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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 357 | Afropolitane Kultur & Literatur Explosion der Kreativität

Explosion der Kreativität

Im äthiopischen Pop und Jazz mischt sich das Beste aus verschiedenen Welten. Soul, Funk, Fusion und Jazz erlebten in den 1960er und 70er Jahren in Äthiopien eine Blütezeit. Sie ging erst zu Ende, als das sozialistische Mengistu-Regime die freie Musikszene drangsalierte. Bislang nur unter KennerInnen bekannt, erleben äthiopische Sounds inzwischen ein Revival – durch Wiederveröffentlichungen, Tourneen und neue Bands.

von Till Schmidt

Für viele Kulturinteressierte im Westen mag Jim Jarmuschs Roadmovie »Broken Flowers« von 2005 die erste Begegnung mit äthiopischem Jazz gewesen sein. An prominenten Stellen werden einige Songs von Mulatu Astatqè gespielt, die sich gescheidig einfügen in die von Coolness und Melancholie getragene Stimmung des Films. Astatqè gilt als Vater des Ethio-Jazz. Seit Ende der 1990er Jahre, aber vor allem nach dem Soundtrack zu »Broken Flowers«, hat die Bekanntheit des Komponisten, Arrangeurs und Musikers merklich zugenommen. 2014 startete der damals 71-Jährige eine Europatournee, zahlreiche Auftritte im Westen und etliche Kooperationen mit anderen MusikerInnen aus verschiedenen Ländern folgten. Astatqès Anfänge als stilprägender Künstler liegen allerdings schon länger zurück.

In den 1960ern und 70ern erlebte Äthiopien eine kurze Phase, in der sich zahlreiche MusikerInnen an westlicher Popmusik zu bedienen begannen und diese mit landestypischen Tonskalen, Rhythmen, Gesangstilistiken und teils auch Instrumenten verbanden. In der Hauptstadt Addis Abeba blühte das Nachtleben, und obwohl die Musikindustrie unter Kaiser Haile Selassie I. verstaatlicht war, konnte eine enorme Menge unabhängig produzierter Schallplatten auf den Markt gelangen. Rückblickend wird diese Zeit oftmals als goldene Ära äthiopischer Popmusik oder in Anlehnung an das Londoner Pendant gar als »Swinging Addis« bezeichnet. 2013 schrieb der Musikjournalist Detlef Diedrichsen begeistert in der taz, dass es sich damals um eine »wundersame musikalische Kreativitätsexplosion« handelte, für die es global »kaum Entsprechungen« gebe: »Durch Addis Abeba tobten Soul, Funk, Fusion und Jazz, hin und wieder sogar ein wenig Rock.«

 

Begeistert von Brass Bands

Mulatu Astatqè avancierte durch seine Tätigkeit als Arrangeur, Komponist und Musiker zu einer zentralen Figur innerhalb der Szene. »Ich veränderte die gesamte äthiopische Musik, indem ich Jazz und Fusion mit der äthiopischen Fünfton-Skala kombinierte«, sagte er vor einigen Jahren der New York Times ganz ohne Bescheidenheit. »Seither steht mein Name ganz, ganz oben in der äthiopischen Musikszene.«

Aufgrund seiner Aufenthalte in Großbritannien und den USA ist Astatqè im Vergleich zu den anderen MusikerInnen eine Ausnahmeerscheinung. Als Teenager Mitte der 1950er Jahre von seiner wohlhabenden Familie zunächst zum Schulbesuch nach Wales geschickt, begann er unter dem Einfluss von Konzert- und Clubbesuchen in London anstelle der vorgesehenen Pilotenausbildung ein Musikstudium an der dortigen Trinity School of Music. Anschließend siedelte Astatqè in die USA über und schrieb sich – als erster afrikanischer Student überhaupt – am Berklee College of Music in Boston ein und später an der Harnett National Music School in New York. Zusammen mit dem »Ethiopian Quintet« veröffentlichte er dort zwei Alben, jammte mit dem bekannten Jazz-Vibraphonisten Dave Pike und reiste mehrmals nach Äthiopien.

