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Editorial

die Redaktion

In den ewigen Jagdgründen

 

Neulich, morgens am Küchentisch beim Zeitunglesen: »Was ist denn mit dir los? Du guckst so bedröppelt.«

»Winnetou ist tot!«

»Der ist doch schon lange tot. Er starb 1965 im Fernsehen, in den Armen von Old Shatterhand.

»Das zählt nicht. Er ist doch wiederauferstanden. Damals haben sich hunderttausende ZuschauerInnen beim ZDF über die Ermordung von Winnetou beschwert. Die BRAVO hat sogar eine Riesenkampagne gemacht. Und prompt gab’s noch viel mehr Filme mit Winnetou. Aber jetzt ist er wirklich tot! Winnetou war Pierre Brice, und Pierre Brice war Winnetou. Irgendwie macht mich das wehmütig. Wie immer, wenn gute alte Bekannte aus Jugendzeiten auf einmal nicht mehr sind.«

»Jetzt sei doch froh, dass diese unsägliche Winnetou-Ära endgültig vorbei ist. Jahrzehntelang hat dieser reaktionäre Karl-May-Dreck die Köpfe der Leute zugemüllt! Winnetou als Prototyp des ‚edlen Wilden’, der nur deshalb edel ist, weil er strikt nach den germanozentrischen Moralvorstellungen von Karl May gestaltet war, diesem christlichen Esoteriker. Ist doch gut, wenn dieser rassistische Topos endlich aus den Medien verschwindet. Junge Leute wissen zum Glück oft schon gar nicht mehr, wer Winnetou war. Gnade der späten Geburt, sag ich nur!«

»Meine Liebe, du machst einen Fehler, wenn du die Wirkung von Figuren wie Winnetou überschätzt. Glaubst du ernsthaft, die Leute sind so blöd und merken nicht, dass es sich um eine Fantasiegestalt handelt? Die zudem total überzeichnet ist? Dass Karl May so eine Art moderne Märchen geschrieben hat? Es ist doch allgemein bekannt, dass der ein Betrüger war und seine Geschichten im Knast erfunden hat. Das ist doch grad das Lustige daran.«

»Sorry, aber den Fehler machst du, wenn du glaubst, dass Winnetou schon in den Sechzigern und Siebzigern unter der Kategorie Trash lief. Damals gab’s noch kein Hipster-Milieu, das Filme nur unter Ironiegesichtspunkten schaut. Damals haben die Leute so was wie Winnetou verdammt ernst genommen. Das hat Weltbilder in den Köpfen geprägt! Es wird noch ganze Generationen von antirassistischen und postkolonialen Bewegungen geben müssen, die dagegen ankämpfen. Schau dir bloß mal die Webseite der Karl-May-Gesellschaft an. Die meinen es noch heute vollständig ernst, wenn sie Karl May als großen Literaten feiern.«

»Na und, das haben Carl Zuckmayer, Hermann Hesse und Ernst Bloch auch getan. Es sind doch nicht nur RassistInnen gewesen, die Karl May gelesen haben. Winnetou war ein Roter. Die militanten Linken in der BRD haben das begriffen, die haben sich nicht umsonst als ‚Mescalero’ oder ‚Geronimo’ bezeichnet. Selbst die DDR kam nicht an Indianerhelden vorbei. Winnetou war halt einfach eine Integrationsfigur beim Kampf gegen das Böse.«

»Ach so, deshalb waren Hitler und Goebbels so große Fans von Winnetou? Und deshalb ließen sie 1943 noch viele tausend Stück drucken, obwohl das Papier knapp war? Damit die Soldaten der Wehrmacht bei ihrem Kampf gegen das Böse moralische Erbauung finden?«

»Spotte du nur. Die Nazis waren doch zu blöd, um zu merken, dass gerade Winnetou ihren Vorstellungen vom Arier total zuwiderlief.«

»Nun ja. Leni Riefenstahl war auch ganz vernarrt in gut aussehende afrikanische Männer. Es ist doch bezeichnend, dass die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg alljährlich in einem Amphitheater stattfinden, das Goebbels 1937 als ‚Nordmark-Feierstätte’ eingeweiht hat.«

»Da kann Winnetou doch nix dafür. Pierre Brice war als Jugendlicher sogar in der Résistance aktiv. Ich lese hier übrigens grad in der Zeitung, was er über Winnetou gesagt hat: ‚Ich kämpfe in dieser Figur nicht nur für Gerechtigkeit, sondern auch gegen Intoleranz, Gewalt und Rassismus’.«

»Pierre Brice als antifaschistischer Held? Träum weiter. Laut eigener Aussage hat er als Soldat bei Frankreichs Kolonialkrieg in Indochina drei Menschen getötet. Mich wundert es nicht, dass all die Kriegsbegeisterten Fans von Winnetou sind. Darf ich mal Ursula von der Leyen aus der Zeitung zitieren? ‚Winnetou. Der war großartig. Als Kind träumte ich davon, Winnetous Schwester Nscho-tschi zu sein.’ Wer solche Vorbilder hat, der geschieht es ganz recht, wenn sie in der heute show als ‚Flinten-Uschi’ geschmäht wird.«

»Das hat doch mit dem G36-Gewehr zu tun, nicht mit ihrer Vorliebe für Winnetou. Aber wenn du mir mit von der Leyen kommst, dann kontere ich mit Claudia Roth: ‚Bei mir hing als junges Mädchen zunächst Winnetou im Zimmer, dann irgendwann Che Guevara’.«

»Ok, ich geb’s auf. Ruhe in Frieden, Winnetou, aber ruhe!!!«

Und so möge es kommen, wünscht sich

die redaktion

(die verspricht, nie wieder so eine abgehalfterte Redewendung zu verwenden wie die von den »ewigen Jagdgründen«. Howgh!)

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