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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 350 | Anti-Rassismus im Süden Film: Jung, weiblich, ägyptisch

Film: Jung, weiblich, ägyptisch

von Anna-Theresa Bachmann

Die Doku »Private Revolutions« porträtiert vier Frauen aus Kairo

 

Die Dokumentation »Private Revolutions« der 36-jährigen Österreicherin Alexandra Schneider ist in einem Zeitraum von knapp zwei Jahren entstanden, in dem sich Ägypten durch weit reichende politische und gesellschaftliche Umbrüche verändert hat. Jedoch stehen in dem Film nicht etwa die Demonstrationen gegen die Übergangregierung des Militärs nach Husni Mubaraks Abdankung, die Parlamentswahlen vom November 2012 oder die Wahl des Muslimbruders Mohammed Mursi zum Präsidenten im Vordergrund. Sondern es geht um die Frage, wie sich diese historischen Ereignisse auf die Leben von vier jungen Frauen in Ägypten auswirkten.

Die Protagonistinnen könnten dabei kaum unterschiedlicher sein. Für die junge Politikwissenschaftlerin Fatema hat die Versorgung und Betreuung ihrer Kinder und ihres Mannes oberste Priorität. An zweiter Stelle folgt ihre Anstellung bei der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder, in deren PR-Abteilung sie arbeitet. Mit müden Augen und einem immer gleich bleibenden Lächeln erzählt sie von ihrem stressigen Tagesablauf. Sie trägt es auch dann noch auf den Lippen, als sie Schneider verkündet, dass die Partei einen erneuten Vertrag über Bildrechte fordert, um den Rahmen für die Filmarbeiten in ihren Räumlichkeiten abzustecken. Es ist das letzte Mal, dass Fatema innerhalb oder außerhalb ihres teuer eingerichteten Hauses vor Schneiders Kamera tritt.

Die kargen Wände im Kinderzimmer ihrer Söhne, die Sharbat liebevoll mit selbst gemalten Wandbildern zu verschönern versucht, stehen dazu im krassen Gegensatz. Sie wohnt mit ihrer Familie in einem der zahlreichen Armenviertel der Stadt. Sharbat geht nicht nur gegen eine Diktatur in der Politik auf die Straße, sondern begehrt auch gegen einen Diktator zu Hause in Gestalt ihres Ehemannes auf. Beides verursacht Missgunst innerhalb ihrer Nachbarschaft, deren BewohnerInnen sich zudem daran stören, dass Sharbats Söhne bereits wissen, wie man eine Gasmaske richtig trägt. Denn ihre Kinder nimmt sie zu den Protesten kurzerhand mit. »Wenn ihr sterbt, habe ich wenigstens meine Ruhe«, entgegnet darauf ihr Mann.

Keine Kinder haben hingegen Amani und May, die ihre Umgebung durch den Fakt, dass sie unverheiratet sind, mächtig vor den Kopf stoßen. Die Nubierin May, die aus einer erfolgreichen Bankiersfamilie stammt, hängt ihren gut bezahlten Job an den Nagel, um ein Sozialprojekt in der konservativen Heimat ihrer Eltern im Süden Ägyptens auf die Beine zu stellen. Einen eher ungewöhnlichen Karriereweg hat auch Amani hinter sich, die bereits im Alter von Mitte 20 nicht nur ihren eigenen Verlag gegründet und ein Buch geschrieben hat, sondern auch eine Radiostation mit dem Namen »Banat Wa Bas« (Nur für Mädchen) betreibt. Mit Hilfe beider Medien möchte sie Aufklärungsarbeit über die Situation junger Frauen in der arabischen Welt betreiben. Ein für sie persönlich sehr wichtiges Thema ist dabei die weibliche Genitalverstümmlung, eine grausame Praxis, die sie selbst als Kind über sich ergehen lassen musste, wie sie Regisseurin Schneider anvertraut. Als Amani eines Tages ihr Büro verwüstet auffindet, wird ihr klar, dass sie sich mit ihrer Arbeit auch in Gefahr bringt.

Schneider begleitet die vier Frauen zusammen mit ihrem Filmteam auf einfühlsame Weise – während des Hochgefühls des Eifers und der Euphorie ebenso wie in Momenten herber persönlicher und politischer Rückschläge. Die Dokumentation lebt aber nicht nur von den mitreißenden Geschichten der vier Frauen, sondern auch von den Aufnahmen Kairos, jener riesigen Metropole, die abgesehen von den nahe gelegenen weltberühmten Pyramiden oftmals nur wenig Glanz zu bieten hat. Unkommentiert ziehen Aufnahmen schmaler Gassen, unverputzter Häuser und der alltäglichen Verkehrsstaus an den ZuschauerInnen vorbei.

Auf der einen Seite vermisst man in »Private Revolutions« erklärende Worte über größere Zusammenhänge, die den Verlauf der politischen Geschehnisse oder deren Hintergründe verdeutlichen. Auf der anderen Seite verschafft die so gewonnene Stille Zeit für den eigenen Gedankenfluss und Verschnaufpausen, die angesichts einer Reihe bedrückender Aussagen notwendig sind. Außerdem rückt der Fokus dadurch noch näher auf die vier Frauen, die hier auf subjektive Weise ihre Versionen der Geschichte erzählen. Etwas irritierend wirkt dabei die nicht ganz geklärt scheinende Rolle der Regisseurin: Sie hält sich zunächst eher zurück, um dann gegen Ende der Dokumentation doch im Bild zu erscheinen. Vielleicht möchte Schneider dadurch aber auch zeigen, wie intensiv sie die Frauen und die Ereignisse beschäftigt haben (siehe Interview im Kasten). Eine Empfindung, die wohl die meisten ZuschauerInnen nach 98 Minuten an sich selbst wahrnehmen werden.

So scheinen die Geschichten am Ende der Dokumentation noch längst nicht auserzählt. Vielmehr fragt man sich, wie der Alltag der vier Frauen heute aussieht, wie sich ihre Projekte und Träume in einem Ägypten verwirklichen lassen, dessen politische Neuordnung nach den turbulenten letzten Jahren höchst kritisch zu hinterfragen ist. Dennoch bleibt in Form der hier vorliegenden Dokumentation die Erinnerung daran bestehen, dass die großen Revolutionen ohne die nicht weniger wichtigen privaten undenkbar sind. »Ich hoffe, dass wir in zehn Jahren die Früchte der Revolution ernten«, sagt Sharbat und wendet ihren Blick ab. Man möchte mit ihr hoffen.

 

Private Revolutions – Jung, Weiblich, Ägyptisch. Regie: Alexandra Schneider. Österreich 2014, 98 Min. Englisch, Arabisch (Dt./Eng. UT) www.privaterevolutions-film.com

Der Film lief bereits in Österreich und wird ab Herbst 2015 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen sein und vorher z.B. auf der dokfilmwoche Berlin Kreuzberg.

 

 

Anna-Theresa Bachmann ist Mitarbeiterin im iz3w.

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