Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Kontakt Spenden Abo Newsletter
Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 351 | Sex sells Der Zwang der Verhältnisse

Der Zwang der Verhältnisse

von Mary Kreutzer

Der europäische Kampf gegen Frauenhandel ist ein Krieg gegen MigrantInnen

(Langfassung; eine kürzere Fassung erscheint in iz3w 351)

Die Lebensgeschichten von in Europa tätigen Sexarbeiterinnen aus Nigeria ähneln sich: Fast immer wurden sie durch MenschenhändlerInnen in eine Schuldknechtschaft gezwungen. Doch es sind nicht nur kriminelle Netzwerke, die ihnen das Leben schwer machen. Auch die restriktive EU-Einwanderungspolitik und die Illegalisierung führen viele Frauen direkt in die Prostitution.

„When I start talking about my life, my temperature always gets so high – let me continue in german, that makes it easier for me...” Joy ist 23 Jahre alt, als wir uns in einer Stadt im Süden Deutschlands treffen. Ihre Geschichte ähnelt der von zehntausenden Mädchen und Frauen aus Nigeria, die nach Europa emigrieren möchten. Joy stammt aus einer armen Großfamilie aus dem Bundesstaat Edo. Familienangehörige kümmerten sich abwechselnd um Joy, wobei sie in den Wohnungen Hausarbeit übernehmen musste. Die verheerenden Effekte struktureller Anpassungsprogramme, die Nigeria von Weltbank und IWF aufgezwungen wurden und die insbesondere die schwächsten Bevölkerungsteile trafen, nahmen ihr die Möglichkeit, die Schule erfolgreich abzuschließen. Mit 15 Jahren entschloss sie sich dazu, ihr Glück woanders zu suchen: „To look for greener pastures“ – in Nigeria eine sprichwörtliche Umschreibung für die Migration nach Europa.

Schnell fand Joy damals einen sogenannten „Sponsor“. Ihr Bruder machte sie mit einer älteren Frau aus Benin City bekannt, deren Sohn in Marokko lebte und der für sein „Business in Europa“ Hilfe gebrauchen konnte. Nachdem der Sponsor gefunden worden war, brachte man Joy zu einem Juju-Schrein, wo sie folgendes schwören musste: 40.000 US-Dollar für die gefälschten Papiere und für die Reise zu zahlen (denn legale Migration bleibt ArbeiterInnen aus dem Globalen Süden verwehrt) sowie unter keinen Umständen die Namen der Beteiligten an die Behörden zu verraten. Beim Juju-Priester musste sie außerdem ein Foto hinterlassen, das er ihr bislang noch nicht zurückgab, obwohl dies wie versprochen nach Tilgung der Schulden hätte geschehen sollen. Joy bereitet das noch heute große Sorgen.

Sie begab sich voller Stärke und Hoffnung auf den Weg nach Europa. Eine Reise, die sich schnell als Albtraum entpuppte: In der Sahara entrann sie nur knapp dem Tod. In Casablanca sperrte man sie in ein Apartment ein, wo sie von besagtem, sich als „Geschäftsmann“ verdingendem Sohn und verschiedenen Freiern vergewaltigt wurde, nur um danach nach Deutschland gesandt zu werden, wo sie gezwungen wurde, zwei Jahre lang in Bordellen zu arbeiten. Selbst als sie im Jahr 2007 ihre vermeintlichen Schulden restlos abbezahlt hatte, zwang man sie dazu, die Arbeit fortzuführen. Nach einer Polizeirazzia im Bordell assistierte sie dem Staat als Opferzeugin, woraufhin eine ihrer „Madames“ (Zuhälterinnen) für dreieinhalb Jahre hinter Gitter musste. Weil sie von einem deutschen Freier schwanger wurde, konnte Joy legal in Deutschland bleiben und erhielt aufgrund der deutschen Staatszugehörigkeit ihrer Tochter ein Visum. „Eines Tages“, sagt sie, „werde ich eine Therapie anfangen. Ich kann immer noch nicht über alles reden, aber so weit geht es mir ganz gut“.

