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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 357 | Afropolitane Kultur & Literatur »Wir wollten keine Märchen«

»Wir wollten keine Märchen«

Interview mit Teddy Goitom, Gründer von Afripedia

iz3w: Die ProtagonistInnen der Episoden von Afripedia leben in Nairobi, Dakar und Luanda. Gezeigt wird vor allem eine urbane Welt, doch was ist mit den eher ländlichen Regionen? Inwiefern ist die Kreativität, die Sie zeigen wollen, auf das Urbane beschränkt?

 

Teddy Goitom: Motiviert wurden wir von dem Gefühl, dass die Geschichten, die aus Afrika erzählt werden, wie eine Single Story daherkommen, einseitig und auf das Defizitäre beschränkt. Was ich herausfinden wollte: Wer sind eigentlich die GestalterInnen im kreativen Feld, und wer sind die Kunstschaffenden? Also starteten wir Afripedia als Rechercheprojekt. Bisher haben wir in zehn Ländern gedreht, veröffentlicht wurden bislang fünf Episoden. Unser Ziel ist, eine Art visuellen Guide zu erstellen, dessen Clips inhaltlich wie ästhetisch dazu dienen, Bewusstsein zu schaffen. So haben wir bislang Projekte und Leute aus Ghana, Kenia, Senegal und Südafrika gefeatured. Als wir die ersten Ergebnisse in Angola präsentierten, haben sich dort Leute gemeldet, und so kam es zum Dreh in Luanda. Wir wollten das Urbane zeigen, aber ich glaube, Kreativität gibt es überall. Ein Beispiel ist die Musikerin Wiyalaa, die aus einer sehr ländlichen Gegend aus Nordghana kommt und erzählt, was es bedeutet, von dort in die Stadt zu gehen.

 

Haben sie eine Lieblingsgeschichte, die Sie besonders berührt hat?

Ich habe viele Lieblingsgeschichten. Eine ist die Geschichte der Musikerin Reala. Die Art, wie sie sich uns gegenüber geöffnet hat, und wie sie uns sehr ehrlich erzählt hat, was es bedeutet, als Frau aus einer ländlichen Gegend frei schaffende KünstlerIn zu werden, hat mich wirklich berührt. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, wenn ich die Episode sehe, so als würde ich sie zum allerersten Mal sehen. Beeindruckt war ich auch von Andrew, einem 3D-Künstler aus Kenia, der trotz seiner Behinderung diese unglaublich tollen 3D-Animationen programmiert und der sagt, dass seine Behinderung ihn zu keiner Zeit daran gehindert hätte, genau das zu tun. Aufzugeben war für ihn nie eine Option, er war eher umso motivierter. Es ist faszinierend, welchen starken Willen dieser Mann hat, das zu tun, was er tun will.

 

Was den ProtagonistInnen gemeinsam zu sein scheint, ist diese Haltung des »Yes I can« oder auch die Botschaft »Yes you can«. Ignoriert ihr damit aber nicht die Tatsache, dass es viele Leute gibt, die Ähnliches erreichen wollen, aber an den Herausforderungen scheitern?

Ja, wir suchten nach Leuten mit diesem DIY-Feeling (do it yourself). Denn mit ihrer Arbeit fordern sie die Wahrnehmung und Bedeutung von Konventionen innerhalb der Gesellschaft heraus. Dennoch sprechen die KünstlerInnen über die teils heftigen Herausforderungen. Viele hatten keinerlei Unterstützung, weder vom Staat, noch von der Familie, weder finanziell noch ideell. Wir wollten zeigen, dass es dennoch möglich ist, mit eigenen kreativen Ideen etwas zu erschaffen, auch um andere zu inspirieren und um gemeinsam Lösungen zu finden.

 

Egal, ob es um das Zurückgehen aus Europa nach Afrika geht, oder um den Wunsch, international unterwegs zu sein, alle scheinen mit dieser einen Frage beschäftigt: Soll ich gehen oder soll ich bleiben?

Ja, alles ist im Fluss, und viele talentierte junge Leute, die den Kontinent verließen, entweder um zu studieren oder um künstlerisch tätig zu werden, verspüren dieses Verlangen, zurückzugehen zu ihren Herkunftsorten. Denn sie sehen, dass es dort beides gibt, die Herausforderungen, aber auch einen Markt. Ich glaube, die Entscheidung ist schlicht, es zu versuchen. Sonst wird es ein Märchen bleiben. Natürlich haben sie auch Verwandte, die ihnen von den Schwierigkeiten erzählen, doch ich glaube, sie sehen nicht nur die Hindernisse, sondern auch die Potenziale. In der Senegal-Episode sehen wir KünstlerInnen, die an Frankreich glauben, und doch wollen sie zurück in den Senegal. Sie wollen etwas in ihrer Herkunftsgesellschaft bewegen und sehen auch, dass es dort viele talentierte Leute gibt. Und klar, die Leute wollen in der internationalen Szene anerkannt werden. Das hat etwas damit zu tun, sich zu sagen: Ich bin KünstlerIn, ich habe Talent, und ich habe es verdient, mich mit den großen Kunstschaffenden international zu messen.

