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Start-Up auf der Deponie

Am Rande der kenianischen Metropole Nakuru haben mehrere hundert Menschen einen ganz besonderen Arbeitsplatz: Sie verwerten Müll. Doch für ihre harte und schmutzige Arbeit auf der Deponie erfahren die MüllsammlerInnen, die sich als Waste Picker oder Waste Recycler bezeichnen, kaum Anerkennung. Ihnen bleibt nur, selbst für ihre Rechte zu kämpfen. Damit stehen sie nicht allein, auch andernorts organisieren sich MüllsammlerInnen immer besser.

MüllsammlerInnen organisieren sich für ihre Rechte

Ein klappriger Kleintransporter fährt über eine Hügellandschaft aus Restmüll. Schweine und Marabus warten darauf, dass der Laster seine Ladung preisgibt. »Pangani Cleaner – Garbage Collection Service Provider« steht auf einem handgemalten Schild an der Ladeklappe. Abgeladen werden soll der transportierte Müll in der Deponie Gioto, in der die kenianische Großstadt Nakuru ihren Abfall entsorgt. Am oberen Rand der Stadt gelegen, kann man von hier auf die Innenstadt sehen, sofern der Wind günstig steht und der beißende Rauch aus dem schwelenden Abfall die Sicht frei gibt.

»Wir sammeln hier Eisen, Plastik, Knochen. Einige von uns sammeln Papier«, erzählt Lucie M., die seit elf Jahren auf der wachsenden Deponie arbeitet und dort eine Bleibe errichtet hat. »Alles was du hier siehst, bringt Geld, wenn es sortiert ist«. Gioto ist für mehrere hundert Menschen ein selbst gewählter Arbeitsplatz. Selbst gewählt, weil sie in der von Arbeitslosigkeit betroffenen Stadt Nakuru keinen Job gefunden haben, der ihnen ein Überleben sichert. »Mehr als 90 Prozent der MüllsammlerInnen verfügen über keinerlei weitere Einkünfte, weder Sozialleistungen oder Renten noch Geld von Familienmitgliedern. Und mehr als 80 Prozent unterhalten mit ihrer Arbeit einen Haushalt mit zwei weiteren Personen«, schreiben Grace Lubaale und Owen Nyang’oro in ihrer Studie über Waste Pickers in Nakuru.1

 

Zwei Dollar am Tag

Ob Mumbai, Manila, Gioto oder Bogotá: Die Müllkippen der Metropolen im Globalen Süden werden oft als Kehrseite des wachsenden Wohlstandes einer konsumfreudigen Mittelschicht bezeichnet. Soziale Initiativen, Medien und Kunstprojekte berichten über den Alltag der Menschen, die den Müll meist unter erbärmlichen Bedingungen sammeln und sortieren. Zugleich mehren sich Reportagen über kleine Start-Up-Unternehmen, die als Vorzeigeobjekte einer umweltfreundlichen Recyclingindustrie gefeiert werden. Nur selten wird deutlich, in welchem Verhältnis die MüllsammlerInnen und die Recyclingfirmen zueinander stehen. Oder anders formuliert: Wie die soziale Misere der einen mit dem Erfolg der anderen zusammenhängt.

Ein junger Mann hat auf der Deponie Gioto hinter einem provisorischen Zaun aus rostigem Wellblech sein Sammellager eingerichtet. Diese wenigen Quadratmeter bewacht er tags wie nachts. Hier arbeitet er, isst er und schläft er. Das Sammelgut ist ordentlich sortiert: Kleine Haufen mit Kabelbindern, große Haufen mit Elek-trokabeln, Berge von Plastikflaschen, Gummi, Leder, Knochen und Glas. Seine Ausstattung besteht aus einer Hängewaage zum Abwiegen der Säcke mit vorsortiertem Müll, die ihm die Waste Pickers abliefern. Gerade verhandelt er mit einer gut 70-jährigen Kundin über den Preis für einen Sack voller aussortierter Flip-Flops. Einer jungen Frau zahlt er 20 Shilling (zirka 20 Cent) für ein Kilo leerer Getränkeflaschen. »Schau hier, das ist eine PET-Flasche, da unten auf dem Flaschenboden steht’s. Die ist wertvoll, für PETs gibt es gutes Geld.«2

Die Studie »Waste Pickers in Nakuru« besagt, dass nur sechs von 163 Befragten eine weitere verlässliche Einkommensquelle im formalen Sektor haben. Wer hier Müll sortiert, lebt also davon. »Die monatlichen Reineinkünfte aus dem Sammelgut betragen rund 5.000 kenianische Shilling, davon gehen oft noch Gebühren für Transport und Lagerung ab.« Auf den Tag umgerechnet leben die MüllsammlerInnen in Nakuru von weniger als zwei Dollar am Tag.