Als Astatqè 1969 dauerhaft nach Addis Abeba zurückkehrte, hatte sich die Stadt stark gewandelt. Nach der Niederschlagung des von rebellischen Militärs angestrengten Staatsstreichs 1960 ließ Kaiser Selassie eine kulturelle Öffnung zu. Miniröcke und Motorroller tauchten auf. Musiker, die auf verblüffende Weise Elvis Presley und James Brown ähnelten, waren keine Seltenheit. Für Astatqè bot dieses Klima eine perfekte Gelegenheit. Sehr schnell erhielt er Aufträge – unter anderem für das neu gegründete Label Amha Records, das zwar ohne offizielle Genehmigung, aber keineswegs ohne Wissen der staatlichen Autoritäten, einen Großteil der damaligen Popproduktionen veröffentlichte. Als Gastmusiker trat Astatqè sogar bei Duke Ellingtons Äthiopien-Tour 1973 auf.

Haile Selassie I. war es auch, der auf entscheidende Weise zu den Anfängen der äthiopischen Popmusik beitrug. Bei einem Besuch in Jerusalem 1924 war er von europäischen Blechblasinstrumenten so stark begeistert, das er kurzerhand eine Band von jungen Armeniern engagierte, die aus der Türkei geflohen waren, und sie zu seinen Hofmusikern machte. Die Leiter dieser Band, Kevork und sein Neffe Nersès Nalbandien, prägten die äthiopischen Militär- und Polizeiorchester stark. Aus diesen sollten viele der späteren Popmusiker stammen. Nur als Mitglied einer solchen Band war es damals möglich, andere als die einheimischen Instrumente spielen zu lernen.

 

Ungewohnte Klänge und Rhythmen

Astatqè brachte schließlich das Vibraphon, die Hammond-Orgel und das Wah-Wah-Pedal mit nach Äthiopien und fügte noch Congas und Bongos für die Latin-Rhythmen hinzu. Sein hybrider Ethio-Jazz stieß allerdings nicht überall auf Enthusiasmus und Gegenliebe. Äthiopien war auch damals schon ein stark von Nationalismus geprägtes Land, das abgesehen von der italienischen Besatzung 1935 bis 1941 allen europäischen Kolonialisierungsversuchen widerstehen konnte und über Jahrhunderte eine bemerkenswerte kulturelle Isolation und Eigenständigkeit aufrecht erhalten hatte. Hierzu gehören auch die Azmaris, eine Art Kaste von umherziehenden SängerInnen, die meist in Begleitung der Krar, einer vier- oder fünfsaitigen Leier, scharfzüngig gesellschaftliche Entwicklungen und Ereignisse kommentierten. Diese zentrale Rolle von Gesang in der traditionellen abbessinischen Musik erschwerte es Astatqès instrumentalem Ethio-Jazz mitunter, an die Gewohnheiten von breiten Teilen der äthiopischen Bevölkerung anknüpfen zu können.

Viele PopsängerInnen griffen in ihren Texten eher politisch harmlose Themen auf. Dabei orientierten sie sich nicht selten am Tizita bzw. Tezeta, einem bestimmten Liedtypus der abbessinischen Musik, der oftmals auch als entsprechender Songtitel fungiert. Tizita wird manchmal mit dem Blues oder der portugiesischen Saudade verglichen. Auf Amharisch, der bedeutendsten Verkehrssprache Äthiopiens, bedeutet der Begriff Erinnerung, Nostalgie oder Sehnsucht. Auch wenn es dem ersten Eindruck nach nicht so scheinen mag, können auch im Tizita auf eher subtile Weise politische Themen reflektiert werden, worauf der in Addis Abeba geborene Kulturwissenschaftler Dag Woubshet in seinem Essay »Tizita: A New World Interpretation« (2008) hinweist.

 

Hungrig auf die neuesten Acts

Dass überhaupt so viele MusikerInnen in den 1960er und 70er Jahren westliche mit äthiopischer Musik kombinierten, lag auch am Einfluss der US-Militärbasis im damals noch zu Äthiopien gehörenden Asmara. Dort gab es eigene TV- und Radiostationen, die Songs von Frank Sinatra, John Coltrane oder James Brown spielten, sowie Clubs und Bars, in denen viele US-amerikanische GIs als Musiker auftraten. Zudem brachten die mehreren tausend jungen Freiwilligen der US-amerikanischen Peace Corps ihre Platten und Gitarren mit ins Land. Sie trugen durch ihr von der US-amerikanischen Popkultur beeinflusstes Aussehen sicherlich auch dazu bei, dass diese Modestile nun auch in Addis Abeba adaptiert wurden. Dazu kamen die von ÄthiopierInnen selbst aus dem Ausland mitgebrachten Schallplatten.

