan, Algerien, Indonesien, Irak, Jemen, Kenia, Libanon, Libyen, Mali, Marokko, Niger, Pakistan, Palästina, Somalia, Sudan, Syrien, Tschetschenien…

Wie wenig die dschihadistische Landnahme in Somalia, Jemen, Nigeria, Syrien oder Gaza bisher die westlichen Öffentlichkeiten aufrüttelte, ist frappierend. Es brauchte wohl, und das ist beklagenswert, die Anschläge von Paris, um die Dramatik des Problems auf die globale Tagesordnung zu bringen. Und nun?

Zunächst bedarf es einer Klarstellung, insbesondere vor dem Hintergrund, dass immer mehr Stimmen laut werden, die ein massives militärisches Eingreifen etwa durch NATO-Truppen fordern und sich die Sache damit leicht machen: Die Frontstellung beim Kampf gegen den Dschihadismus ist nicht MuslimInnen versus Westen, sondern dschihadistische Terroristen versus Menschheit. Als eine vor nichts zurückschreckende Missionierungsbewegung kämpfen Dschihadisten gegen alle, die ihnen nicht uneingeschränkt folgen. Die meisten Opfer dabei sind MuslimInnen – ein Fakt, das allzu oft übersehen wird.

Nirgendwo kämpfen schon heute mehr Menschen gegen den Islamismus als in denjenigen Ländern, wo er am stärksten ist, und nirgendwo zahlen sie dafür einen höheren Preis. Die syrische Stadt Kobane wurde unter gewaltigen Anstrengungen durch kurdische KämpferInnen vom Islamischen Staat befreit. Doch Kobane ist nun zerstört. Den Wiederaufbau dort zu unterstützen, wäre ein wichtiges Zeichen der Solidarität. Dazu müssen europäische Regierungen jedoch durch kritische Öffentlichkeiten gezwungen werden. Anders als die Gratissolidarität nach den Pariser Anschlägen kostet Wiederaufbau Geld. Und anders als Waffenexporte an Saudi Arabien spült er kein Geld in die Kassen europäischer Fabriken des Todes.

Auf den folgenden fünf Seiten dokumentieren wir Kommentare, die in den Tagen nach den Anschlägen von Paris geschrieben wurden. So unterschiedliche Akzente die Autoren setzen, so sehr zeichnet sie alle aus, die Dramatik des Problems erkannt zu haben. Dennoch propagieren sie nicht vermeintlich einfache Lösungen wie militärische Interventionen. Der Kampf um Befreiung ist auch im Falle des Dschihadismus in erster Linie einer um die Köpfe.

 

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