Ähnlich wie in anderen Arbeitsbereichen herrscht auch unter den Waste Pickers ein Gender Gap: Männer sammeln mehr Material und können es zudem zu höheren Preisen verkaufen als Frauen. Die Abnehmer auf der Halde und die kleinen und großen Zwischenhändler, die das sortierte Material an Transporteure und Großhändler weiterverkaufen und somit einen Mehrwert aus der Sammelarbeit schlagen, sind in aller Regel Männer. »Viele MüllsammlerInnen haben acht Jahre Grundschulbildung und hatten keine Chance, auf die höhere Schule zu gehen«, schreiben Lubaale und Nyang’oro. Doch sind auf Gioto auch Personen anzutreffen, die nach der Secondary School eine Ausbildung machten und dennoch keinen besseren Job fanden.

Der Sammelgutabnehmer zeigt auf einen Hügel aus Fahrradschläuchen, Getreidesäcken und Konservendosen. »Dann kaufe ich noch jede Art von Glas und zerrissenes Leinen, Gummi und Kabel. Wir sammeln alles hier, auch Knochen. Die kauft uns eine Firma ab, die unten in der Stadt angesiedelt ist. Sie filtern damit Wasser, Trinkwasser.« Nakuru liegt im ostafrikanischen Rift Valley. Hier ist das Grundwasser extrem fluoridhaltig. Eine lebenslange Überdosis an Fluorid greift die Zähne an und ist für Knochendeformationen verantwortlich. Viele Kinder leiden darunter, aber auch Erwachsene. Erst vor wenigen Jahren wurde eine erschwingliche Filtermethode entwickelt. Das Fluor wird dem Wasser mithilfe von Rieselanlagen entzogen, die mit Kiesbetten aus Knochen versehen sind. Lokale Kleinunternehmen verkaufen das gefilterte Wasser für drei Shilling pro Kanister. Zur Erneuerung der Filteranlagen brauchen sie Tierknochen.

 

Die Mär vom Wohlstand durch Müll

Wie genau neue Recyclingprodukte aus den sortierten Materialien hergestellt werden, wissen die MüllsammlerInnen nicht immer im Detail. Doch alle in Gioto wissen um die Bedeutung eines ökonomischen Begriffs: The Value Chain – die Wertschöpfungskette. Wenn der Preis für das gesammelte und sortierte Material schwankt, wenn plötzlich weniger für die gleiche Menge Schrott oder Gummi gezahlt wird als noch vor einem Monat, dann hat das mit den anderen AkteurInnen zu tun, die aus der Wertschöpfungskette des Recyclings Gewinn abschöpfen.

Das Sammeln und Sortieren von Müll gehört in Kenia zu den informellen Sektoren, mehrere tausend Personen arbeiten darin. In Südafrika sind es sogar 85.000 Menschen. Ihre Arbeit und ihre Existenz ist ein Kampf zwischen Selbstermächtigung und staatlicher Willkür, wie das Beispiel der Waste Pickers im südafrikanischen Sasolburg zeigt. Lange Jahre standen diese bei einem Privatunternehmen unter Vertrag, das eine Lizenz der Stadtverwaltung zum Abladen von Müll auf die städtische Deponie besaß. »Als unsere Deponie kurzzeitig der Stadtverwaltung unterstellt wurde, stellten wir fest, dass der Marktpreis für das sortierte Material doppelt so hoch ist wie der Preis, den uns das Unternehmen zahlte«, berichtet der Waste Picker Simon Bata. Als die Lizenz auslief und 157 MüllsammlerInnen von der Stadtverwaltung im Jahr 2009 die Genehmigung dazu forderten, das Recycling auf der Deponie in Selbstverwaltung zu übernehmen, räumte die Polizei den Ort. Es gab Tote.

