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Spiele von oben

Olympia in Rio de Janeiro - Editorial zum Dossier

„Nein danke“ hieß es in Hamburg und München, als die dortige Bevölkerung über die Olympiabewerbungen abstimmte. Die EinwohnerInnen von Rio de Janeiro hätten vielleicht auch dankend abgelehnt, wenn sie denn je gefragt worden wären. Die olympischen Sommerspiele 2016 werden in Rio stattfinden, aber wie schon die Männer-Fußball-WM 2014 nicht auf allgemeine Zustimmung stoßen. Mehr und mehr macht sich auch in Brasilien die Erkenntnis breit, dass die Zeit der euphorisch gefeierten Megaprojekte vorbei sein könnte. Zu viele Nebenwirkungen wie Vertreibung, Verschuldung und Verschwendung wurden bisher ausgeblendet.

Wir nehmen die Olympiade in Rio zum Anlass, um die bei der WM erprobte Kooperation zwischen iz3w und KoBra fortzusetzen (siehe Ausgabe 340). In unserem neuen gemeinsamen Dossier werfen wir einen Blick auf die sozialen Realitäten in Brasilien jenseits des olympischen Glamours. Unser Fokus liegt auf der Megacity  Rio de Janeiro und dem, was die sportlichen Megaevents dort an Spuren hinterlassen. Problembereiche wie öffentliche Sicherheit in Favelas, Kommerz, Gentrifizierung sowie Ausgrenzung von marginalisierten Gruppen werden in Rio unter anderem vom olympischen Basiskomitee, einer Gruppe von sozialen Bewegungen in der Stadt, beobachtet und kritisiert. Dass Olympia nicht nur ganz konkret in Rio ein Herrschaftsprojekt „von oben“ ist, sondern es damit ganz grundsätzlich im Argen liegt, verdeutlicht ein theoretischer Essay in der Heftmitte.

Die Proteste gegen die Umstrukturierung durch Olympia finden in einem schwierigen politischen Umfeld und in einer Wirtschaftskrise statt. In der Politik dominiert seit der WM ein konservativer Backlash, der sich nicht zuletzt gegen Präsidentin Dilma Rousseff richtet. Die klassische Linke rund um die Arbeiterpartei PT ist um Antworten verlegen, sie ist verstrickt in die Ränkespiele um den politischen Machterhalt. Im Nachbarland Argentinien manifestierte sich der in ganz Lateinamerika grassierende Rechtsruck bei der jüngsten Wahl bereits an den Urnen. Brasiliens Linke hatte im Oktober 2014 die Wahlen noch knapp gewinnen können, ringt aber seither um den Erhalt der politischen Teilhabe.

Die dennoch zahlreichen Proteste auf den Straßen sind kreativer und lustvoller, als wir es hierzulande gewohnt sind. Egal, um welches Thema es geht und egal, ob im städtischen oder ländlichen Raum demonstriert wird, immer scheint die Utopie von einem guten Leben für alle auf. Ein großer Teil der Bilder in diesem Dossier erzählt von diesem bunten Widerstand der sozialen Bewegungen in Brasilien. Einige Fotos stammen vom Medienkollektiv Mídia NINJA. Andere Bilder kommen von der Fotografieschule Escola de Fotógrafos Populares in Rio de Janeiro und sind der Fotoausstellung „Copaparaquem?“ (WM für wen?) entnommen, die 2014 von der OXIS-Gruppe in Bonn gezeigt wurde.

Schnelle Lösungen für die tiefe Krise Brasiliens hat zurzeit niemand zur Hand, und das Kalkül mit dem Opium des Volkes ist schon bei der Fußball-WM nicht aufgegangen. Es ist durchaus möglich, dass das olympische Feuer einen politischen Flächenbrand auslöst.

die redaktion

 

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