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Peo Hansen / Stefan Jonsson: Eurafrika

»Eurafrika« war von Anbeginn ein Projekt ohne Beteiligung von AfrikanerInnen – und auch deshalb zum Scheitern verurteilt.

Die Sahara – ein zweites Ruhrgebiet?

Die Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950 war quasi die Geburtsstunde des europäischen Einigungsprozesses. Sie enthält einen Passus, laut dem Europa nach seinem Zusammenschluss »mit vermehrten Mitteln die Verwirklichung einer seiner wesentlichsten Aufgaben verfolgen [wird]: die Entwicklung des afrikanischen Erdteils«.

Dabei ging es, wie die beiden schwedischen Sozialwissenschaftler Peo Hansen und Stefan Jonsson in ihrem Buch Eurafrica: The Untold History of European Integration and Colonialism eindrucksvoll zeigen, weniger um Hilfe für Afrika. Ziel war vielmehr einzig und allein die Fortsetzung des alten Kolonialismus mit neuen Mitteln. Schon in den 1920er Jahren prägte die so genannte Pan-Europa-Bewegung den Begriff »Eurafrika«. Dabei sollte Afrika Rohmaterialien für Europas Industrie sowie Nahrung für seine Bevölkerung liefern. Pathetisch bemühte man sogar Victor Hugo, der davon überzeugt war, Gott habe den EuropäerInnen Afrika zum Geschenk angeboten.

»Afrika den Europäern« wurde zum Schlagwort der Zwischenkriegszeit, und einer der begeisterten AnhängerInnen war der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer, der zeitweise auch Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft war. So überraschte es nicht, dass ausgerechnet Adenauer zu einem verständnisvollen Fürsprecher französischer Interessen im Hinblick auf eine mögliche enge Einbindung ihrer Kolonien und Überseegebiete in die beginnende europäische Einigung war. Er teilte sogar die Hoffnung, aus der Sahara könne ein »zweites Ruhrgebiet« werden, die notwendigen Investitionen vorausgesetzt.

Bei der Gründung der europäischen Gemeinschaften im Jahr 1957 gab es in Afrika lediglich fünf unabhängige Staaten. Mit der geplanten Fortschreibung der bisherigen Kolonialpolitik verkannten die VerfechterInnen des Konzepts »Eurafrika« auf sträfliche Weise die heraufziehenden geopolitischen Veränderungen. Die Möglichkeit einer raschen und anhaltenden Dekolonialisierung war ihnen offensichtlich nicht einmal eine theoretische Überlegung wert; und neue andere Konzepte im Umgang mit (ehemals) abhängigen Gebieten offensichtlich denkunmöglich. Statt mit der europäischen Einigung einen neuen Weg des Zusammenlebens mit Afrika auch nur anzudenken, wurde in traditioneller Kolonialherrenart einfach Politik über Afrika vereinbart.

»Eurafrika« war von Anbeginn ein Projekt ohne Beteiligung von AfrikanerInnen – und auch deshalb zum Scheitern verurteilt. Dass gleich zu Beginn der europäischen Einigung ein solcher massiver Konstruktionsfehler stand und welche bis heute anhaltenden Nachwirkungen dies auf das Verhältnis von EU und Afrika hat, zeigen Hansen und Jonsson eindrucksvoll in ihrem Buch. Es ist eine Pflichtlektüre für alle, die die heutigen Probleme beim Verhältnis von Afrika und Europa umfassend verstehen wollen.

Stefan Brocza

 

Peo Hansen/ Stefan Jonsson: Eurafrica: The Untold History of European Integration and Colonialism. Bloomsbury Academic, London etc. 2014. 344 Seiten, 45 £.

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