Kurz darauf begann Musa Chamane von der Organisation Ground WORK mit einer Bestandsaufnahme auf südafrikanischen Mülldeponien. Ab diesem Zeitpunkt wussten Simon Bata und seine KollegInnen, dass sie nicht alleine waren. MüllsammlerInnen in anderen südafrikanischen Städten führten ähnliche Kämpfe und rangen um die Anerkennung ihrer Arbeit als Dienstleistung sowie um die Legalisierung ihrer Existenzen. Viele fingen an, sich zu organisieren. »Es muss einen Weg geben, die MüllsammlerInnen in das System zu integrieren. Sonst werden sie vom Markt verdrängt«, so Bata im Januar 2016. Er befürchtet, dass die Arbeit der Waste Pickers zwischen der neuen südafrikanischen Abfallgesetzgebung und der Konkurrenz auf dem Markt um die Ressource Abfall aufgerieben wird.

Mit »integrieren« meint Bata das, was der Verband der MüllrecyclerInnen von Bogotá (ARB) bereits erreicht hat: Die Anerkennung der Waste Pickers als DienstleisterInnen. Nora Padilla vom ARB hatte durch eine Klage erwirkt, dass 790 MüllsammlerInnen im März 2013 von der Stadtverwaltung erstmals ein Gehalt für den Abtransport wieder verwertbarer Festabfälle erhielten. Inzwischen zählt ARB über 5.000 Mitglieder. Inzwischen ist auch Simon Bata als Sprecher der South African Waste Pickers’ Association (SAWPA) international vernetzt, und inzwischen sind die MüllsammlerInnen in Südafrika in Kooperativen gut organisiert (siehe Kasten). AkteurInnen, gegenüber denen die SAWPA ihre Interessen vertritt, sind primär die Stadtverwaltungen, private Abfalltransporteure und Recyclingunternehmen. Auch bei der Erarbeitung und Verabschiedung neuer Abfallgesetze und -verordnungen bringt sich der Verband ein.

 

Arbeitsschutz? Gibt es nicht

Doch es geht um mehr als einen fairen Preis für das Sammelgut und die Anerkennung des Müllsammelns als Dienstleistung. Soziale Sicherheiten im Krankheitsfall und die Gewissheit, nicht vertrieben zu werden, sowie der Zugang zu Bildung für die Kinder stehen ebenfalls auf der Agenda der sozialen Kämpfe in Selbstorganisation. Lucie M. hat neben dem Müllsammeln weitere selbst gewählte Jobs: »Ich betreue hier Kinder, die ihre Abschlussprüfung machen müssen, und Kinder, die keine Eltern haben. Wir gehen in die Stadt und suchen für sie einen Sponsor und bitten die Schulleitung, dass sie auf die Schule gehen können. Wir haben in Gioto nun 30 Kinder und Jugendliche, die zur Schule gehen.« Lucie hat diese Aktivitäten zusammen mit weiteren Frauen und mit Unterstützung von WIEGO (Women in Informal Employment: Globalising and Organising) ins Leben gerufen. »Mit den jungen Leuten, die hier Müll sammeln, stellen wir Seife her und versuchen, sie zu verkaufen. Damit wir etwas Geld für sie haben.«

Bis zur Anerkennung durch die Stadtverwaltung in Nakuru haben die Waste Pickers von Gioto noch einen langen Weg vor sich. Aus der Innenstadt werden sie vertrieben, auf der Müllkippe allerdings geduldet. Doch auch hier gibt es keinerlei städtische Infrastruktur, die das Sammeln und Sortieren des Mülls erträglicher machen würde: Keine Behälter, Schutzanzüge oder Atemmasken. Wer auf der Müllkippe arbeitet, ist hohen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Giftige Dämpfe belasten die Lungen, Abfälle aus den Krankenhäusern wie gebrauchte Injektionsnadeln und Verbandszeug und Abfälle aus Schlachthöfen und Industrieanlagen verursachen Infektionen. Giftige Stoffe, zum Beispiel aus Druckereien, vermischen sich mit verwertbaren Küchenabfällen.

Über die Gefahren der urbanen Müllkippen wurde im kenianischen Fernsehen verschiedentlich berichtet. In der TV-Sendung Project Green 6 hieß es: »Eine Studie über die Viehhaltung im näheren Umkreis der Müllhalde kam zu dem Ergebnis, dass die Eier von Hühnern und Fleischprodukte hohe Konzentrationen von Dioxinen und anderen giftigen Stoffen aufweisen.« Die ebenfalls auf Müllkippen nachweisbaren polychlorierten Biphenyle (PCB) gehören zu den schädlichsten zwölf Stoffen und belasten langfristig Böden, Gewässer und die Atmosphäre.