Menschenhandel heißt Zwangsarbeit
Menschenhandel existiert, seitdem es Handel gibt. Trotz kontinuierlicher Veränderungen von Handelsrouten, Transportmitteln und Gesetzen in den Herkunfts-, Transit- und Zielländern verschwand Menschenhandel nicht mit der Abschaffung der Sklaverei. Was augenscheinlich neu ist, ist die große Aufmerksamkeit, die diese vor allem MigrantInnen betreffende Menschenrechtsverletzung in den letzten Jahren erfuhr. Neben der im Zusammenhang mit Menschenhandel medial hervorgehobenen sexuellen Ausbeutung in der Pornoindustrie und in der Prostitution werden Menschen auch in die Zwangs- und Fronarbeit geschmuggelt. Dazu zählen häusliche Zwangsarbeit, Landwirtschaftsarbeit, Arbeit in Sweatshops, erzwungenes Betteln, Zwangsehe und erzwungener Drogenhandel.

Hinsichtlich des Begriffs „Frauenhandel“ sagte die ehemalige Präsidentin der Expertengruppe der Europäischen Kommission zum Thema Menschenhandel und Begründerin der ersten niederländischen Organisation gegen Frauenhandel (SVT) Majan Wijers in einem Interview, dass sie es bereue, in den 1980er Jahren den Begriff „Menschenhandel“ auf die politische Agenda gebracht zu haben. Stattdessen hätten sie den Begriff „Zwangsarbeit“ verwenden müssen, weil er „neutraler und moralisch nicht voreingenommen ist, und weil er den Blick auf die Ausbeutung an sich richtet, anstatt ihn auf die Routen zu richten, auf denen Menschen in eine ausbeuterische und missbräuchliche Situation gebracht werden.“ Des weiteren kritisierte Wijers, dass die Maßnahmen gegen "Frauenhandel" in der Sexindustrie oft von Staaten zur Legitimation von Repressionen gegen MigrantInnen instrumentalisiert werden.

Ein Albtraum in Europa
Vor einigen Jahren berichtete mir die nigerianische Schauspielerin, Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Joana Adesuwa Reiterer von ihrer Migration nach Österreich im Jahr 2004. Joana ist kein „Opfer von Menschenhandel“ (wenn sie auch wiederholt in diversen Medien als solches bezeichnet wurde –ein beharrliches Festhalten an dieser Begrifflichkeit steht exemplarisch für das Bewusstsein europäischer Weißer: ein Bewusstsein, das AfrikanerInnen oft nur als Opfer, also ohne eigene Handlungsfähigkeit, begreifen mag). Joana, Akademikerin mit bürgerlicher Herkunft, verliebte sich in einen Mann, der wie sie selbst aus Benin City stammte und sie nach Österreich einlud. Er besaß österreichische Papiere, so dass Joana – im Gegensatz zu tausenden NigerianerInnen, die in die EU migrieren wollen – sich ein Visum besorgen konnte, ohne darauf angewiesen zu sein, die Botschaft oder einen Schmuggler zu bestechen, oder sich Schulden bei einer „Madame“ oder MenschenhändlerIn aufbürden zu müssen.

Bei der Ankunft in Wien stellte sich die Hochzeit jedoch als Albtraum heraus. Das ständige Kommen und Gehen junger nigerianischer Frauen in dem gemeinsamen Apartment, die dutzenden Pässe, die teilweise ihr Bild oder ihren Namen trugen oder gar von Frauen waren, die sie noch nie gesehen hatte, ließen in Joana den Verdacht aufkommen, dass ihr Mann kein Reisevermittler war. Es stellte sich heraus, dass er Menschenhändler war, der den österreichischen Sexmarkt mit Frauen und Mädchen aus Benin City bediente.

