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Editorial

Zwei, drei, viele Hoffmanns?

»Es war wohl die schönste Meldung der letzten Zeit. Kobane ist frei! Nach über vier Monaten Belagerung durch den Islamischen Staat haben die mutigen Kämpfer_innen der Selbstverteidigungskräfte YPG, der Fraueneinheiten YPJ und weitere Gruppen die Stadt befreit und dem IS seine erste große Niederlage zugefügt.« Tierra y Libertad, die »Zeitschrift für Solidarität und Rebellion«, überschlägt sich fast vor Begeisterung. Normalerweise widmet sich das Blatt vor allem den aufständischen Zapatistas im mexikanischen Bundesstaat Chiapas, doch diesmal sind es kurdische Guerillas, denen die Solidarität gilt. In Anlehnung an eine alte Soli-Parole zum sozialistischen Nord-Vietnam endet der flammende Aufruf zu Spenden für den Wiederaufbau Kobanes mit den Worten: »Schaffen wir zwei, drei, viele Rojavas!« Bebildert ist er mit einem Foto, das uniformierte kurdische Frauen in lachender Siegerinnenpose zeigt. Prominent in der Bildmitte platziert ist ein gen Himmel gerecktes Gewehr.

Es sind längst überwunden geglaubte Formen von Politkitsch und Verherrlichung des bewaffneten Kampfes, die derzeit in der deutschen Linken erneut Konjunktur haben. Die Empathie für die KämpferInnen gegen den IS lässt die Solidaritätsbewegten sogar über allerhand hinweg sehen, was sie ansonsten überhaupt nicht ausstehen können: Über Waffen und Uniformen, vor allem aber über die Tatsache, dass der Sieg in Kobane gegen den IS nur mit US-amerikanischer Waffenunterstützung möglich war.

Grundsätzlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, dass Linke den Kampf gegen den IS nun zu ihrem Anliegen machen. Im Gegenteil, es war längst überfällig. Jahrelang wurde von vielen ignoriert, welch gewaltige Gefahr für jede Form von Emanzipation der Dschihadismus darstellt, gleich ob es sich um Taliban, Al Qaida, Boko Haram oder den IS handelt. Das geschah meistens aus Rat- und Hilflosigkeit, nicht selten spielten aber auch das altbekannte antiamerikanische Ressentiment und ein ‚israelkritisches’ Motiv mit: Meines Feindes Feind ist

mein Freund. Kritik an den konkreten Verlaufsformen und Motiven des »Krieges gegen den Terror« war zwar vollkommen berechtigt. Sie wurde jedoch dadurch beeinträchtigt, dass allzu viele Linke sich vor der Frage drückten, wie dem immer mächtiger werdenden Islamismus sonst beizukommen ist.

Diese für die Menschen im Nahen und Mittleren Osten lebenswichtige Frage bleibt vorerst weiter offen. Sie verlangt nach großen gedanklichen und praktischen Anstrengungen und der Bereitschaft, gewohnte Welt- und Feindbilder zu hinterfragen. Es wird keine einfachen (militärischen) Lösungen gegen den Dschihadismus geben, schon gar nicht im Sinne langfristiger Ursachenbekämpfung. Möglicherweise geht es aber auch nicht ohne Waffengewalt gegen einen Gegner, der bei der Anwendung von Gewalt vor fast gar nichts mehr zurückschreckt. Über das Ob und auch das Wie mit großer Empathie und Leidenschaft zu diskutieren und dabei die Vorstellungen der vor Ort Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen, ist das Gebot der Stunde für eine Solidaritätsbewegung, die zeitgemäß sein will. Ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung könnte durchaus sein, für den Wiederaufbau von Kobane Geld zu sammeln.

 

Überhaupt nicht zeitgemäß – und schon immer falsch gewesen – sind aber jene Formen der Solidarität, die vor allem der eigenen moralischen Erbauung dienen. Nehmen wir als weiteres aktuelles Beispiel dafür das Gedenken an Ivana Hoffmann. Die 19-Jährige aus Duisburg starb am 7. März im syrischen Tell Tamer durch zwei Kugeln aus Gewehrläufen von IS-Kämpfern. Hoffmann war Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei Nordkurdistan-Türkei (MLKP) und hatte sich 2014 als Freiwillige kurdischen Einheiten beim Kampf gegen den IS angeschlossen.

Welche Beweggründe Hoffmann für ihr Handeln hatte und was sie zuletzt über den Einsatz ihres Lebens dachte, ist nicht bekannt, verdient aber Respekt, ebenso wie ihr tragischer Tod nach trauernder Anteilnahme verlangt. Aber doch bitte nicht in Form eines ikonisierenden MärtyrerInnenkultes! Genau ein solcher dominiert jedoch auf der nach ihr benannten Facebook-Seite und vielen weiteren Webseiten.

Und auch bei der gut besuchten Gedenkdemonstration am 14. März in Duisburg wurde die »Genossin Ivana Hoffmann (Kampfname Avaşin Tekoşin Güneş)« in einer Weise gewürdigt, die als Instrumentalisierung zu politischen Zwecken zu kritisieren ist. Was denken sich eigentlich Leute dabei, wenn sie im Aufruf fordern, man solle sich an »ihrer grenzenlosen Aufopferungsbereitschaft« ein Beispiel nehmen? Das fragt sich erschüttert

 

die redaktion

348 | Gesellschaftskritik im Spielfilm
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