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Miler C.: Nowhere Men

Christoph Miler: Nowhere Men. Illegale Migranten im Strom der Globalisierung. Luftschacht Verlag, Wien 2015. 300 Seiten, 23,20 Euro

Nowhere Men sichtbar machen

»In Europa leben mehr als sieben Millionen illegale Einwanderer. 500.000 weitere kommen jedes Jahr hinzu. [...] Der Verlauf ihrer Geschichten ist dabei aber immer weniger das Produkt ihrer eigenen Entscheidungen – denn ganz im Gegenteil: im Zeitalter globaler Wechselwirkungen werden ihre Leben von den turbulenten Waren-, Kapital- und Informationsströmen der Globalisierung mitgerissen, umspült und durchdrungen.«

So äußert sich Christoph Miler auf seiner Homepage zu den Hintergründen seiner Publikation Nowhere Men über »Illegale Migranten im Strom der Globalisierung«. In diesem Bild- und Textband erzählt er sieben exemplarische Geschichten solcher so genannter Globalisierungsverlierer. Er wirft dabei einen differenzierten Blick auf die übergeordneten Machtstrukturen, die diese Biographien entscheidend bestimmen.

Die zahlreichen Facetten dieser Machtverhältnisse werden in kausale Beziehungen gesetzt und Miler bringt so die unannehmbaren Verhältnisse der Gegenwart präzise in einen Zusammenhang. Menschen, die ihre Existenz in irakischen Ölfeldern, in einem Slum in Mumbai, in einem nigerianischen Örtchen oder in der Hauptstadt Georgiens bestreiten, sind direkt betroffen von den Interessen beispielsweise von Lebensmittelspekulanten, Entscheidungen der westlichen Politik oder den Hetzkampagnen rassistischer Parteien.

Die semibiographischen Ich-Erzählungen sind das Ergebnis einer anderthalbjährigen Recherche Milers. Bevor die episodenhaft angelegten Beschreibungen der verschiedenen Migrations- und Lebenswege ins prosaisch Unterhaltsame übergehen und sie Gefahr laufen, von den LeserInnen bloß konsumiert zu werden, (ver-)stören jedoch Verweise auf Weltpolitik und Weltwirtschaft, deren Geschehnisse direkt oder indirekt mit den geschilderten Lebenswegen in Verbindung stehen. Die entsprechenden Dokumente der globalen Welt bestehen aus Bild- und Textfragmenten wie Zeitungsartikeln, Unternehmensberichten, Parlamentsprotokollen, Computerdaten, wissenschaftlichen Studien, Lebensmittelpreisen, Filmstills, Börsenkursen, Werbung oder Lexikon- und Blogeinträgen. Auf diese Weise bilden sich die verschiedenen Zusammenhänge und Abhängigkeiten der modernen globalisierten Welt selbst ab.

Indem der Autor seinerseits auf der deskriptiven Ebene bleibt und sowohl die betroffenen ProtagonistInnen als auch die Fakten für sich sprechen lässt, gelingt es ihm, den Opfern der Globalisierung ohne falsche Empathie auf Augenhöhe zu begegnen. Zugleich macht Milers Schilderung der Anonymität und Gnadenlosigkeit globaler Prozesse die Ohnmacht der MigrantInnen begreifbar.

Frederik Skorzinski

 

Christoph Miler: Nowhere Men. Illegale Migranten im Strom der Globalisierung. Luftschacht Verlag, Wien 2015. 300 Seiten, 23,20 Euro.

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