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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 354 | Zugemüllt Niq Mhlongo: Way Back Home

Niq Mhlongo: Way Back Home

Übersetzung aus dem Englischen: Gunther Geltinger. Verlag das Wunderhorn, Heidelberg, 24,80 €

Ein (Alb-)Traum von Südafrika

Er legt die Finger in die offenen Wunden der jungen Regenbogennation: Niq Mhlongo erzählt in seinem Roman Way Back Home schonungslos von Vetternwirtschaft, Gewalt und Korruption im neuen Südafrika – und über die Machtexzesse und Foltermethoden innerhalb des ANC während des Befreiungskampfes. Der Protagonist Kimathi Felize Tito, 37 Jahre alt und heute Großunternehmer dank des Black Economic Empowerment Programms der südafrikanischen Regierung, protzt mit Luxuslimousinen, Uhren, Whisky und Frauen. Doch sein Status, sein Körper, seine Identität: Alles an ihm ist mächtig und zerbrechlich zugleich, seine Psyche ist labil. Ständig wird er von Albträumen geplagt, ständig bangt er um den Verlust seines erworbenen Reichtums.

Dabei versprechen ihm seine guten Beziehungen eigentlich eine erfolgreiche Zukunft: Ludwe, Generaldirektor des Ministeriums für öffentliches Bauen, schob ihm in der Vergangenheit große Aufträge zu, und auch jetzt scheint der Zuschlag für den Kohleabbau in Gauteng für Kimathi greifbar nah. Die beiden kennen sich aus alten Zeiten, noch heute nennen sie sich »Comrade«. Ludwe war der Freund von Kimathis Eltern, Kimathi kam auf die Welt, als sein Vater im Exil in Tansania in einem ANC-Ausbildungslager lebte. Die Eltern starben früh und Ludwe versprach, sich um den jungen Kimathi zu kümmern, der sich mit 17 Jahren dem Widerstandskampf gegen die Apartheid anschloss.

Niq Mhlongo schichtet seinen Roman in drei Ebenen: Der Kohledeal der Gegenwart wird von Rückblenden ins Exil vor über zwanzig Jahren in Angola durchbrochen. Die Brutalität der dortigen Ereignisse in einem Gefangenenlager ist schon beim bloßen Lesen kaum zu ertragen. Mhlongo benennt ausführlich die Gewalttaten des ANC in einer Atmosphäre des Misstrauens und Verrats, die sich im Schatten der grausamen Tötungsmanöver der Buren ereigneten. Ständig auf der Suche nach der Verbindung zwischen den Protagonisten im Jetzt und im Damals hält das Buch bis auf die letzte Seite seine Spannung.

Kimathis Visionen und Träume, vor allem aber seine Angstzustände und Verfolgungsphantasien gerinnen zur dritten Ebene: Die der Albträume und der Geister, die den auf Mode und Chic bedachten Bauunternehmer quälen und die sich auch in den täglichen Whisky-Eskapaden nicht ertränken lassen. Zwischen traditioneller Medizin und modernem Krankenhaus sucht Kimathi nach Heilung, doch von der Vergangenheit kann er sich mit keinem Geld der Welt freikaufen. Als sich Kimathi mit Hilfe eines angesehenen traditionellen Heilers seiner Qualen entledigen will, treffen sich alle drei Ebenen in einer Szene, vermischen und verdichten sich am historischen Ort des Grauens. Das Gerüst, das Kimathi zusammenhält, zerbricht: Der Mix aus Geld, Verdrängung, Macht, Kumpanei und der Irrglaube, ein Recht darauf zu haben, mit allen Mitteln zu Ansehen und Reichtum zu gelangen – als Entschädigung für den Freiheitskampf und die demütigende Vergangenheit.

Autor Niq Mhlongo, 1973 in Soweto geboren, gehört zur Kwaito-Generation, die den Generationenwechsel zwischen Apartheid und Post-Apartheidstaat meist musikalisch im Sprechgesang ausdrückt und die Elite des ANC kritisiert. Zwischen spukhafter Trauma-Erfahrung und aktuellem Gesellschaftsporträt pendelnd, schafft Niq Mhlongo in seinem Roman eine geradezu selbstverständliche Gleichzeitigkeit zwischen dem modernen und dem traditionellen Südafrika, einem Land mit einem solidarischen Gemeinsinn für Gleichberechtigung und zugleich regressiven Tendenzen. Ein Buch, das mit den Mitteln eines Romans auf gelungene Weise ein kleines Stück zur Aussprache von unausgesprochenen Wahrheiten beiträgt.

Martina Backes

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