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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 355 | Separatismus Eine Frage des Überlebens

Eine Frage des Überlebens

In Bangladesch haben Kämpfe gegen Kohleabbau nicht nur ökologische Dimensionen. Der zerstörerische Übertage-Abbau von Kohle wurde in Bangladesch inzwischen verboten. Dennoch werden vielerorts soziale Energiekämpfe ausgefochten, denn neue Kohlekraftwerke und der Untertage-Abbau stehen weiterhin auf der Agenda der Regierung. Dass das Land mehr Strom braucht, ist unstrittig. Die Frage ist nur: Wie?

von Swetlana Hildebrandt

Nicht erst seit dem vergangenen Klimagipfel in Paris vernetzt sich die globale Klima- und Umweltbewegung zunehmend, um gemeinsam zu agieren. Unter dem Motto »break free from fossil fuels 2016« wurde der Mai zu einem Monat des Protestes, Aktionen fanden auf sechs Kontinenten statt. In Australien blockierten 1.500 Menschen einen Tag lang den größten Kohlehafen der Welt in New Castle. Im indonesischen Jakarta protestierten mehrere Tausend gegen Kohleabbau und -export in ihrem Land. In Nigeria gab es gleich mehrere Protestaktionen, und in der Lausitz demonstrierten 4.000 Menschen aus ganz Europa für ein Ende der fossilen Energieerzeugung. Sie besetzten im Rahmen der Aktion »Ende Gelände« den Tagebau Wenzlow Süd sowie das Kraftwerk Schwarze Pumpe.

All diesen Protestaktionen von Klimawandel-AktivistInnen ist gemein, dass es um mehr geht als um die Frage der »richtigen« Energieerzeugung. Es geht darum, den Abbau von fossilen Energieträgern zu beenden. Denn nur dann kann eine Erwärmung der Erde um mehr als zwei Grad gegenüber vorindustrieller Zeit aufgehalten werden. Um die mit dem als historisch gepriesenen Klimaabkommen von Paris erstrebten 1,5 Grad Erwärmung nicht zu überschreiten, müssten die meisten Länder ihre Klimaschutzziele bereits jetzt revidieren. Während die Bundesregierung mit den in Bonn diesen Mai aufgenommenen internationalen Verhandlungen zur Umsetzung der Ziele von Paris euphemistisch von einer »neuen Ära« der Klimadiplomatie spricht, verweisen die weltweiten Proteste darauf, warum es wenig Anlass zur Freude gibt: Sie verdeutlichen, dass die Nutzung fossiler Energie derzeit keiner glaubhaften Begrenzung unterliegt.

In Bangladesch zeigt sich beispielhaft, wie umstritten insbesondere Kohleförderung ist: Am 4. April wurden bei einer Demonstration mit mehreren tausend Menschen gegen ein geplantes Kohlekraftwerk in Chittagong vier Personen von der Polizei erschossen. Rund 200 Menschen wurden teilweise schwer verletzt. Einige Wochen lang marschierten rund 800 Menschen 300 Kilometer von der Hauptstadt Dhaka zum Mangrovenwald in Sundarbans, um gegen den Neubau eines Kohlekraftwerkes in Rampal zu protestieren.

Der Kampf um Kohle in Bangladesch zeigt, wie bedeutsam eine international vernetzte Klima- und Umweltbewegung ist. Denn die Gemengelage im Kohlesektor ist derart komplex und international verwoben, dass es nicht ausreicht, Proteste gegen einzelne Regierungen oder energieproduzierende Firmen zu richten.

 

Strom für alle wollen alle

72 Prozent des Landes Bangladesch sind offiziell elektrifiziert. Vor allem in ländlichen Regionen haben aber kaum mehr als 42 Prozent der Menschen Zugang zum Stromnetz. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2020 jeden Haushalt ans öffentliche Stromnetz angeschlossen zu haben. ExpertInnen halten dies jedoch für unrealistisch. So sind vor allem auf dem Lande viele Menschen gezwungen, ihr Leben und ihre Aktivitäten nach dem Tageslicht auszurichten. Eine weit verbreitete Lichtquelle stellen Kerosinlampen dar, deren Abgase zu Atemkrankheiten führen können. Nach einer von der WHO veröffentlichten Studie zu Innenraumluftbelastungen sind in Bangladesch bereits 32.000 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen der giftigen Dämpfe gestorben.

Aktuell wird der Energiebedarf in Bangladesch vor allem durch importierte fossile Brennstoffe wie Kohle, Gas und Öl bedient. Dennoch deckt die produzierte Energie den Bedarf privater Haushalte nicht – ebenso wenig den der Wirtschaft, die derzeit 44 Prozent der Energie verbraucht. Stromausfälle gehören vielerorts zum Alltag. VertreterInnen großer Energiekonzerne wie Asia Energy und auch WissenschaftlerInnen sprechen gar von einer »Energiekrise« in Bangladesch. Weder die Bevölkerung noch die Regierung bestreiten die Notwendigkeit, den Zugang zu Energie in Form von Strom und Wärme zu erleichtern und zu sichern. Strittig sind lediglich die Wege.

