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Rössler, Daniel: Das Gegenteil von Gut... ist gut gemeint

Daniel Rössler: Das Gegenteil von Gut... ist gut gemeint. Seifert Verlag, Wien 2015. 260 Seiten, 22,95 Euro

Geschäftsmodell Waisenhaus

In Ghana werden knapp 150 private Waisenhäuser betrieben, in denen insgesamt 4.500 Kinder untergebracht sind. 90 Prozent von ihnen haben mindestens einen Elternteil, sind eingebunden in großfamiliäre Strukturen und können auf das soziale Netz ihrer Dorfgemeinschaften bauen. Dass viele dennoch in Waisenhäusern leben, ist nicht nur paradox, sondern auch eine Gefährdung des Kindeswohls: In Ghana führen vor allem die häufig wechselnden Bezugspersonen und die Distanz zum sozialen Geflecht zur gesellschaftlichen Exklusion: Wenn die ‚Waisen’ volljährig werden oder die Häuser geschlossen werden, stehen sie vor einer Lebensrealität, von der sie zuvor abgeschottet waren. Grundlegende soziale und praktische Fähigkeiten, wie Vertrauen aufzubauen, Landwirtschaft zu betreiben oder zu kochen, werden typischerweise innerhalb der eigenen Familie vermittelt.

Warum existieren die Waisenhäuser dennoch und sind voll belegt? Alle Beteiligten haben ihre eigene Motivation, um die Inszenierung der Notwendigkeit dieser Institutionen aufrecht zu erhalten: Die Direktoren und Direktorinnen verdienen an ihrem Betrieb, ebenso die Vermittlungsorganisationen und ihre PartnerInnen im Süden. Die Kinder tauschen harte Feldarbeit gegen medizinische Versorgung, Geschenke von Freiwilligen und drei Mahlzeiten am Tag. Für viele Eltern ist dieses Angebot eine viel versprechende Alternative. Die in den Waisenhäusern arbeitenden Volunteers aus dem globalen Norden können ihren HelferInnenkomplex ausleben und den Lebenslauf mit ‚sozialem Engagement’ schmücken.

Daniel Rössler reist in seinem Sachbuch Das Gegenteil von Gut… ist gut gemeint durch den Norden Ghanas und in die Hauptstadt Accra, um dort zu ergründen, wieso es Institutionen gibt, die nicht nur unnötig, sondern sogar schlecht für Kinder sind. Er beschreibt, wie und wieso das ‚Geschäftsmodell Waisenhaus’ funktioniert, wer davon profitiert und wer darunter leidet. Er zeichnet nachvollziehbare Portraits der unterschiedlichen AkteurInnen. Sowohl naive Voluntourists als auch findige GeschäftemacherInnen und gefrustetes Sozialamtspersonal kommen zu Wort. Geschickt kontextualisiert Rössler sein kurzweiliges Werk mit Einblicken in die ghanaische Kultur, Ideen der Entwicklungszusammenarbeit und dem Vermächtnis des Kolonialismus. So entsteht eine kohärente Erklärung, die die Motivation und den Beitrag der einzelnen AkteurInnen zum absurd erscheinenden Phänomen ‚Waisenhaus’ veranschaulicht.

Es wird früh klar, dass Rösslers Fazit die Forderung nach der Schließung der Waisenhäuser ist. Auch, dass er für eine moderne Sozialarbeit in den Dörfern – auf Augenhöhe mit den Familien und nach Maß – plädiert, überrascht nicht. Leider verzichtet er auf den Blick über den Tellerrand: Seine Kritik beschränkt sich auf die institutionalisierte Unterbringung der Kinder; weder dem Voluntourismus noch den altbackenen Paradigmen der Entwicklungszusammenarbeit bescheinigt er strukturelle Probleme.

Paul Sutter

 

Daniel Rössler: Das Gegenteil von Gut… ist gut gemeint. Seifert Verlag, Wien 2015. 260 Seiten, 22,95 Euro.

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