Die für Joana vorgesehene Rolle war die einer Madame; sie wäre mit den Aufgaben betreut worden, die Mädchen zu kontrollieren, ob sie ihre Schulden bezahlten, sie mit dem Notwendigsten zu versorgen, sie bei Bedarf einzuschüchtern und das Geld einzutreiben. Sie verweigerte sich all dem und suchte stattdessen Hilfe in einem Frauenhaus, ließ sich scheiden, verklagte ihren Ex-Mann und gründete schließlich mit EXIT eine NGO, die sich darauf spezialisiert hat, Frauen und Mädchen aus Nigeria zu helfen, die nach Österreich gehandelt wurden. Joana war diejenige, die uns für unsere Forschungen mit nach Nigeria nahm und uns ermöglichte, mit deportierten Frauen, Juju- und Pentecostalpriestern, MenschenhändlerInnen, Madames, nigerianischen FunktionärInnen, Freiern, Fachkräften und NGOs ins Gespräch zu kommen. Joana half uns, das komplexe System und die Ursachen des Menschenhandels zu verstehen.

Man muss die verschiedenen Strukturen genau unter die Lupe nehmen, sonst sind Strafverfolgungs-, Präventions- und Schutzbemühungen wenig effektiv und führen zu falschen und oft kontraproduktiven Maßnahmen. Obwohl dies auf alle Ursprungs-, Transit- und Ankunftsregionen zutrifft, ist es dennoch wichtig, jede Region einzeln und genau zu untersuchen und die verschiedenen historischen, soziopolitischen und ökonomischen Entwicklungen anzuerkennen. Das Problem des Menschenhandels lässt sich nicht durch ein Verbot der Prostitution oder ähnlich simpel gestrickten, ideologisch aufgeladenen Lösungsmodellen lösen – Modelle, die negieren, dass Menschenhandel nicht nur in der Sexindustrie existiert und es eine große Bandbreite an Opfern gibt.

Kameljockeys, Hausmädchen, SexarbeiterInnen
Was den inländischen Menschenhandel in Nigeria angeht, sind Kinder in besonderem Maße gefährdet. Sie leisten Zwangsarbeit als BettlerInnen, StraßenhändlerInnen, Haushaltshilfen, in der Landwirtschaft und in Steinbrüchen.Menschenhandel, der über nationale Landesgrenzen hinausgeht, betrifft vor allem junge Frauen und Mädchen, die in erster Linie in die Sexindustrie verkauft werden. Es gibt jedoch auch Jungen, die international gehandelt werden. Sie werden in die Sexindustrie oder für den Organhandel verschleppt. Der Großteil der Opfer von Frauenhandel kommt, wie Joy, aus dem Bundesstaat Edo im Süden Nigerias.

Die aus Nordnigeria stammenden Kinder werden auch als Kameljockeys und für „Diya“, also Blutgeld, nach Saudi-Arabien verkauft. Der Handel um des Blutgelds willen ist eine der brutalsten Formen von Menschenhandel: Die TäterInnen, meist Frauen, nehmen Kinder aus Nigeria zum „Shopping“ nach Saudi-Arabien mit. Sie stoßen das Kind vor ein Auto und kassieren dann vom Fahrer das in Saudi-Arabien als Alternative zur Todesstrafe festgesetzte Blutgeld. Die Menschenhändlerin verdient damit etwa 20.000 Euro, kehrt mit diesem Geld nach Nigeria zurück und erzählt den Eltern des Kindes, es sei an einer plötzlichen Krankheit gestorben. Die Eltern werden mit 500 Euro für den Verlust ihres Kindes entschädigt. Die Chance, hinter das Geheimnis zu kommen, liegt für die Eltern nahezu bei null.

Die Zielländer für nigerianische Opfer von Menschenhandelsind vor allem westafrikanische und europäische Staaten, die USA, nordafrikanische Länder und der Nahe Osten (hier vor allem die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien). Die Forschung über Menschenhandel hat sich stark auf Süd-Nigeria konzentriert. Jedoch ist Nord-Nigeria ebenfalls massiv von Menschenhandel betroffen. Nigeria wird zudem als Transitland für Menschenhandel Richtung Westafrika, Gabun und Kamerun benutzt. Verschleppte Frauen und Kinder machen auf ihrer Weiterreise in den Nahen Osten und Europa in Nigeria Halt. In den Camps, in denen sie bis zum Weiterverkauf warten, müssen sich Frauen und Kinder prostituieren, um zu überleben.