2011 hat die Regierung mit Russland ein Abkommen zur friedlichen Nutzung von Atomkraft unterzeichnet. Mit dem Bau eines Atomkraftwerkes in Rupur wurde inzwischen begonnen. Es gibt derzeit Pläne für 13 Kohlekraftwerke im Land, ein Großteil davon in und um Chittagong.

 

Im Boden bestens aufgehoben

Die Region um Phulbari mit ihren fruchtbaren Böden wird als »Reisschale Bangladeschs« bezeichnet. 1994 entdeckte die Firma BHP bei Phulbari Kohlevorkommen. 2005 wurden die Abbaulizenzen an die in London sitzende Asia Energy Cooperation verkauft, die alsbald mit dem Abbau beginnen wollte, obwohl die Regierung noch nicht abschließend zugestimmt hatte. Der offene Abbau der Kohle hätte für 100.000 Menschen eine sofortige Umsiedlung bedeutet. Zudem wird geschätzt, dass rund 220.000 Personen im Verlauf der Zeit hätten umziehen müssen, da der Tagebau die umliegenden Böden austrocknen und das Wasser verschmutzen würde.

Mit der Umsiedlung in die Stadt drohte den BewohnerInnen Phulbaris extreme Verarmung, denn eine Tätigkeit in der Landwirtschaft wäre nicht mehr möglich gewesen. Die Pläne der Asia Energy Cooperation waren damit ein Grund für alle Betroffenen, auf die Straße zu gehen. Bei einer Demonstration im August 2006 mit 50.000 Beteiligten kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei sowie paramilitärischen Gruppen, sechs Menschen wurden getötet und rund 100 Personen teilweise schwer verletzt. Die Gewalt durch die Sicherheitskräfte empörte Menschen im ganzen Land, ein landesweiter Generalstreik legte daraufhin die Wirtschaft vier Tage lang lahm. Die Regierung versprach daraufhin in einem Sechs-Punkte-Plan, den offenen Kohleabbau in der Region zu verbieten und zu erwirken, dass die Bodenschätze in lokaler Hand bleiben.

Weil die Regierung ihre Versprechen nicht umsetzte, kam es im Februar 2011 erneut zu Protesten, die in einer Autobahnblockade gipfelten. Die Regierung antwortete erneut mit Gewalt bis hin zu Folter gegen AktivistInnen und mit einer Verschärfung des Demonstrationsrechtes. Erfolgreich machten daraufhin die Protestierenden mit einen von Initiativen aus hundert Ländern unterzeichneten Brief an die am Projekt beteiligten Firmen auf Menschenrechtsverletzungen, mangelnde Transparenz sowie die zu erwartenden ökologischen Schäden aufmerksam: Mehrere ausländische InvestorInnen, darunter die Asiatische Entwicklungsbank, die Royal Bank of Scotland und die Barclays Bank, entzogen ihre Unterstützung. Nachdem es 2013 zu weiteren Blockaden und Protesten kam, wurde im Februar 2014 das Projekt durch die Regierung gestoppt.

Wenngleich der offene Kohleabbau in Phulbari inzwischen verboten ist, ist es der unterirdische nicht. Nach Berechnungen des Energieministeriums reicht die gesamte in Bangladesch vorkommende Kohle noch für zirka dreißig Jahre. Grund genug für die Regierung, weiterhin auf Kohlekraft zu setzen. Seit 2005 wird in Barpukuria unterirdisch Kohle abgebaut. Pläne der regierungseigenen Betreiberfirma, die Kohle über Tage abzubauen, wurden von ähnlich intensiven und teilweise gewalttätigen Protesten wie in Phulbari begleitet.

Pläne für weitere Kraftwerke sorgen ebenfalls für Proteste. Gleich zwei Kraftwerke sollen in unmittelbarer Nähe des Sundarbans in einem 10.000 Quadratkilometer großen Mangrovenwald entstehen, der seit 1987 UNESCO-Weltnaturerbe ist. Das geplante Kraftwerk in Rampal wird von der indischen National Thermal Power Cooperation und dem staatlichen Energieversorger Bangladesh Power Development Board betrieben. Die Anlage, die jährlich 7,9 Millionen Tonnen CO2 emittieren würde, soll nur 14 Kilometer entfernt vom besagten Mangrovenwald gebaut werden.

