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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 352 | Refugees & Selbstermächtigung Flüchtige Flüchtlinge

Flüchtige Flüchtlinge

Leserbrief von Christian Neven-du Mont über den Umgang mit Wörtern.

Die letzte Ausgabe der iz3w trug den Titel: Here We Are – Refugees und Selbstermächtigung. Wer kein Neudeutsch mag, wird froh gewesen sein, hier nicht auch noch „Self-Empowerment“ lesen zu müssen. Allerdings gibt es durchaus Gründe, das deutsche Wort Flüchtling auch nicht zu mögen. Es hat Anklänge an negative Bezeichnungen wie Feigling oder Widerling und es ist eine der in der deutschen Sprache eher seltenen Personenbezeichnungen, die eine Feminisierung durch angehängtes -in nicht zulassen und somit männlichen Wesen vorbehalten scheinen. Die feministische Linguistin Luise F. Pusch zählt ein paar solcher Personenbezeichnungen auf: „Mensch, Gast, Passagier, Lehrling, Zwilling, Flüchtling, Säugling etc.“ Daß ihr hier gleich vier Begriffe einfallen, die auf -ling enden, ist sicher kein Zufall, mit dieser Endsilbe lassen sich sehr leicht abschätzige Neuwörter bilden, sodass die Zahl solcher Bezeichnungen zunimmt: die Nazis erfanden den Volksschädling, ihre Gegner, nach einem norwegischen Kollaborateur, den Quisling. Frau Pusch hat sich auch nicht lumpen lassen und der Liste eine Neubildung hinzugefügt: „Unerbittliche Empfindlinge sind die schlimmsten Tyrannen“(1).

Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass es unter den Bezeichnungen auf -ling zwei Gruppen gibt. Ältere sind nicht negativ oder sogar positiv konnotiert wie Säugling, Zwilling, Winzling, Liebling…, Neubildungen dagegen sind immer negativ und schließen Frauen kategorisch aus. Eine Frau kann schön oder fies, aber kein Schönling oder Fiesling sein. Viele ältere -linge bezeichnen eine subalterne Lage, die aber vorübergehend ist: aus dem Säugling wird ein Kind, aus dem Lehrling ein Meister, aus dem Zögling ein Absolvent, aus dem Setzling ein Baum, aus dem Engerling ein Maikäfer und der Liebling zeugt wohl von der Flüchtigkeit der Liebe… So gesehen hat  vielleicht auch das gescholtene Wort Flüchtling seine emanzipatorische Komponente.

Deutsche Betroffene haben das Wort allerdings selten gemocht. Die Liste der Prominenten, die in, aus oder nach Deutschland geflohen sind, von Jos Fritz und Martin Luther bis zu Rosa Luxemburg, Thomas Mann und Rudi Dutschke liest sich zwar wie ein Who is Who der Politik und des Geisteslebens. Aber es gibt nur eine ganz kurze Phase der deutschen Geschichte,  in der die Bezeichnung „Flüchtlinge“ massenhaft auf Einheimische angewandt worden ist, auf diejenigen nämlich, die in den ersten Nachkriegsjahren von jenseits der Oder und des Bayerischen Waldes kamen. Auch sie wollten nicht Flüchtlinge heißen, sondern lieber, wie es im Namen ihrer Partei BHE heißt, „Heimatvertriebene und Entrechtete“, aber es half ihnen nichts, sie und ihre Kindeskinder wurden jahrzehntelang Flüchtlinge genannt. Denen, die später aus SBZ und DDR kamen, ging es anders: sie hießen nur unmittelbar nach ihrer Ankunft im Westen Flüchtlinge, später hieß es dann sie seien aus dem Osten, der Zone usw.

Das Dritte Reich scheint fast niemanden vertrieben zu haben, der Flüchtling genannt werden könnte: Willy Brandt wurde zeitlebens von seinen Gegnern als Emigrant verunglimpft, ihn Flüchtling zu nennen, hätte ja bedeutet, zuzugeben, daß es im Nazireich Fluchtgründe gab.

Die Emigranten haben dieser Terminologie leider selten widersprochen: „Vor allem mögen wir es nicht, wenn man uns ‚Flüchtlinge’ nennt. Wir selbst bezeichnen uns als ‚Neuankömmlinge’ oder als ‚Einwanderer’“, läßt Hannah Arendt den jüdischen Flüchtling Cohn sagen (We Refugees, 1943, deutsch erst 1986)(2).

Alternative Bezeichnungen, die in jüngster Zeit angeboten werden, auch in dieser Zeitschrift, sind Refugees, das heißt die anglisierte französische Bezeichnung réfugié (-ée) oder Geflüchtete. Beide sind substantivierte Partizipien des Perfekts, die eine abgeschlossene Handlung bezeichnen. Eine Flucht in die Bundesrepublik Deutschland, das Land des Abschiebewahns, ist aber leider nur selten eine abgeschlossene Handlung. Es gibt eine ‚Tatort’-Folge des WDR, in der ein Roma-Mädchen zu Bett geht, ohne die Schuhe auszuziehen. Als Kommissar Ballauf nach dem Warum fragt, erklärt sie, ihre ganze Familie mache das so, um jederzeit vor einer Abschiebung fliehen zu können. Dieses Mädchen als „Geflüchtete“ zu bezeichnen, wäre blanker Zynismus. „Fliehende“ wäre angemessener.

Nicht alle Sprachen sehen Flüchtlinge aus der Perspektive einer abgeschlossenen Flucht: Das Lateinische hat zwar das Wort refugium für Zuflucht, läßt den Flüchtling aber nicht dort angekommen sein, sondern nennt ihn fugitivus (Flüchtiger). Griechisch heißt er (sie) fygás, wörtlich Flieher, russisch Weschenjez, eine ähnliche Wortbildung.

Mit politischer Correctness in der Sprache hat man es nicht leicht: Frauenpolitisch korrekter müsste die erwähnte junge Dame als jugendliche Romni bezeichnet werden, das wäre aber schwerer verständlich. Gefragt, wie drei Zigeunerinnen zeitgemäß und korrekt genannt werden sollten, müssten wohl die meisten passen. Außerdem ist es eine Machtfrage, neue Wörter durchzusetzen. Die herrschende Sprache ist die Sprache der Herrschenden, und die setzen beim Thema Flucht und Asyl seit dreißig Jahren einen herabwürdigenden Sprachgebrauch durch, bei dem Flüchtlinge zu Wirtschaftsflüchtlingen, Asylsuchende zu Bewerbern und Asylberechtigte zu Asylanten wie Denunziant oder Spekulant werden. Solche Bezeichnungen tauchen leider auch in linken Publikationen oft unkommentiert auf. Angesichts dieses Versagens der Linken sollte man das harmlose und altbackene Wort Flüchtling in Ruhe lassen. Die Betroffenen haben ohnehin andere Sorgen, als die deutsche Sprache zu reformieren.

 

Christian Neven-du Mont

 

(1) Luise F. Pusch, Das Deutsche als Männersprache, Frankfurt 1984, S. 11 u. 40

(2) zitiert nach Paulette Gensler, Fliehen ohne Ende, Jungle World 52/53/2015, S. 9

352 | Refugees & Selbstermächtigung
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