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Afropolitan Branding

Im Laufe des letzten Jahrzehnts sind zahlreiche Projekte und Unternehmen entstanden, die den Begriff Afropolitan explizit als Label verwenden. Meist sprechen sie, mit einer lebhaften digitalen Präsenz, eine weltweit verstreute und sich vernetzende afropolitane Gesellschaft an. Worum geht es ihnen dabei, und wie unterscheiden sie sich?

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von Truc Nguyen

Politisches Statement oder ein Lifestyle-Label?

Als Taiye Selasi im Jahr 2005 den Begriff Afropolitan etablierte, bekam sie viel Zuspruch von der globalen Black Community. Heute, zehn Jahre später, lassen sich im World Wide Web zahlreiche Persönlichkeiten, Unternehmen und Organisationen finden, die sich mit diesem Begriff identifizieren oder darauf zurückgreifen. Wer versteht sich als AfropolitIn? Wer tritt als solche/r auf und prägt den Begriff? Das Bild, das im Netz von der afropolitischen Community entsteht, lässt sich nur schwer fassen – und hier nur bruchstückhaft und anhand einzelner Beispiele wiedergeben.

Das Online-Magazin »MR Afropolitan – The HEG‘s Lifestyle Destination« beschäftigt sich mit der Frage, wie ein wahrer Gentleman sich zu kleiden, zu artikulieren und zu verhalten hat. So handeln manche Einträge davon, wie ein Mann sich bei dem ersten Date angemessen verhält. Die Klischees reichen über das richtige Zurechtrücken des Stuhls bis zur Frage des Nachhausebringens: Ein Knigge für Männer afrikanischer Herkunft. Die Ambition hinter MR Afropolitan ist einerseits, ein soziales Netzwerk und eine Austauschbasis für Gentlemen zu schaffen, die sich als Navigateure zwischen den Welten, zwischen kosmopolitischen Lebensentwürfen und afrikanischen Traditionen verstehen. Tatsächlich ist der Lifestyle der »Highly Educated Gentlemen (HEG)« Selbstzweck des Online-Magazins, das unter der Über-uns-Rubrik ein »HEG-Manifest« präsentiert und HEG als Marke zu etablieren versucht. Wer sich schon immer gefragt hat, welche Schuhfarbe zu welchem Anzug passt, wird hier auf Antworten stoßen. Wer nach einer kritischen afropolitanen Perspektive sucht, ist auf dieser Seite verloren.

 

Afropolitan als Markenlabel

Ein ähnliches Verständnis vom Konzept Afropolitan hat »The Afropolitan Magazine«, eine Zeitschrift, die im südafrikanischen Johannesburg verlegt wird. Unter der Devise »Signature of African Sophistication« präsentiert die Website des Magazins zahlreiche Artikel zu verschiedenen Themenbereichen: Neben gesellschaftlich aktuellen Themen wie #bringbackourgirls (der nigerianischen Kampagne gegen Boko Haram) oder sozialen Jugendprojekten zu Sprechkunst und Tanz oder Talenteförderung stehen Beiträge über angesagte afrikanische Onlineshops, luxuriöse Inneneinrichtungen und so genannte Afro-Wheels, Luxuslimousinen inbegriffen. Spätestens beim Beitrag über die teuersten Quadratmeter der Welt drängt sich die Frage auf, was genau das mit dem Begriff Afropolitan zu tun hat. Fana Sihlongonyane, Dozentin an der Universität Parktown für Planung und Architektur in Südafrika, macht im Hinblick auf die Wirkung der Zeitschrift eine interessante Perspektive auf. Sie schreibt über das Magazin, Johannesburg werde in dieser Hochglanzprojektion als ein Ort der Afromodernität gezeichnet, mit multikulturellen sozialen Begegnungen und Interaktionen. Geprägt wird so eine neubebilderte und glokalisierte afrikanische Identität einer Stadt, die mit den begehrtesten Metropolen der Welt mithalten kann und sich vom Bild des Düsteren befreit.

Welche Spannweite afropolitische Communities aufweisen, zeigt ein Blick auf das Netzwerk Afropolitan Cities. Dessen Mission ist es, mithilfe lokaler Events »in den Metropolen der Welt eine globale Plattform zu schaffen, die Berufstätige kontinentumspannend verbindet.« So hoffen die BetreiberInnen, das volle Potential der afrikanischen Diaspora freizusetzen. Bisher organisiert das 2013 gegründete Netzwerk in Baltimore, Houston, New York, Miami und Washington regelmäßig Cocktailabende, Partys und andere Veranstaltungen, als Basis zum Kennenlernen, Vernetzen und Spaß haben.

In den nächsten fünf Jahren sollen zu diesen US-amerikanischen Städten 15 weitere Metropolen auf vier Kontinenten hinzukommen. Bisher, so die Internetseite, verbindet das Netzwerk 3.000 Berufstätige in der afrikanischen Diaspora durch ihre Aktionen. Afropolitan Cities will auf diese Weise zur »größten globalen afrokaribischen kulturellen Bewegung« avancieren. Die Veranstaltungen stehen auch Personen offen, die keine afrikanischen Herkunftsbezüge haben. Hinter dem Netzwerk steht Drumpulse Entertainment, eine internationale Eventmanagementfirma, die auch andere KlientInnen wie die Weltbank oder Guinness betreut. Sie organisiert und bewirbt die Veranstaltungen des Netzwerks und entwarf das Grundkonzept dieser globalen beruflichen Vernetzung.