Auch Amha Records begann zunächst damit, aktuelle Musik aus dem Westen nach Addis Abeba zu importieren. »Nach dem Highschool-Abschluss suchte ich nach Wegen, um an die Alben zu kommen, die meinen Freunden und mir so sehr gefielen«, erzählte der heute über 70-jährige Eshèté vor kurzem dem Ethiopia Observer. »Es gab nur drei Musikläden, die aber griechische oder armenische Besitzer hatten. Deshalb fühlten sich die Äthiopier etwas ausgeschlossen.« Ein beruflicher Aufenthalt in Asmara bestärkte seine Neugierde gegenüber der ihm bis dato kaum bekannten Musik aus dem Westen. Eshèté verbachte stundenlang Zeit vor dem Radio. Sein neu eröffneter Laden lief schnell so gut, dass er weitere Shops in Addis Abeba und anderen Städten eröffnete. »Die Leute waren einfach hungrig auf die neuesten, heißen Acts – James Brown, Jim Reeves, Otis Redding, Wilson Picket und andere«. Eshèté begann allmählich damit, auch Musik aus Kenia, Sudan, Westafrika und Indien zu importieren. Vor allem sudanesische Musik etwa von Mohamed Wordi verkaufte sich gut, erinnert er sich.

Um nicht nur ausländische, sondern auch äthiopische Musik anbieten zu können, entschied sich Eshèté mit Mitte zwanzig, auch als Produzent tätig zu werden. Als Gründer und Betreiber des ersten unabhängigen äthiopischen Plattenlabels sollte Eshèté eine zentrale Rolle in der Entwicklung der damaligen Musikszene spielen. Mit äthiopischen KünstlerInnen nahm er zwischen 1969 und 1975 insgesamt 103 Singles und 12 LPs auf und verhalf zahlreichen Talenten zu Bekanntheit. Später entstanden weitere wichtige Labels wie Philips Ethiopia und Kaifa Recordings.

 

»Swinging Addis« wird gelähmt

1974, im selben Jahr, als Haile Selassie gestürzt wurde, veröffentlichte Mulatu Astatqè das erste Album in der äthiopischen Geschichte. Die neu an die Macht gekommene sozialistische Militärjunta unter Mengistu Haile Mariam bedeutete jedoch eine starke Veränderung für die äthiopische Popmusik. Wie andere ÄthiopierInnen auch wurden viele MusikerInnen und andere AkteurInnen der Szene inhaftiert, getötet oder mussten ins Ausland fliehen, wie etwa Amha Eshèté. Das neue, von der Sowjetunion unterstützte Regime verhängte eine nächtliche Ausgangssperre, hinzu kamen Razzien und Schließungen der Clubs. 1978 wurde die Vinylproduktion eingestellt, der Musikmarkt gehörte nun wieder der billig produzierten, meist illegal kopierten Kassette.

Durch diese Strangulierung des gesellschaftlichen Lebens kam »Swinging Addis« zum Erliegen. Betroffen waren auch die Azmaris, die im Vergleich zu den PopsängerInnen weitaus scharfzüngigere und gesellschaftskritischere Texte darboten. Nun war im Land eher andere neue, politisch opportunere Musik zu hören, etwa aus China, Russland und Kuba, berichtet Kay Kaufman Shelemay, eine Expertin für äthiopische Musikgeschichte, in der Radiosendung Afropop Worldwide. Astatqè blieb während der Herrschaft des Mengistu-Regimes in Äthiopien. Er arbeitete als Musiklehrer, konnte gewisse Freiräume genießen und gab auch Auftritte bei offiziellen Zeremonien. Ermöglicht durch die guten Beziehungen des Regimes zu Kuba reiste er sogar nach Havanna, um seine Kenntnisse der Latin Music auszubauen.

Das Jahr 1991 markierte nicht nur das Ende des Ostblocks, sondern auch des Mengistu-Regimes. Einige MusikerInnen und AkteurInnen der Szene kehrten zurück. So auch Amha Eshèté, der achtzehn Jahre in den USA gelebt hatte und als Betreiber von Clubs dort vielen exilierten KünstlerInnen Auftrittsmöglichkeiten verschuf. Nach seiner Rückkehr war er allerdings musikalisch nie wieder so aktiv wie zuvor, Amha Records nahm seine Arbeit nicht wieder auf. Insgesamt konnte das Niveau der Musikszene der 1960er und 70er nicht mehr erreicht werden. Aus diesem Grund blicken heute manche der damaligen ProtagonistInnen zum Teil sehr nostalgisch auf die Zeit des »Swinging Addis« zurück.

