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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 350 | Anti-Rassismus im Süden Melber, H. and Hudson, H. (Hg.): Contextualizing African Identities

Melber, H. and Hudson, H. (Hg.): Contextualizing African Identities

Henning Melber and Heidi Hudson (Eds.): Contextualizing African Identities. Othering and the Politics of Space. Africa Insight, Special Issue, Vol. 44, No. 1, 2014. 208 Seiten.

Afrikanische Identitäten und Abgrenzungen

Identitätszuschreibungen und -konflikte sind für viele politische und sozioökonomische Probleme in afrikanischen Ländern ausschlaggebend. Wie dieser Befund sich konkret gestaltet, davon handelt das aktuelle Themenheft der südafrikanischen Zeitschrift Africa Insight. Regionaler Schwerpunkt ist das südliche Afrika, zudem werden Fallstudien zu Ruanda, Libyen und Nigeria hinzugezogen.

Nach einer programmatischen Einleitung der HerausgeberInnen geht es im ersten von vier Teilen um Wissen und Macht. Die Auseinandersetzung mit der Wissensproduktion in den Afrikawissenschaften umfasst postkoloniale Positionen, aber auch Pluralisierungen der Diskurse. Hier wird die Wissensproduktion und -kontrolle ebenso in Frage gestellt wie die These, Diversity sei ein Schlüssel zur Überwindung von Hegemonie. Viel wichtiger seien emanzipatorisches Wissen und kritische Wissenschaft. Ausdrücklich wird die Verantwortung der Forschenden angemahnt, eine von afrikanischen Intellektuellen vorgebrachte Forderung, die weit über Stellenbesetzungen nach Hautfarbe und Herkunft hinausgeht.

Von Herrschaftsverhältnissen in der Academia führt der zweite Teil des Themenheftes zu Gender und Körper. Die AutorInnen prangern geschlechtsspezifische Gewalt in Konflikten an, etwa in Ruanda und Libyen. Durch die Detailanalysen und den Vergleich der Fallstudien treten strukturelle Gemeinsamkeiten und Spezifika in verschiedenartigen Konfliktkonstellationen und politisch gelenkten Prozessen des »Othering« südlich und nördlich der Sahara zu Tage. Auch die Rolle staatlicher Institutionen im Umgang mit hohen Gewaltraten wird untersucht. Hier konzentriert sich die Analyse auf Südafrika, das einerseits bei geschlechtsspezifischen Gewaltraten weltweit führend ist, andererseits aber eine international vorbildliche geschlechtergerechte Verfassung hat. Diese Kluft zeigt sich insbesondere hinsichtlich der Gleichstellung von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität und der extremen homophoben Gewalt. Das diskriminierende »Othering« schwarzer Lesben, an dem sogar MinisterInnen mitgewirkt haben, und künstlerische Gegenstrategien sind deshalb besonders wichtige Themen in diesem Heft.

Im dritten Teil richten die AutorInnen ihren Fokus auf die Verantwortung von Regierenden im »Othering« unter Bezug auf Ethnizität und Nationalität, eindrucksvoll illustriert an Beispielen aus Ruanda und Simbabwe. Detailliert wird nachgewiesen, wie malawische FarmarbeiterInnen vom Mugabe-Regime in Simbabwe nach dessen Farmaneignungen ab 2000 systematisch diskriminiert und gedemütigt wurden. Auch der Gewalteinsatz staatlicher Sicherheitskräfte war eine Form des »Othering«, denn den vertriebenen FarmarbeiterInnen aus Malawi wurde unterstellt, die Oppositionspartei in Simbabwe zu unterstützen. Faktisch waren viele ArbeiterInnen aber staatenlos, vor allem wenn bereits ihre Großeltern als Arbeitskräfte nach Simbabwe gekommen waren. Manche versuchten, Mitgliedskarten der dortigen Regierungspartei oder einen – weniger verdächtigen – mosambikanischen Pass zu erwerben, um sich vor den Schergen des Mugabe-Regimes zu schützen.

Diese Beobachtungen führen zum vierten Schwerpunkt des Heftes: Den Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika, die mit der politischen Unabhängigkeit die Regierungsmacht übernahmen. Hier wird die Fortsetzung struktureller Gewaltmuster aus der Kolonialzeit ebenso nachgewiesen wie der Absolutheitsanspruch nationalistischer Diskurse, die toleranten Demokratien entgegenstehen. »Othering« in Form von Anfeindungen der politischen GegnerInnen zählt zu den Machtstrategien und Herrschaftsmechanismen der heutigen Regierenden. Zur Legitimation ihrer autoritären Regime beanspruchen sie Deutungshoheit über die Geschichte, insbesondere über die Interpretation der Unabhängigkeitskriege, aus denen sie als SiegerInnen hervorgingen.

Gerade in der Diffamierung anderer Befreiungsgruppen, die zwar für die Abschaffung der Apartheid und des Kolonialismus wichtig waren, aber keine Regierungsposten erhielten, zeigt sich das auf Exklusion setzende Selbstverständnis der neuen Herrschenden. Es sind Mechanismen, die auch Handlungsansätze und –grenzen zivilgesellschaftlicher AkteurInnen beeinflussen. Insgesamt bietet das interdisziplinäre Themenheft viele Ansätze zur Reflexion über »Othering« im Kontext politisierter und umstrittener Identitäten.

Rita Schäfer

350 | Anti-Rassismus im Süden
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