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James Ferguson: Give a Man a Fish.

Reflections on the New Politics of Distribution. Duke University Press, Durham & London 2015. 264 Seiten, ca. 25 Euro.

Alles für alle

Es ist der wohl am weitesten verbreitete Slogan der Entwicklungshilfe: »Wer einem Mann einen Fisch schenkt, gibt ihm für einen Tag zu essen. Wer ihn das Fischen lehrt, gibt ihm ein Leben lang zu essen.« Dahinter steht eine bestimmte Auffassung von Entwicklung als Transformationsprozess, der statt Almosen und Abhängigkeit produktive Fertigkeiten und ein bestimmtes Arbeitsethos betont. Ungezählte Programme der internationalen Entwicklungsindustrie zeugen von dem Bestreben, Menschen in den Empfängerländern in Arbeit zu bringen und zu produktiven, unabhängigen Individuen zu machen.

Das gilt umso mehr im Zeitalter des Neoliberalismus, das durch den Rückzug des Staates und die Privatisierung ehemals staatlicher Aufgaben charakterisiert sei – so die allgemeine Überzeugung sowohl von VerfechterInnen als auch den meisten KritikerInnen der Entwicklungshilfe.

Der US-amerikanische Anthropologe James Ferguson hingegen macht in seiner jüngsten Publikation Give a Man a Fish im südlichen Afrika und in einigen lateinamerikanischen Ländern wie Brasilien oder Mexiko einen Gegentrend aus: Die Schaffung und Verbreitung von weit reichenden Programmen zur öffentlichen Wohlfahrt, in deren Rahmen kleine Geldbeträge direkt und meist ohne Gegenleistung an eine große Zahl von einkommensschwachen BürgerInnen transferiert werden.

Ferguson beschreibt zunächst vor allem die Sozialprogramme in Südafrika und Namibia. In Südafrika zum Beispiel beziehen 44 Prozent der Haushalte finanzielle Beihilfen für die Kinderbetreuung, als Pension oder als Ausgleich für Erwerbsunfähigkeit. Diese direkten Transfers seien extrem erfolgreich bei der Armutsreduzierung gewesen. Einer Studie von Statistics South Africa zufolge fiel der Anteil der Hungernden zwischen 2002 und 2012 von 29,3 Prozent auf 12,6 Prozent. Auch in Namibia, wo eine Pilotstudie zum bedingungslosen Grundeinkommen durchgeführt wurde, sind die Ergebnisse meist positiv.

Doch Ferguson belässt es nicht bei diesen Befunden, die den gängigen Klischees über den Siegeszug des Neoliberalismus und das Ende des Wohlfahrtsstaates zuwider laufen. Er will auch erkunden, welche Folgen diese neue distributive Praxis für progressive Wissenschaften und Politiken haben könnte. Dabei stellt der Autor auch einige Dogmen des Marxismus auf den Prüfstand. Welchen Wert hat zum Beispiel der Begriff »Lumpenproletariat« heute, da immer weniger Menschen für den Produktionsprozess gebraucht werden und an Vollbeschäftigung nicht mehr zu denken ist? Auch der linken Rede von der Multitude und dem Prekariat steht Ferguson skeptisch gegenüber.

Statt – wie Marx – vor allem auf die Ebene der Produktionsverhältnisse zu fokussieren, hält es Ferguson mit dem Anarchokommunisten Peter Kropotkin und den VertreterInnen des afrikanischen Sozialismus, für die der Kampf für Verteilungsgerechtigkeit im Mittelpunkt der sozialen Auseinandersetzungen steht. Die Wiederkehr des Sozialstaates in Brasilien, Südafrika und Namibia, so Ferguson, eröffne die Möglichkeit für eine neue politische Praxis, in der die Lohnarbeit nicht länger als Regelfall angesehen wird, sondern allen BürgerInnen ein Teil des nationalen Reichtums zusteht: »The people shall share in the country’s wealth!« heißt es doch in der Freedom Charta Südafrikas.

Fergusons Buch ist eine breite Rezeption und Diskussion in der entwicklungspolitischen Szene und darüber hinaus zu wünschen. Es provoziert mehr Fragen, als es Antworten geben kann. Leicht kann man sich ausmalen, dass die Zahlung eines Grundeinkommens an StaatsbürgerInnen rassistisch und nationalistisch gefärbte Verteilungskämpfe nach sich ziehen könnte. Unklar bleibt auch, wie es in Ländern organisiert werden könnte, die nicht über eine relativ intakte Bürokratie wie Südafrika oder Brasilien verfügen. »Give a Man a Fish« bietet keine fertigen Lösungen, inspiriert aber Debatten über eine moderne progressive Politik in Zeiten, da die Lohnarbeit in vielen Ländern eher die Ausnahme als die Regel ist.

Ruben Eberlein

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