 

Revival der äthiopischen Sounds

Ein bisschen Nostalgie pflegen auch manche jüngere Kulturinteressierte, welche die alten Aufnahmen nun für sich entdecken konnten. Vor allem durch die Serie »Éthiopiques« erlebt äthiopische Popmusik aus den 1960ern und 70ern ein kleines Revival. Hinter den Wiederveröffentlichungen auf dem französischen Label Buda Musique, die sich größten- teils aus dem Backkatalog von Amha Records speisen, steht der Sammler Francis Falcato. »Das erste Mal, dass ich mit äthiopischer Musik in Berührung kam, war 1983 in Paris auf einer Party«, sagt er rückblickend. »Ein Freund hatte uns die Platte ‚Erè Mèla Mèla‘ von Mahmoud Ahmed geschickt, und als wir sie auflegten, wurde es auf einmal still im Raum. So was hatte vorher noch niemand gehört.« Kurz darauf fuhr Falcato nach Addis Abeba, um den Sänger für ein Konzert zu buchen.

Mittlerweile umfasst die »Éthiopiques«-Reihe 29 Titel. Neben Mulatu Astatqè und Mamhoud Ahmed finden sich darin unter anderem die Sänger Alèmayèhu Eshèté, Tlahoun Gèssèssè, Girma Bèyènè sowie die meist von der Imperial Bodyguard Band begleitete »First Lady des Ethio-Pop«, Bizunesh Bekele. Präsentiert wird auch Asnatqèch Wèrqu, die wegen ihres traditionellen Krar-Spiels aber eher untypisch für die Serie ist. Ebenfalls vertreten ist der Saxofonist Gétatchèw Mèkurya, der bis vor seinem Tod im April 2016 mehrmals mit den niederländischen Punk-Jazzern von The Ex zusammenarbeitete und dessen sich an traditionellen Gesangstilen äthiopischer Krieger orientierendes Saxofonspiel mitunter mit dem der stilprägenden Free-Jazz-Musiker Ornette Coleman oder Albert Ayler verglichen wird. Ein weiterer jüngst wiederentdeckter äthiopischer Musiker ist der Keyboarder Hailu Mergia, der inzwischen in Deutschland auf Tournee war und dessen Songs auf Awesome Tapes From Africa neu veröffentlicht wurden.

Auf ihre alten Tage erfahren einige äthiopische KünstlerInnen somit verdiente Aufmerksamkeit bei einem jungen westlichen Publikum. Mitunter laufen einem Klassiker aus »Swinging Addis« in aktuellen Hip-Hop-Produktionen als Sample über den Weg. Nicht zuletzt gibt es jüngere Bands wie das Either/Orchestra aus Boston oder das schweizerische Imperial Tiger Orchestra, die stark vom Ethio-Jazz inspiriert sind. Kürzlich erschien auf dem Münchener Label Trikont die zweite Folge des Samplers »Beyond Addis«, auf dem internationale, von äthiopischen Sounds der 1960er und 70er beeinflusste MusikerInnen wie Akalé Wubé oder Karl Hector & The Malcouns vertreten sind. In Addis Abeba selbst (und darüber hinaus) machen Künstler wie der Gitarrist Girum Gizar oder der Pianist Samuel Yirga auf sich aufmerksam.

Und überall präsent ist schließlich Mulatu Astatqè, der dort mit dem African Jazz Village 2013 einen eigenen Club mitsamt Musikschule eröffnet hat. Auch in Addis scheint ein kleines Revival zu existieren, berichten unter anderem die New York Times und der Guardian. Angesprochen auf die jungen MusikerInnen in der Hauptstadt, betont Astatqè: »Sie machen nicht nur die alte Musik nach, sie entwickeln sie weiter in neue Richtungen.« Man darf gespannt sein, was künftig zu hören sein wird.

 

Heiße Hörtipps

Mulatu Astatqyè: »Yegelle Tezeta«

Gétatchèw Mèkurya: »Yègènèt Muziqa«

Tesfa Maryam Kidane: »Heywete«

Mahmoud Ahmed – »Gizie Degu Neger«

Seyfu Yohannes: »Tezeta«

Tlahoun Gèssèssè: »Lantchi Biye«

Alèmayèhu Eshèté: »Telantena Zare«

Muluqen Mellesse – »Hedetch alu«

Samuel Yirga: »Abet Abet«

The Budos Band: »Origin of Man«

Karl Hector & The Malcouns: »Kingdom Of DM’T«

 

Till Schmidt ist freier Journalist und wohnt in Bremen.

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