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Peak Waste

von Christian Stock

Das globale Müllaufkommen wächst und wächst und…

 

Die Diagnose ist alarmierend, sie wird von kaum jemandem angezweifelt und sie ist in vielen Medien nachzulesen: »Die Welt droht an ihrem Müll zu ersticken«, formuliert sie der SPIEGEL. Umso erstaunlicher ist, dass vertiefte Studien über das globale Müllproblem rar sind. Einzelne Bereiche wie Elektroschrott oder Plastikmüll sind wenigstens ansatzweise wissenschaftlich aufbereitet. Doch die ungeheure Dimension der gesamten globalen Stoffströme beim Müll wird nur selten übergreifend analysiert – ein eklatanter Mangel.

Das liegt nicht nur an der defizitären Prioritätensetzung der internationalen Umwelt- und Forschungspolitik, sondern auch an der mangelnden Datenbasis. Zwar nennen die statistischen Dienste von UN oder EU durchaus Zahlen, doch sind sie oft veraltet oder täuschen Genauigkeit nur vor. Zudem werden in den meisten Studien nur zusammengefasste Daten zu ganzen Stoffgruppen genannt, zum Beispiel »Kunststoffe« oder »chemische Produkte«. Die gebotene Differenzierung hinsichtlich einzelner Stoffe mit ihren höchst unterschiedlichen Umweltauswirkungen unterbleibt. Sie würde sowohl eine feinmaschige Erfassung von Stoffströmen als auch hohen wissenschaftlichen Aufwand etwa beim Monitoring erfordern. Für beides fehlt es an Geld und an politischem Willen.

 

Täglich sind es 450.000 Mülllaster

Trotz dieser Einschränkungen lohnt es, einen Blick auf vorhandene Daten zu werfen. Eine der wenigen halbwegs aktuellen Untersuchungen zum globalen Müllaufkommen stammt von einem ForscherInnen-Team um Daniel Hoornweg, Professor für Energiesysteme an der Universität von Ontario. Die von Hoornweg et al. im Wissenschaftsmagazin Nature genannten Zahlen sind erschreckend: Schon heute produziert die Weltbevölkerung schätzungsweise 3,5 Millionen Tonnen feste Abfälle – täglich! Um eine Ahnung von der Dimension dieser Menge zu bekommen: Dies entspricht der Ladung von 450.000 mittelgroßen Mülllastern.

Wenn sich am bisherigen Wachstumsverlauf nichts ändert, werden es 2025 sechs Millionen Tonnen pro Tag sein und im Jahr 2100 mehr als elf Millionen. Diese Prognose ist laut Hoornweg et al. belastbar, denn Urbanisierungsprozesse und das Wachstum von Pro-Kopf-Einkommen als wichtigste Faktoren für Müllaufkommen ließen sich gut vorhersagen. Während sich in den Industrieländern des Nordens ein abgeschwächtes Müllwachstum abzeichnet, nimmt die Müllproduktion anderswo stark zu, etwa in Ostasien, vor allem in der VR China. Ab 2025 wird voraussichtlich Südasien folgen, ab 2050 dann Afrika. Die ForscherInnen um Hoornweg sehen die Entwicklung in afrikanischen Ländern als entscheidend dafür an, wie hoch der Peak der weltweiten Müllerzeugung ausfallen und wann er erreicht wird.

Die schiere Menge des Mülls wächst zwar langsamer, wenn ein Land ein bestimmtes Wohlstandsniveau erreicht. Doch dafür wird seine Zusammensetzung problematischer: Je mehr Geld für Konsum ausgegeben wird, desto mehr Verpackungen, Elektrogeräte und kaputtes Spielzeug landen im Müll. »Den Wohlstand eines Landes kann man auch an der Zahl der weggeworfenen Handys ablesen«,  stellt das Team von Hoornweg nüchtern fest. Ein anderes Indiz für die Korrelation der Abfallmengen zum Wohlstandskonsum sind auch die zeitlichen Höhepunkte: Beispielsweise wird aus Kanada berichtet, dass sich das Müllaufkommen in der Woche nach dem Weihnachtsfest verdoppelt.

Müll ist vor allem ein Problem urbaner Regionen: StädterInnen verursachen pro Kopf doppelt bis viermal so viel Müll wie LandbewohnerInnen. In den Metropolen gibt es daher auch das größte Vermeidungspotential. Die kalifornische Stadt San Francisco hat sich deshalb das Ziel gesetzt, bis 2020 den Abfall auf Null zu reduzieren. Heute werden bereits immerhin gut die Hälfte aller Abfälle recycelt oder wiederverwendet. Ein Positivbeispiel ist laut Hoornweg et al. auch die japanische Stadt Kawasaki. Dort wurden industrielle Prozesse so optimiert, dass pro Jahr 565.000 Tonnen Müll vermieden werden. Japan könnte generell ein Vorbild beim Umgang mit Müll sein: Pro Kopf verursachen JapanerInnen ein Drittel weniger Müll als US-AmerikanerInnen, trotz ähnlich hohem Bruttoinlandsprodukt. Als Gründe nennen Hoornweg et al. kulturelle Normen, die stärker an Sparsamkeit orientiert sind, die größere Bevölkerungsdichte in den Städten und die hohen Preise für importierte Güter.