Die MüllsammlerInnen wissen um die Gefahren und gesundheitlichen Folgen ihrer Arbeit. Die globale Vereinigung der Müllsammlerinnen Waste Pickers without Borders berichtet aus Nakuru, dass einige MüllsammlerInnen Selbsthilfegruppen gebildet und Sparkonten angelegt haben. Jede Woche zahlen die Gruppenmitglieder einen kleinen Betrag ein. Wenn ein Mitglied krank wird, kann mit der Spareinlage die medizinische Versorgung bezahlt werden – zumindest in kleineren Fällen.

 

Die grünen DurchstarterInnen

Solange es nicht zu gewaltsamen Protesten und Polizeiaktionen kommt, berichten Medien kaum über soziale Kämpfe von MüllsammlerInnen. Der mediale Fokus liegt in Sachen Abfallwirtschaft auf den Innovationen des Recyclings. In lokalen Fernsehreportagen werden Kleinunternehmen für die Umweltfreundlichkeit ihrer Firmenidee gelobt, wie etwa die Flip Flop Recycling Company, die E-Waste Collection und Taka Taka Solutions in Nairobi. Lorna Rutto, Direktorin der Firma EcoPost aus Nairobi, betont bei solchen Anlässen gerne den Umweltaspekt ihres Unternehmens, das Pfosten aus eingeschmolzenem Plastik herstellt. 20.000 dieser Pfosten entsprächen 250 Hektar Wald, die für die gleiche Menge Holzpfosten gerodet werden müssten.

Die Firma Taka Taka Solutions besitzt inzwischen für vier Stadtviertel Nairobis die Lizenz zum Sammeln von Taka Taka (wie Abfall auf Suaheli heißt). Der Inhaber des Unternehmens, der deutsche Philosoph Daniel Paffenholz, lässt Abfall zu Gläsern, Textilien, Sofa-Füllstoff und Kompost verarbeiten. Finanziell unterstützt wird das Unternehmen von der Siemens Stiftung. Laut der Stiftung sei es ein erfolgversprechendes Modell zur Verbesserung der Grundversorgung in Kenia.

Bislang erscheinen große internationale InvestorInnen und kleine Start-Up-Unternehmen kaum als KonkurrentInnen auf dem Markt der boomenden Abfallverwertungsindustrie. Die Recyclingideen junger HochschulabsolventInnen, die sich in selbst gefilmten Clips im Internet mit neuen Ideen präsentieren, werden allerdings gerne von ausländischen InvestorInnen aufgegriffen und in die unternehmerische Praxis umgesetzt. Die Nachfrage nach den zwei Millionen Altreifen, die jährlich in Kenia anfallen, lassen künftige Konkurrenzen höchstens erahnen. Eine sechsköpfige Gruppe von jungen Technikern wirbt auf YouTube für ein Verfahren, das Altreifen und Plastik in Elektrizität umwandelt. Mit einer Waste-to-Energy-Anlage wollen sie den aus Altreifen und Plastik gewinnbaren Strom ins öffentliche Netz einspeisen – und suchen dafür nach Inves-torInnen. Derweil plant das britische Unternehmen REMAPOL in Machakos eine große Anlage zu errichten, die der Gewinnung von Gummi, Stahl und Textilien aus Altreifen dient. Die Gummipellets sind Rohstoff für diverse Produkte, die Nachfrage ist international.

 

Große und kleine KonkurrentInnen

Die Abfallberge der südlichen Metropolen bieten sich auch aufgrund fehlender oder schwacher rechtlicher Regelungen und laxer Abfallgesetze als Übungsfeld für die Recyclingindustrie an. Neue Arbeitsplätze, Einsparung von Klimagasen und Ressourcen schonende Energiegewinnung – die Versprechungen der Grünen Ökonomie bestimmen auch hier den medialen Diskurs über die Recyclingindustrie. Waste to Wealth und Waste to Energy sind beliebte Schlagworte. Die MüllsammlerInnen kommen in dieser Erzählung in der Regel nicht zu Wort.