 

Marktnischen im Konkurrenzgeschäft

Eine weitere Perspektive auf unternehmerische AfropolitInnen bietet der »Afropolitan Online Boutique Store«, der zahlreiche Designerinnen afrikanischer Herkunft versammelt. Die Produkte, hergestellt in Liberia und vorwiegend aus »afrikanischen Printstoffen«, sollen vor allem Frauen im Alter von 25 bis 45 Jahren ansprechen. Dass die Mode nicht für alle etwas ist, lässt sich an den Preisen ablesen; ein Designkleid kostet mindestens 120 US-Dollar. Derlei Preise sind zwar für Designermode keineswegs ungewöhnlich. Eine grundlegende Kritik an globalen kapitalistischen Verhältnissen, die es DesignerInnen aus eher kleinen Handarbeitsbetrieben schwer macht, sich auf dem internationalen Markt sichtbar zu platzieren und Kundschaft zu generieren, gehört allerdings auch nicht zum Konzept des Online-Shops. Dennoch bietet der Store Schwarzen Designerinnen das, was sie auf dem westlich orientierten Modemarkt nur schwer finden: Eine Plattform, um überhaupt auf globaler Ebene mitmischen zu können.

Eine politischere Perspektive auf das Konzept Afropolitan bietet der mehrfach ausgezeichnete Blog »Miss Afropolitan« der finnisch-nigerianischen Journalistin Mina Salami. Für sie ist Afropolitanismus ebenso ein Teil ihrer Identität wie ihrer philosophischen Einstellung, die sie auch auf Konferenzen, in ihren schriftstellerischen Arbeiten und im Privaten vertritt und lebt. Panafrikanismus, Feminismus und Kosmopolitismus sind nur einige Konzepte, die zu ihrer persönlichen Auslegung des Begriffs Afropolitan dazugehören. Sie sind in 32 Punkten detailliert auf ihrem Blog dargestellt. Die Bloggerin fasst das treffend so zusammen: »Afropolitanismus ist eine ausgleichende Ideologie, in welcher die Traumata afrikanischer Erfahrungen – Sklaverei, Kolonialismus, Rassismus, Sexismus, religiöse Kreuzzüge und Pogrome – durch die Verbindung der symbolischen, inquisitiven, humanistischen Wissensordnung der Vorfahren mit zeitgenössischen technologischen Prozessen, Kunst und Wissenschaft erneuert werden.«

Diese Ideen spiegelt Mina Salamis Blog wieder, auf dem sich zahlreiche Kommentare und Artikel zu aktuellen Themen finden, etwa zu Islamophobie oder über die an die Flüchtlingskrise geknüpfte Brexit-Debatte. Der Blog beschäftigt sich in unterhaltsamer und zugleich seriöser Weise mit feministischen, postkolonialen und gesellschaftspolitischen Phänomenen. So mischt sich Salami in globale Debatten ein und eröffnet eine kritische Perspektive, die Schwarze Lebenswelten einbezieht. Durch ihre politischen und philosophischen Beiträge gestaltet sie maßgeblich die Präsenz Schwarzer Stimmen in globalen Netzwerken mit. Laut Eelan Media gehört sie mit ihrer Arbeit inzwischen zu den 100 einflussreichsten Schwarzen Personen in digitalen sozialen Medien. 2013 wurde sie von »Women 4 Africa« zur Bloggerin des Jahres gekürt.

 

Young Urban Professionals only?

Unter dem Label »Afropolitan« haben sich den ausgewählten Beispielen zufolge zahlreiche erfolgreiche Blogs, globale digitale und soziale Netzwerke und andere florierende Online-Angebote versammelt. Ob mit Reisen, Kunst, Musik, Tanz oder UnternehmerInnenschaft, afropolitische Menschen sind weltweit unterwegs und dabei sehr erfolgreich. Gleichzeitig erzeugen die im Netz präsenten afropolitanen Medien und Produkte ein Verständnis des AfropolitInnenseins, das – neben dem Bewusstsein für die eigene Verbindung zu afrikanischen Ländern oder Herkunftsbezügen – mit einem hohen Grad an formaler Bildung, einer kreativen Ader und dem Feiern von Talenten sowie mit Erfolg assoziiert wird. Sie sind die globalen Young Urban Professionals.

Wer im Konzept Afropolitan lediglich einen Lifestyle-Entwurf ohne politischen Inhalt sehen möchte, findet ausreichend Bestätigung. Dennoch sind der Grad der Bezüge sowie die Interpretationen des Afropolitan-Konzeptes sehr individuell, die mit dem Begriff assoziierten Konnotationen und die jeweilige Bedeutung für die einzelnen Personen keineswegs die gleichen. Und nicht zuletzt ist schon allein im Prozess der Etablierung eines Lebenskonzepts ein politischer Akt inbegriffen, der dem Prinzip von Identitätspolitiken folgt: Schwarze Lebenswelten werden sichtbar und brechen dabei mit stigmatisierenden Stereotypen. Dieser selbstermächtigende Charakter kann gefallen oder nicht, er mag mehr oder weniger antirassistisch, philosophisch oder ökonomisch konnotiert sein, am Ende ist eine gemeinsame Botschaft in den Spielarten des Afropolitanen enthalten, ein gemeinsames Statement: Hier sind wir. Wir sind Teil der globalen Community. Nehmt uns ernst.

 

Truc Nguyen studiert Soziologie in Freiburg und arbeitet in der Hochschulpolitik zu sozialpolitischen Themen.

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