Während das rasante Anwachsen der Müllmengen nicht nur für UmweltschützerInnen, sondern auch für AnwohnerInnen von Deponien und Verbrennungsanlagen ein Horrorszenario ist, wittert die Müllbranche gute Geschäfte. Laut dem Beratungsunternehmen Sullivan & Frost soll allein der globale Markt für die »Behandlung von Siedlungsabfällen« jährlich um durchschnittlich 9,2 Prozent ansteigen. Erfasst sind dabei alle Spektren der Abfallbehandlung: Sammlung, Recycling, Wiederverwendung, biologische Behandlung sowie Verbrennung und Deponierung. 2020 soll damit ein weltweites Umsatzvolumen von 297 Milliarden US-Dollar erreicht werden. Zum Vergleich: Mit Produktion und Handel von Smartphones wurde 2014 ein Umsatz von 380 Milliarden erzielt. Das größte Wachstum der Müllbranche steht mit jährlich rund 15 Prozent im asiatisch-pazifischen Raum bevor, während der europäische Markt mit vier Prozent nur mäßig wächst. Weltweit gibt es derzeit erst 2.000 Müllverbrennungsanlagen – da ist noch viel Luft nach oben beim Verschmutzen derselben.

 

Deutschland ist Export-Weltmeister

Nicht nur die Gesamtentwicklung der globalen Müllproduktion ist aus sozialökologischer Perspektive mit größter Aufmerksamkeit zu betrachten, sondern im Hinblick auf Nord-Süd-Beziehungen auch der internationale Handel mit Müll. Eine Studie des kanadischen Forschungsverbundes CIRANO gibt grob Aufschluss über aktuelle Tendenzen. Der internationale Handel mit Abfall ist in den letzten beiden Jahrzehnten fast auf das Fünffache angewachsen, von 50 Millionen Tonnen im Jahr 1992 auf 238 Millionen Tonnen 2011 (im Wert von 162 Milliarden US-Dollar).

Die Zusammensetzung der globalen Müllströme nach Gewicht sieht wie folgt aus: 2011 waren 44,4 Prozent Eisen und Stahl sowie 24,6 Prozent Papier; die beiden Stoffe machen zusammen also mehr als zwei Drittel des Handels mit Abfällen aus. Problematische Stoffe wie Industrieabfälle (fünf Prozent) sowie Plastikmüll (6,6 Prozent) fallen zwar quantitativ weit zurück, sind aber unter ökologischen und gesundheitlichen Aspekten erheblich problematischer. Glas spielt im internationalen Handel mit Müll keine große Rolle. Aufschlussreich ist eine Betrachtung des monetären Werts der gehandelten Abfälle: Metalle machten 2011 zusammen allein 78 Prozent des Werts aus, 15 Prozent waren edle Metalle wie Kupfer oder Silber.

Die größten Müllexporteure im Zeitraum von 1992 bis 2012 waren die USA mit einem Anteil an den weltweiten Müllhandelsströmen von 21 Prozent (bei einem Anteil an der Weltbevölkerung von nur 4,3 Prozent). Deutschland folgt mit 12 Prozent der globalen Müllexporte auf dem zweiten Platz, exportiert also pro Kopf der Bevölkerung sogar mehr als die USA. Den dritten Platz nimmt Japan mit 6,5 Prozent ein.

Der größte Müllimporteur der Welt ist wenig überraschend die VR China mit 600 Millionen Tonnen (2013). Mit der Türkei und Südkorea folgen zwei weitere Länder, deren Industrialisierung in den vergangenen Jahrzehnten rasant verlief und in denen Umweltstandards erst allmählich durchgesetzt werden – ideale Bedingungen also für die Müllhandelsbranche.

 

Illegalität ist der Normalfall

Die genannten Zahlen zum Müllhandel sind nur die Spitze des Eisbergs. Denn nach Schätzungen der Europäischen Kommission und von WissenschaftlerInnen sind sage und schreibe 25 bis 85 Prozent der globalen Müllhandelsströme illegal! Laut einem Bericht des Magazins mare ergaben Stichproben in Europas Seehäfen, dass im Jahr 2006 jeder zweite kontrollierte Container illegale Abfälle enthielt, wie zum Beispiel Kühlschränke mit FCKW-Gas oder Erdkabel mit undefinierbaren Ummantelungen aus Kunststoff. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) stellt in einer aktuellen Studie fest: »Bis zu 90 Prozent des jährlichen weltweiten Elektromülls werden illegal gehandelt oder entsorgt«.

Illegal sind diese Müllströme dann, wenn sie gegen nationale Umweltgesetzgebungen und internationale Abkommen wie die Basler Konvention verstoßen. Gängige Methoden zur Verschleierung illegalen Handels sind falsche Gewichtsangaben gegenüber den Behörden, die gerade bei großen Mengen kaum nachmessen können, die gezielte Falschdeklaration von Stoffen, etwa wenn toxische Stoffe als harmlose Substanzen etikettiert werden, sowie das Mischen verschiedener Müllsorten. Es gibt also riesige Spielräume zur Manipulation.

Was angesichts all dieser erst vage bekannten Zusammenhänge dringend Not tut, ist eine stringente internationale Müllpolitik samt verstärkter Anstrengungen im Bereich unabhängiger kritischer Forschung. Doch dies steht kaum auf der Agenda internationaler Institutionen, anders als Freihandelsabkommen, die nur noch mehr Müll in die Welt bringen werden.

 

Literatur

Daniel Hoornweg/ Perinaz Bhada-Tata/ Chris Kennedy (2013): Environment: Waste production must peak this century. Nature, Volume 502, Issue 7473

Sophie Bernard/ Arthur Claire/ Guillaume Vergne/ Thierry Warin (2014): Un état des lieux sur le commerce international des déchets. CIRANO, Québec, Rapports Pour Discussion 2014DT-0

 

Christian Stock ist Mitarbeiter im iz3w.

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