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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 351 | Sex sells Mona Eltahawy: Warum hasst ihr uns so?

Mona Eltahawy: Warum hasst ihr uns so?

Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt. Piper, München 2015. 208 Seiten, 16,99 Euro.

Zu Hause ist da, wo der Schmerz sitzt

Mitten im Herzen Kairos liegt die Mohammed-Mahmoud-Straße, die direkt zum Tahrir-Platz führt. Sie ist bis heute ein Symbol der Revolution von 2011, deren Verlauf anhand der zahlreichen Graffiti abzulesen ist. So auch die Geschehnisse vom November 2011, den bis dahin blutigsten Tagen nach dem Sturz Husni Mubaraks. Als sich die Polizeigewalt gegen die Protestierenden richtete, die den Militärrat kritisierten, befand sich unter den zahlreichen Verletzten auch die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy. Sie wurde sexuell belästigt und erlitt mehrere Knochenbrüche.

In ihrem viel diskutierten Artikel »Why do they hate us«, der in der Zeitschrift Foreign Policy erschien, nahm sie auf jene Tage der körperlichen und seelischen Verletzung Bezug. Eltahawy klagte darin nicht nur die politischen Zustände in Ägypten, sondern die patriarchalen Strukturen der ganzen Region an. Indem sie forderte, dass die arabischen Revolutionen nicht vor den Haustüren haltmachen dürften, hauchte sie der Floskel vom Privaten und dem Politischen neues Leben ein. Jene Zeilen stellen zugleich den Beginn ihres nun erschienenen Buches dar, in dem sie ihre Überlegungen weiterführt.

Eine tief greifende Gesellschaftsanalyse beabsichtigt Eltahawy nicht. Jedoch hat sie eine brandaktuelle Bestandsaufnahme der Lebensrealitäten von Frauen Nordafrikas und des Nahen Ostens verfasst, die noch viel schlimmer seien als angenommen. Dies belegt sie mit Zahlen und Fakten aus Studien internationaler sowie zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sie hierfür zusammengetragen hat. Den LeserInnen bleibt dabei nichts erspart: Von Genitalverstümmelung und Zwangsverheiratung Minderjähriger bis hin zu häuslicher Gewalt werden hier alle unbequemen Themen angesprochen, die in der Reduktion der Frauen auf Kopftücher und Jungfernhäutchen verschwiegen würden.

Aus der Beschreibung ökonomischer, politischer, religiöser und kultureller Unterdrückungsmechanismen leitet sie konkrete Maßnahmen ab, um das Bestehende radikal zu verändern. Dabei verweist sie auf viele Einzelstimmen und nicht zuletzt auf ihre eigene Geschichte: Warum hasst ihr uns so?, dient somit zugleich als Eltahawys Manifest und Offenbarung einer langen Reise zu sich selbst, deren Stationen von Scham und Zweifel geprägt sind. Dass sie ausgerechnet in Saudi Arabien – dem Land also, dessen Geschlechterverhältnisse sie als »Gender Apartheid« beschreibt – durch die Werke Fatima Mernissis, Laila Ahmeds und bell hooks zum Feminismus fand, wirkt dabei wie eine Ironie der Geschichte.

Eltahawy ist bewusst, dass sie durch die von ihr aufgezeigten Zustände jenen westlichen RassistInnen in die Hände spielen könnte, die nur auf eine anklagende regionale Stimme warten, um vor allem den Islam in ein schlechtes Licht zu rücken. Jedoch würde politische Korrektheit und der Verweis auf »kulturelle Unterschiede« oft die tatsächliche Situation verklären und zum Messen mit zweierlei Maß führen, wie es sich in der internationalen Politik widerspiegele. Internationaler Druck sei hilfreich, aber vor allem seien die ganz alltäglichen Geschlechterkämpfe von Frauen (und nicht zuletzt Männern) aus der Region notwendig, um nun auch die private Revolution voran zu treiben.

Eltahawy richtet sich aber auch an jene LeserInnen, die wie sie selbst als Wanderin zwischen den scheinbar getrennten Welten von Ost und West eben jene Dichotomie aufzubrechen versuchen. Dabei lässt sie auf mitreißende Weise ihre private zur globalen Revolution gegen Misogynie werden.

Anna-Theresa Bachmann

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