Laut Angaben der Regierung wurden alle zu erwartenden ökologischen Schäden geprüft und als unbedenklich eingestuft. Die AktivistInnen und WissenschaftlerInnen rund um das Aktionsbündnis »Save the Sundarbans« sehen die Lage anders. Sie betonen, dass durch das Kraftwerk irreversible Schäden der Wald- und Flussökosysteme zu befürchten sind, die ihrerseits eine Zerstörung der Lebensgrundlage von rund 2,5 Millionen Menschen nach sich ziehen könnten. Die meisten BewohnerInnen der Region betreiben kleine Subsistenzwirtschaften, wie aus einem Bericht der NGO South Asians for Human Rights Bericht hervorgeht.

In dem Mangroven-Ökosystem leben nicht nur die weltweit letzten Tiger. Der Küstenwald, in dem über tausend Arten gezählt wurden, fungiert auch als natürlicher Puffer gegen die Auswirkungen von Tsunamis, Fluten und Zyklone. Letztere ereilen die Region – auch in Folge des Klimawandels – häufiger und heftiger als früher. Ebenfalls gefährdet sind Flora und Fauna des Passur-Flusses. Der hier heimische Flussdelfin könnte, wenn das Kraftwerk gebaut wird, sogar ganz verschwinden. Denn zum einen würde das Kraftwerk große Wassermengen aus dem Fluss abziehen. Zum anderen wären täglich 13.000 Tonnen Kohle per Schiff zum Kraftwerk zu transportieren. In Gefahr wäre damit auch die Existenzgrundlage der am Fluss wohnenden FischerInnen. Eine Aktivistin kommentiert daher die Proteste gegen den Bau so: »Das ist eine Frage des Überlebens. Ohne die Sudarbans wird uns niemand mehr vor Zyklonen und Naturkatastrophen retten können.«

 

Rücksichtslos durchgeboxt

Die South Asians for Human Rights berichten im Zusammenhang mit dem Projekt auch über Menschenrechtsverletzungen. Demnach wurden AktivistInnen und AnwohnerInnen fortwährend bedroht, überfallen und eingeschüchtert. Die für das Kraftwerk benötigten 1.834 Hektar Land wurden bereits von der Regierung akquiriert, die LandeignerInnen jedoch unzureichend bis gar nicht entschädigt. Zudem wurden die AnwohnerInnen kaum über die Kraftwerkspläne informiert. Die bengalische Aktivistin Miha Mizra meint dazu: »Das Projekt steht sinnbildlich dafür, wie einseitig die Regierung vom Wachstum des Bruttoinlandsproduktes als Indikator für Fortschritt besessen ist. Das ist eine sehr oberflächliche Auffassung von Entwicklung, die wachstumsbasiert, konsumgesteuert und energiebesessen ist. Die bengalische Regierung betrachtet die Armen und die Wälder des Landes als nebensächlich und als notwendige Opfer.«

Seit der Vertrag zwischen den indischen und bengalischen Betreiberfirmen ratifiziert wurde, gibt es immer wieder Proteste. Diesen März fand ein 300 Kilometer langer Marsch mit rund 800 Menschen von Dhaka bis in die Sundarbans statt, der mit einer Schiffsblockade des Passur-Flusses endete. Im Mai erklärte der bengalische Minister für Energie und Ressourcen, Nasrul Hamid, mit Verweis auf eine Studie des Ministeriums, durch das Kraftwerk seien keine Schäden für den Wald zu befürchten. Umma Habiba Benojir, der sich an dem Marsch beteiligte, fasst die Lage so zusammen: »Wir brauchen in Bangladesch Elektrizität, aber nicht auf Kosten der Sundarbans, den grünen Lungen des Landes.«

Es gibt keinen Mangel an Alternativen zum Kohleabbau, wie die Regierung glauben machen möchte. Seit über zehn Jahren zeigt das Solar Home System Program, dass es auch anders geht. Über ein ausgeklügeltes Mikrokreditsystem wurden mehr als 370.000 so genannte Insel-Solaranlagen installiert und finanziert, wodurch 3,5 Millionen Haushalte erstmals einen gesicherten Zugang zu elektrischem Strom erhielten. Für die Instandhaltung der Anlagen wurden rund 17.000 TechnikerInnen ausgebildet.

Derweil gehen die Proteste um Chittagong, Rampal und um andere Kohleprojekte weiter. Denn der Abbau von Kohle wird in Bangladesch – wie vielerorts weltweit – begleitet von Korruption, Landraub und Spekulation. Zudem ist das Land bereits jetzt vom Anstieg des Meeresspiegels und damit von Landverlusten betroffen. Viele Bangladeschis sind nicht mehr länger bereit, auf die Beschlüsse von internationalen Gipfeln und Konferenzen zu warten.

 

Swetlana Hildebrandt ist Mitarbeiterin im iz3w.

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