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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 354 | Zugemüllt Es stinkt zum Himmel

Es stinkt zum Himmel

Editorial zum Dossier "Zugemüllt"

»Talaat Richatkun« (ihr stinkt), skandierten im Sommer und Herbst 2015 tausende Demonstrierende in Beirut. In den Straßen der libanesischen Hauptstadt hatte sich monatelang Müll zu mannshohen Haufen angesammelt. Die bisher genutzte Deponie war geschlossen worden, sie war 17 Jahre lang ohnehin nur eine schlechte Übergangslösung gewesen. Während die AnwohnerInnen der Deponie unter Smog, LKW-Lärm und Rattenepidemien litten, hatten sich einige Unternehmer und korrupte Politiker eine goldene Nase mit dem Müll verdient. Die vereinbarten Vorschläge für langfristige Lösungen hatten sie nie geliefert.

Kein Wunder, dass die Müllkrise in Beirut zum Politikum wurde und eine Protestbewegung auslöste, die den Sturz der Regierung forderte. In Neapel hatte sich wenige Jahre zuvor ähnliches abgespielt. Auch hier versagten Politik und Staat beim Umgang mit dem massenhaft anfallenden Müll. Sie überließen das Feld der Mafia, die mittlerweile in ganz Italien mit Müll bessere Geschäfte macht als mit Drogen. Beirut und Neapel stehen geradezu paradigmatisch für einen Umgang mit Müll, wie er weltweit verbreitet ist. Mit dem Abtransport von Abfall und der Lagerung in Deponien machen einige Wenige gute Geschäfte, die zum erheblichen Teil illegal sind. Die Drecksarbeit an den Mülllastern und auf den Deponien bleibt mies bezahlten TagelöhnerInnen überlassen. Auf die Umwelt wird von niemandem Rücksicht genommen; die einen wollen nicht, die anderen können nicht.

Im reichen Deutschland mit seinem nationalen Stolz auf Mülltrennung und Recycling sind die Verhältnisse anders, aber nicht besser. Hierzulande firmiert die Müllbranche zwar unter dem euphemistischen Begriff »Entsorgung« und kann ohne großen Widerspruch Müllverbrennung als »thermische Wiederverwertung« verniedlichen. Aber augenscheinlich saubere Bürgersteige täuschen nicht darüber hinweg, dass Deutschland Exportweltmeister in Sachen Müll ist. Elektroschrott, giftige Schlacken oder ausgemusterte Schiffe werden massenhaft nach Ghana, in die Türkei oder nach Bangladesch verbracht, um dort »entsorgt« zu werden. Bloß weg damit! An der Vermüllung der Welt sind alle Industriestaaten des Nordens weit überproportional beteiligt.

Die Grundthese unseres Dossiers über die politische Ökonomie und Ökologie des Mülls lautet: Im Umgang mit dem Müll und den Menschen, die mit ihm arbeiten müssen, verdichten sich (welt-)gesellschaftliche Verhältnisse und Ungleichheit in besonderem Maße. Wir leiten das Dossier daher ein mit einer Reportage über MüllsammlerInnen auf einer Müllkippe in Kenia. Bei diesem Blick an die Basis wird besonders deutlich: Bei Müll geht es nicht nur um Umweltprobleme, sondern mindestens genauso um soziale Fragen nach angemessener Entlohnung, Arbeitsschutz, Nichtdiskriminierung und weiteren sozialen Standards.

Der Umgang mit Müll ist ein drängendes Thema für globale Umwelt-, Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Doch auf den Agenden internationaler NGOs und transnationaler Institutionen kommt es viel zu kurz. An diesem globalen Problem werden lokale Müllkrisen so schnell nichts ändern, befürchtet

die redaktion

354 | Zugemüllt
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