 

Dennoch bleibt der Eindruck, die porträtierten Personen bewegen sich in einem Zwischenraum, zwischen modernen und traditionellen Werten, konservativen Haltungen und den urbanen Metropolen. Wie gehen Sie selber damit um?

Dank meiner Mutter, die mich immer an meine eritreisch-äthiopische Herkunft erinnert und die mir gezeigt hat, wo sie herkommt, verstehe und kenne ich dieses fluide Mischen verschiedener Kulturelemente, verschiedener Medien und Designs. Wir KünstlerInnen benutzen diesen Vorteil, um uns in verschiedenen Welten zu bewegen und zuhause zu fühlen. Ich selber kann nur von mir sagen, dass ich den Zustand, mich verwirrt zu fühlen, nie erlebt habe, weil ich diese familiäre Bindung nie verloren habe, auch wenn ich nicht in Ostafrika groß geworden bin. Dennoch habe ich das Gefühl, ich könnte dort auch leben, ich könnte es versuchen. Tatsächlich ist das mein Traum, ich möchte gerne umziehen, nur habe ich mich noch nicht entschieden, in welches Land ich gehen möchte.

 

Die Videoclips sind primär für eine junge Generation gemacht. Aber beinhalten sie nicht auch eine Botschaft für die Elterngeneration der KünstlerInnen? Und wie lautet sie?

Die Botschaft ist, die Fähigkeiten der jungen Leute wahrzunehmen und dafür zu sorgen, dass sie ihre Talente ausleben und genau das machen können, wozu sie eine Leidenschaft verspüren. Es gibt viele KünstlerInnen, die keinerlei Unterstützung von ihren Eltern haben. Die Botschaft an die Elterngeneration ist, die jungen Menschen in dem zu unterstützen, was sie selber leidenschaftlich wollen, damit sie die Erfahrung machen, dass sie es auch schaffen können.

 

Was planen Sie, um die Filme auf Afripedia einem möglichst großen Publikum zugänglich zu machen?

Wenn die Fernsehsender, die das größte Potenzial haben, die Filme nicht ausstrahlen, dann wird es schwierig. Wir haben bei vielen Sendestationen angeklopft, und das war wirklich nicht einfach. Daher werden wir ab Oktober alle Geschichten im Internet auf afripedia.com zugänglich machen, so dass die Leute sie miteinander teilen können.

 

Wie kamen sie auf den Begriff Afripedia, der so offensichtlich auf ein dominantes Wissensarchiv anspielt, das den afrikanischen Kontinent kaum repräsentiert?

Wir diskutierten während der Filmdrehs, wie wir in Zukunft Geschichten einfangen und auch zugänglich machen können. Denn die paar Episoden, die wir bislang zeigen, repräsentieren natürlich nicht den ganzen Kontinent. Selbst innerhalb eines Landes haben wir weit mehr Kreative getroffen, es gibt Millionen von ihnen. Daher entschieden wir uns, eine neue Internetplattform zu gründen. Derzeit gestalte ich in New York mit einem neuen Inkubator-Programm einen visuellen Guide, mit dem Leute sich und ihre Geschichten selber erschaffen und kuratieren können. Das soll wie eine Datenbank funktionieren, wo jede/r Zugang hat und andere Kreative ausfindig machen kann, nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, sondern auch in der afrikanischen Diaspora. Unsere Ambition war auch, die Kreativindustrie wie Kunstmarkt und Kulturszene etwas aufzuwühlen und zu zeigen, dass es dort draußen gute Leute gibt, deren Werke auf Ausstellungen gezeigt oder die für eine Lesung eingeladen werden können.

 

Äthiopien und Eritrea sind noch nicht auf der Liste der Projekte. Warum?

Wir wollen in vielen weiteren Ländern filmen und das Projekt fortsetzen, auch in Äthiopien und in Eritrea. Und wir wünschen uns, mit lokalen ProduzentInnen zusammenzuarbeiten, die an ihren Orten selber Geschichten aufspüren und Filme drehen.

 

Teddy Goitom wuchs in Schweden auf und ist Produzent von afripedia.com. Das Interview führte und übersetzte Martina Backes.

Wir trafen Teddy Goitom anlässlich des 14. Afrika-Filmfestival im September in Köln. FilmInitiativ Koeln e.V.  hat die Afripedia-Serie mit deutschen Untertiteln versehen. Die Filme sind im Verleih bzw. Vertrieb erhältlich bei http://www.filme-aus-afrika.de/DE/film-vertrieb/film-verleih/afripedia/

 

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