Evangelikale Pastoren und Juju-Schwüre
Eng mit Frauenhandel verstrickt sind nigerianische Juju-Priester (in Europa firmiert Juju unter ‚Voodoo‘) und Pastoren evangelikaler Kirchen. Ein Teil der Priester und Pastoren arbeitet eng mit den FrauenhändlerInnen zusammen und verdient damit Tausende von Euros für die Rituale. Fast alle Betroffenen aus Nigeria werden von den Handlangern der Madame, also der Zuhälterin, vor der Abreise zu einem der Priester gebracht. Dort leisten sie einen Schwur: Immer beinhaltet dieser, die HändlerInnen nicht zu verraten. Die Frauen schwören bei dem Ritual einen Eid darauf, die Schulden, die für ihre Reise sowie für die gefälschten oder bei einer europäischen Botschaft illegal erworbenen Papiere angefallen sind, nach Ankunft im „goldenen Westen“ abzuzahlen. Meist wird auch explizit die Summe genannt, die die Frauen abbezahlen müssen, und es wird ihnen das Versprechen abgenommen, „jeder Art von Arbeit“ zwecks Schuldenbegleichung nachzugehen.

Das Ableisten des Schwures, der meist dadurch besiegelt wird, dass die Frauen intime körperliche Dinge wie etwa Schamhaare und Regelblut oder auch Fotos von sich dem Priester aushändigen, zwingt die Betroffene in ein psychisches Abhängigkeitsverhältnis zu dem Priester, eine Abhängigkeit, die noch stärker wirkt als rohe Gewalt. Dieser Schwur ist das machtvollste Mittel, um die Mädchen und Frauen zu jeder Art von Arbeit zu zwingen: Sie sind überzeugt davon, dass er bis nach Europa wirkt und dass die Juju-Männer sofort davon erfahren, wenn eine Frau ihre „Reiseschulden“ oder das Geld für das gefälschte Visum nicht zahlt oder gar mit der Polizei spricht. Den Schwur zu brechen, bedeutet für die Betroffenen, den Tod oder eine schwere Krankheit für sich selbst oder einen Angehörigen in Kauf zu nehmen.

Bei den Ritualen kann es zu Vergewaltigungen der unter Drogen gesetzten Frauen kommen, wofür Geister verantwortlich seien. Für Mädchen und Frauen, die mit diesem Kult aufgewachsen sind und fest an seine Wirkung glauben, sind die Drohungen der Priester Realität. Und zwar in solchem Maße, dass Frauen, die den Schwur nicht erfüllen, tatsächlich glauben, verfolgt zu werden: Sie sehen Geister und hören Stimmen, die sie drangsalieren. Zudem sorgen Juju-Männer und Kriminelle aus den Reihen evangelikaler Kirchen mit brachialen Methoden dafür, dass ihre Drohungen auch ernst genommen werden. Wird ein Schwur nicht eingehalten, kommt der Fall vor den Obersten Juju-Gerichtshof: das Ayelala. Auch Joys Eltern wurden, als sie sich zunächst weigerte, mehr als die vereinbarten 40.000 Dollar zu zahlen, vor das Ayelala zitiert: ein schmuckloses weißes Haus an einer Straßenkreuzung in Benin City. Es hat schon viele „Todesfälle“ nach solchen Besuchen gegeben. Die Familienangehörigen in Nigeria sind also oft in Lebensgefahr und üben daher Druck auf die Mädchen und Frauen in Europa aus, durchzuhalten und die „Schulden“ zu bezahlen.

In Nigeria haben ein korrupter Polizeiapparat und eine unglaubwürdige Justiz zu einem verstärkten Glauben an den „sauberen“ Obersten Ayelala-Gerichtshof geführt, ungeachtet der mafiösen Verbindungen zu Menschenhändlern. Juju-Priester sind heutzutage nahezu unantastbar.