Zwischen den Start-Up-Firmen, die am formalen und damit legalen Ende der Recyclingkette stehen, und den MüllsammlerInnen, die wie in Gioto am unteren Ende des Müllsektors informell tätig sind, vermitteln weitere AkteurInnen. Dazu zählen die Mittelsmänner und Aufkäufer auf der Deponie, die Transporteure, die Aufkäufer der Aufkäufer, die das Material an legale Zwischenhändler weitergeben, die dann mit Recyclingfirmen in Kontakt treten. »Den meisten Aufkäufern, also den Zwischenhändlern, die das sortierte und gepackte Sammelgut an formale Recyclinghändler weiterverkaufen, wurden unfaire Handelspraktiken nachgesagt«, schreiben Lubaale und Nyang’oro. »Die Waagen zeigten weniger Gewicht an. Außerdem erwähnen die Waste Pickers Kartelle, die sie zwingen würden, das Sammelgut zu extrem niedrigen Preisen abzugeben.«

Wo genau das Material vom informellen in den formellen Wirtschaftskreislauf eintritt, ist nicht immer auszumachen. Sicher ist, dass mit der formellen Tätigkeit Steuern anfallen, die nicht nur über den Verkauf von recycelten Fertigprodukten bezahlt werden, sondern auch über Preisdumping beim Einkauf der Rohmaterialien. Dabei ist der Preis, den die MüllsammlerInnen für ein Kilo Sammelgut erhalten, nicht nur davon abhängig, welche sortierten Materialien in den Start-Up-Recycling-Unternehmen gerade gefragt sind. Zwischen Waste Pickers und ihren Großabnehmern haben sich weitere Akteure in die Kette der Verdienenden eingereiht: Um die Kontrolle der städtischen Mülldeponie Dandora der kenianischen Hauptstadt Nairobi kämpfen inzwischen rivalisierende Gruppen. »Waffen wechseln hier ihre Besitzer. Es gibt Kartelle, die diesen Ort hier kontrollieren«, berichtet ein Pater in Kariobangi, dem Stadtteil in unmittelbarer Nähe zu Dandora.

Ende Dezember 2015 blieb der Müll in Nairobis Innenstadt weitgehend liegen. Der Grund: Die Zufahrt zur Deponie Dandora ist versperrt. Die Wege sind völlig zerstört. Zudem verlangen die Kartelle Geld von den privaten Abfallentsorgern, auch wenn diese in Besitz einer Lizenz der Stadtverwaltung für die Nutzung der Deponie sind. »Das sind kriminelle Gruppen, die von den Vertragspartnern der Stadt nochmals 200 Shilling verlangen«, klagt der Umweltbeauftragte der Stadt gegenüber der Tageszeitung Daily Nation.

Der kenianische Dachverband für Abfall- und Umweltmanagement (WEMAK) macht das Bürgermeisteramt für die Misere verantwortlich. Seit Jahren sei die Deponie überfüllt, eine Ausweichmöglichkeit nicht in Sicht. »Die Abfallwirtschaft ist zu einer Melkkuh geworden, die von einigen hohen Beamten genutzt wird, um Millionen zu verdienen«, so der Sprecher von WEMAK.

Die sozialen Kämpfe in Dandora brachten nicht nur die Lage der MüllsammlerInnen in die Medien, sondern vor allem die politische Misere der städtischen Abfallwirtschaft. In Nairobi, einer Stadt mit über 3,4 Millionen Menschen und 2,4 Millionen Tonnen täglichen Abfallaufkommens, ist kaum die Hälfte der vierzig städtischen Müllabfuhren im Einsatz, nur knapp ein Viertel des Müllaufkommens wird entsorgt. Die Stadt droht mit der Schließung der überfüllten Deponie, die Grundwasser und Stadtklima gefährlich belastet. Derweil setzen sich die MüllsammlerInnen für den Erhalt ihres informellen Arbeitsplatzes ein – und für ihre Würde.

 

Anmerkungen

1             Waste Pickers in Nakuru. Informal Economy Monitoring Study (IEMS). Inclusive Cities. Nakuru 2013

2             PET (Polyethylen-Terephthalat) ist ein thermoplastischer Kunststoff mit vielfältigen Einsatzbereichen. Die weltweite jährliche Produktion liegt bei 40 Millionen Tonnen. Einer der größten Abnehmer ist die Softdrink-Industrie.

 

Martina Backes ist Mitarbeiterin im iz3w.

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