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God is not working on Sunday!

Dokumentarfilm von Leona Goldstein: God is not working on Sunday! Ruanda 2015. godisnotworkingonsunday.org

Es herrschte Apathie, Sprachlosigkeit und eine paralysierende Angst. Schon lange bevor das Morden begann. Heute, über 20 Jahre nach dem Genozid in Ruanda, der rund eine Million Menschen das Leben kostete, ist die Gesellschaft zu 89 Prozent ausgesöhnt. Das besagt das Barometer der Kommission für nationale Einheit und Versöhnung, die jährlich eine Erhebung über den Grad der Aussöhnung veröffentlicht.1 Doch ist Versöhnung messbar?

Apathie strahlen Florida Mukarubuga und Godliève Mukasarasi jedenfalls nicht aus. Ohne Umschweife sprechen die ProtagonistInnen des Films »God is not working on Sunday!« über persönliche Probleme. Über die Gewalt, die ihnen angetan wurde. Denn: »Wenn du schweigst, frisst es dich innerlich auf«. Genau das war der Zustand der ruandischen Gesellschaft vor der Eskalation im April 1994. Das Schweigen und Wegsehen trotz jahrzehntelanger Gewalttätigkeiten hatte die Gesellschaft tief gespalten. Das Schweigen überließ den radikalen Hutu-Milizen das Feld, ihrer Angstmache, ihrem Schüren von Hass.

Die Filmemacherin Leona Goldstein beschäftigte die Frage, warum ihr Großvater, ein KZ-Überlebender aus Polen, verstummt, sobald er seine Wohnung verlässt. Und wie sich das Leben in einer Nachkriegsgesellschaft, in der sich die Täter relativ komfortabel eingerichtet haben, für die Überlebenden des Faschismus anfühlt. Auf der Suche nach einer Antwort ging sie nach Ruanda. Der Film, der acht Jahre später fertig wurde, zeigt: Vergebung ist keine einmalige Geste. Das Verzeihen bleibt eine wiederkehrende Herausforderung. Versöhnung ist Arbeit, ein ständiger Prozess, nie ganz abgeschlossen. Sie muss gehegt und gepflegt werden, wie etwas Zerbrechliches. Sie braucht ständige Aufmerksamkeit. Sonst bricht die Erinnerung an die Gewalt die alten Wunden auf. Sonst droht das Erlebte erneut in Angst und Hass umzuschlagen.

Mit einer raumgreifenden Tonsprache hat die Filmemacherin eine akustische Form für das wiederkehrende Erinnern an den drohenden Schrecken gefunden: Das Prasseln des Regens auf Blättern und Wellblechdächern, ein Prasseln, durch das die Stimmen der marodierenden Banden, damals zu Regenzeit, langsam näher kamen und das die Schreie der Opfer, die ihrem Schicksal überlassen wurden, dumpf verklingen ließ.

Mit der Wahl der Protagonistinnen und deren Erinnerung an jene Tage gelingt es Leona Goldstein, für die Notwendigkeit des Sprechens über das, was unsagbar scheint, ein Plädoyer zu verfassen. Die Frauen, die im Film portraitiert werden, leben dieses Plädoyer vor, trotz aller Stolpersteine, die der Alltag für sie bereithält. Zum Beispiel, wenn sie ihren damals mordenden Nachbarn auf dem Feld begegnen, auf dem Weg zu Arbeit, im Bus, in der Kirche. Carry on, dann gibt es eine Zukunft.

Die Frauen sind in Ruanda zu einer starken gesellschaftlichen Kraft geworden. Nicht nur, weil sie über die Hälfte der Sitze im Parlament und ein Drittel der Ministerposten einnehmen. Viele haben sich befreit von der Rolle der Befohlenen, Unterworfenen, Entwürdigten, Gehorchenden in einer patriarchalen Gesellschaft. Vielen weiteren bleibt dieser Schritt zu tun.

Das neue Selbstbewusstsein, das der Film einfängt, erstaunt und macht Mut angesichts der Fakten. Jeden Tag wurden in den Monaten des Völkermordes 5.000 Frauen vergewaltigt. Viele dieser Frauen fühlen sich von ihren aus diesen Gewaltakten entstandenen Kindern herausgefordert, können sie nicht lieben. Damit bleibt auch den Kindern, deren Alter und Geburtstag auf die Zeit der Vergewaltigungswelle verweist, die den Genozid selber nicht erlebt haben und die doch ihre Nachfahren sind, nur das Vergeben. Für etwas, woran ihre Mütter nicht schuld sind.

Viele Frauen, nicht nur die Alleinstehenden, haben sich organisiert und Kollektive gegründet. Gemeinsam haben diese Frauen geweint, gelitten, gestritten. Gegen die Vereinsamung. Sie haben sich Mut gemacht, die harte Arbeit der Vergebung und Versöhnung auf sich zu nehmen, auch untereinander. Ein Beispiel im Film ist das Recyclingkollektiv Amizero. Hier arbeiten sie zusammen: Frauen, die von den Männern ihrer Mitarbeiterinnen misshandelt wurden, deren Männer zu Tätern wurden, deren Familien getötet wurden. Die Zeit heilt nicht automatisch das, was sie entzweit. Mit wenigen Zitaten zeigt der Film: Misstrauen ist eine ständige Begleiterin, die daran erinnert.

Die Insel der mutigen Protagonistinnen verlässt der Film nur in wenigen kleinen Exkursen. Zum Beispiel am Tag der nationalen Einheit. Vier oder fünf Bilder reichen aus, um zu zeigen, dass Vergebung nicht staatlich verordnet werden kann, auch wenn die Regierung in Ruanda alljährlich mit pompösen Staatsfeiern Versöhnung demonstriert. Die Arbeit haben andere gemacht, das Erbe der Gefahr der Wiederholung bleibt. Versöhnung lässt sich nicht in Prozenten messen.

Leona Goldstein hat durch die Filmarbeit keine einfache Antwort auf ihre Ausgangsfrage gefunden. Vielmehr wird sie von ihren Protagonistinnen mit neuen Fragen konfrontiert, die sie an ihr Publikum weitergibt. Eine Frau will wissen, wie das gehen soll, dass die Menschen in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges über Jahre weiterlebten, ohne über die Grausamkeiten zu sprechen, von Angesicht zu Angesicht. Ohne persönliche Aussprache und ohne das Bitten um Vergebung zwischen denen, die Gewalt verübt haben und denen, die sie überlebten.

 

God is not working on Sunday!, Dokumentarfilm von Leona Goldstein (Ruanda 2015) erhielt u.a. den Menschenrechtspreis 2015 in Dresden und ist für Veranstaltungen buchbar: www.godisnotworkingonsunday.org

 

 

Anmerkung

(1( NURC (Background of National Unity and Reconciliation Commission): Rwanda Reconciliation Barometer 2014

 

Martina Backes ist Mitarbeiterin im iz3w.

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