Das Netzwerk der Madames
Auch wenn Joy im Interview von einer „großen“ und einer „kleinen“ Madame spricht, ist das Netzwerk der Zuhälterinnen und ihrer ZuarbeiterInnen nicht so hierarchisch gegliedert wie etwa bei der Mafia. Im Menschenhandel gibt es keine klaren Befehlsstrukturen – es ist ein Netzwerk, das mit flachen Hierarchien arbeitet.Die meisten Madames waren zuvor Zwangsprostituierte und steigen während oder nach ihrer Ausbeutung auf dem Strich selbst in den Job als Zuhälterin ein. Die Madames tauschen auch häufig Mädchen und Frauen untereinander aus, verkaufen sie weiter oder übernehmen – auf „Kommission“ – Frauen von anderen Madames.Jede Madame unterhält ein eigenes Netzwerk an HelferInnen, die in Nigeria Frauen und Mädchen rekrutieren. Mittelsmänner besorgen die Papiere und üben Druck auf ihre Familien aus. Die Reise nach Europa wird von gut vernetzten Schleppern bewerkstelligt.

Die Madames spielen für die ausgebeuteten Mädchen und Frauen eine seltsame Doppelrolle: Sie sind Unterdrückerinnen und zugleich die einzigen Ansprechpartnerinnen. Sie drohen den Frauen und schlagen sie, bilden jedoch auch die Kontaktstellen zu den Familien. Sie nehmen ihnen alles Geld ab, aber versorgen sie mit dem Lebensnotwendigen. Sie schreien sie an, sind aber auch die Einzigen, die sie trösten.

Joy hat es geschafft, nach Jahren der Zwangsarbeit in Deutschland weder abgeschoben noch von ihren Peinigern umgebracht zu werden. Auch schlug sie eine potentielle Karriere als  Zuhälterin aus. Mit viel Kraft, Glück und der Unterstützung durch eine Hilfsorganisation gelang es ihr, in Deutschland bleiben zu können – trotz der prekären Gesetzeslage für Opfer von Menschenhandel. Den meisten Frauen, die von MenschenhändlerInnen durch Zwangsarbeit ausgebeutet werden, gelingt der Weg aus der Abhängigkeit erst dann, wenn die „Schulden“ getilgt sind. Dieser Moment wird jedoch von den ProfiteurInnen ihrer Abhängigkeit so lange wie nur möglich hinausgezögert – so auch in Joys Fall. Oft steigt der Betrag, der zurückgezahlt werden muss, ins Unermessliche, oder es wird immer mehr Geld für Miete und andere Ausgaben einbehalten. Doch irgendwann ist es so weit, die Mädchen sind frei.

Das Ende der Schuldknechtschaft wird mit einer Party gefeiert, zu der meist mehrere Madames laden: Sie haben Interesse daran, die Macht des Paktes symbolisch darzustellen. Diese Partys heißen „Freedom“, erzählt Joana: Sie sind an jene Feste angelehnt, mit denen etwa der Abschluss einer Lehre gefeiert wird. Dort machen die Lehrmädchen der Lehrmeisterin Geschenke. Auch die Madames verlangen vom Mädchen, das abgezahlt hat, am Ende ein Geschenk; als ob Dank angebracht wäre für die jahrelange Ausbeutung.

Viele Mädchen und Frauen steigen an diesem Punkt aber nicht aus dem Business aus, sondern arbeiten weiter. Ihre Familien zu Hause verlangen nach Geld, und sie selbst haben in Europa kaum andere Möglichkeiten: Die allermeisten haben keine Papiere, verfügen nicht über die richtige Ausbildung und genügend Sprachkenntnisse, um an „normale“ Jobs zu kommen. Nicht wenige wechseln in dieser Phase graduell von der Seite der Ausgebeuteten auf die Seite der Ausbeuter: Sie werden selbst Madames. Sie kaufen sich selbst Mädchen und beuten sie aus. Die Mädchen und Frauen haben meist keine Sozialkontakte außerhalb einer Community, deren Alltag von Frauenhandel bestimmt ist. Sie kennen in Europa keine andere Welt, die Gesellschaft der Weißen erscheint ihnen nach den Jahren auf dem Strich wie feindliches Territorium. Am ehesten sind Jobs außerhalb der Prostitution noch von Landsleuten zu bekommen: Arbeit in Callshops, Restaurants oder afrikanischen Friseurläden. Manche, die aussteigen, machen sich mit solchen Geschäften selbstständig.

Die Gesetze müssen stimmen
Die Begleitung der Aussteigerinnen durch soziale Organisationen ist unerlässlich, der Ausstieg ist sonst fast unmöglich. Doch auch dazu müssen die Gesetze stimmen: In Italien bekommen Opfer von Menschenhandel, zumindest theoretisch und laut Gesetz, Betreuung und später eine Arbeitsgenehmigung, wenn sie ihre Integrationsbereitschaft nachweisen – und zwar selbst dann, wenn sie gegen ihre Händler nicht aussagen wollen oder können.

Dort ermöglicht Artikel 18 des Einwanderungsgesetzes, der leider zu selten Anwendung findet, echten Schutz für die Opfer: Die Betroffenen müssen zunächst nur einfache Angaben bei der Polizei machen, mit denen nachgeprüft werden kann, ob sie von Menschenhandel betroffen sind. Das genügt, um sechs Monate Aufenthaltsrecht zu bekommen – und damit Zeit, sich zu erholen und über weitere Schritte nachzudenken.

Es gibt in Italien staatlich finanzierte und von NGOs betriebene Anlaufstellen für diese Phase – von echten Zufluchtshäusern, in denen die Betroffenen vollständig geschützt werden, bis zu betreuten Wohngemeinschaften. Nach sechs Monaten kann die Aufenthaltsgenehmigung auf zwei Wegen verlängert werden: Wenn die Betroffene offiziell Anzeige erstattet und bereit ist, vor Gericht auszusagen, erhält sie eine Aufenthaltsgenehmigung über die „juristische Route“. Aber Betroffene sind nicht gezwungen auszusagen: Über die „soziale Route“ kann die Aufenthaltsgenehmigung ebenfalls verlängert werden. Dazu muss ein Integrationskurs besucht werden, in dem Italienisch unterrichtet und eine kurze Berufsausbildung angeboten wird. Wenn sich Betroffene danach in den Arbeitsmarkt integrieren, erlangen sie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Diese Regelung hilft im Endeffekt auch bei Prozessen gegen MenschenhändlerInnen: Sie macht das häufig vorgebrachte Argument obsolet, die Betroffenen wollten sich durch ihre Aussagen nur einen Aufenthaltstitel „erschleichen“.

Leicht haben es ausstiegswillige Frauen trotzdem nicht, erzählt Simona Meriano von der Beratungsstelle TAMPEP Onplus in Turin: „Eines der großen Probleme ist der Druck der Familie, die ständig Geld verlangt. Dazu kommen die Drohungen der Frauenhändler gegen die Familien zu Hause – das gilt besonders für nigerianische Frauen. Wir haben zur Zeit nigerianische Frauen, die den Eingliederungsprozess durchlaufen, die ständig Krisen durchleben. Es ist auch nicht leicht, Arbeit zu finden: Nigerianerinnen leben mit dem Stigma, dass sie sicher Prostituierte waren. Viele kämpfen auch mit schweren psychologischen Problemen.“ Der Eingliederungsprozess kann auf bis zu zwei Jahre verlängert werden: Solange haben die Betroffenen Zeit, eine Arbeitsstelle zu finden.

Europas Krieg gegen die MigrantInnen
Italien stellt eine Ausnahme dar: In allen anderen europäischen Ländern sind Aufenthaltsgenehmigungen für Opfer von Menschenhandel an die Bedingung geknüpft, dass diese entscheidend zum Verfahren gegen Menschenhändler beitragen. Der Aufenthalt ist meist auf die Dauer des Verfahrens befristet, die Betroffenen erhalten keinerlei Zugang zum Arbeitsmarkt. Ein direkter Ausstieg aus der Abhängigkeit der Zwangsprostitution ist so kaum möglich: Viele der Mädchen und Frauen werden durch diese Umstände gezwungen, in der Illegalität weiter als Prostituierte zu arbeiten – nun eben auf eigene Rechnung.

So nimmt Europa seine Verantwortung für die Opfer des Frauenhandels, der durch die europäische Gesetzeslage begünstigt wird, kaum wahr. Kurzfristige und konkrete Maßnahmen, die zumindest einigen Frauen dabei helfen könnten, sich aus dieser fatalen Situation zu befreien und damit weiteren Menschenhandel verhinderten, müssen einen umfassenden Opferschutz beinhalten, ohne dass die Opfer zur Aussage vor Gericht gezwungen sind. Des Weiteren braucht es Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse für Opfer von Menschenhandel, ohne Bedingungen und Befristung; es braucht eine Art der Bekämpfung von Frauenhandel, bei der die Opfer und nicht der Kampf gegen organisierte Kriminalität im Vordergrund stehen; und braucht die Bekämpfung von Korruption bei jenen Behörden wie Botschaften, Polizei und Asylbehörden, die MenschenhändlerInnen in die Hände spielen; es braucht Arbeits- und Bildungsangebote für eingewanderte Frauen und Asylwerberinnen außerhalb der Prostitution in Europa; und nicht zuletzt braucht es Bildung und Arbeitsplätze für Frauen in den Herkunftsgebieten des Frauenhandels.

Die Maßnahmen gegen Menschenhandel operieren oft im Rahmen von Nationalstaaten und zielen auf eine Kontrolle der Immigration. Sie beschränken sich primär auf Grenzkontrollen und die Abschiebung „illegaler“ MigrantInnen. Dies ist de facto ein Krieg gegen Migration, der darauf abzielt, die ungerechten ökonomischen und sozialen Beziehungen zwischen dem globalen Norden und Süden zu erhalten. Dieser kontraproduktive Krieg hat MigrantInnen nicht davon abgehalten, das Risiko einzugehen, im Ausland ein besseres Leben zu suchen. Restriktive Visa-Politik und FRONTEX-Aktivitäten haben nur noch mehr Frauen, Männer und Kinder in die Netze der MenschenhändlerInnen geführt und ihre Ausbeutung erleichtert.

Die gegenwärtige Form des Krieges gegen Menschenhandel führt nicht zu einer Verbesserung der Menschen- und Frauenrechte, sondern schwächt deren Position in einem internationalen Grenzregime. Ein Ansatz, der auf die politische, soziale und ökonomische Stärkung derjenigen abzielt, die schon in die Falle eines Menschenhändlers getappt sind oder drohen das zu tun, muss mit der Festigung der Arbeits-, Migrations- und Frauenrechte in den Ursprungs- und Ankunftsländern beginnen. Er muss zudem sichere Reisen und Integration in den Ländern gewährleisten, in denen MigrantInnen leben möchten.

Mary Kreutzer lebt in Wien und leitet die Abteilung Missing Link der Caritas. Sie ist Co-Autorin des Buches „Ware Frau – auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa (mit Corinna Milborn, Salzburg 2008) und von „In Freiheit leben“ (mit Alicia Allgäuer, München 2010). Der Artikel beruht auf einem umfangreichen Beitrag für den Sammelband „Looming Shadows – Migration and Integration in a Time of Upheaval“ (hg. von Vedran Dzihic/ Thomas Schmidinger, Washington D.C. 2011). Übersetzung aus dem Englischen:Lars Dietrich und Timo Schmitt.

351 | Sex sells
Cover Vergrößern
Südnordfunk zum Thema

Das "Schwedische Modell" und die Kritik daran

Emy Fem: Engagement für Rechte und gegen Stigmatisierung von Sexarbeiterinnen