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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 357 | Afropolitane Kultur & Literatur Loïc Locatelli Kournowsky/ Maximilien Le Roy: Überlebt!

Loïc Locatelli Kournowsky/ Maximilien Le Roy: Überlebt!

»Besiegt, aber am Leben«: So lautet der französische Originaltitel der nun auch auf Deutsch erschienenen Graphic Novel Überlebt! von Loic Locatelli Kournowsky und Maximilien Le Roy. Es handelt sich dabei um eine gut recherchierte Mischung aus biographischer Erzählung und historischer Spurensuche.

Eine Tragödie in Chile

Hintergrund sind die Ereignisse in Chile um den Wahlsieg des Sozialisten Salvador Allende, den Putsch durch General Augusto Pinochet 1973 und das Leben von AktivistInnen der MIR (Bewegung der revolutionären Linken) im Untergrund.

Die MIR, der sich die Protagonistin Carmen Castillo schon früh angeschlossen hatte, verstand sich als radikale-avantgardistische linke Gruppe, die nicht an eine demokratische, durch Wahlen erreichte Revolution glaubte. Nachdem Allende die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, bildete die MIR seinen privaten Schutztrupp, obwohl er eine Leibgarde für übertrieben hielt. Carmen arbeitete unter Allende im Büro für internationale Beziehungen und konnte so revolutionäre Linke aus anderen Ländern Südamerikas unterstützen.

Nach dem Putsch mussten sie und ihre Familie, zu der inzwischen zwei Kinder zählten, in den Untergrund abtauchen. Ein weiteres Kind war unterwegs. Ihr Mann Miguel Enriquez, der die MIR mit gegründet hatte, wurde bei einer Schießerei getötet. Dank internationalem Druck konnte Castillo nach Frankreich ausreisen und somit der Folter durch die chilenische Geheimpolizei DINA weitgehend entgehen. Dort lebt sie heute noch immer und arbeitet als Regisseurin.

Die Verfolgung und das Foltern von AktivistInnen der MIR durch das Pinochet-Regime wird in der Graphic Novel detailliert dargestellt. 2011 schätzte die UN-Menschenrechtskommission die Zahl der vom Pinochet-Regime getöteten und der ‚verschwundenen’ Menschen auf 3.200. Die Zahl der Gefolterten beläuft sich laut dieser eher vorsichtigen Schätzung auf 38.000. Pinochet ist dafür nie verurteilt wurden.

Für seine Recherchen hatte sich Le Roy mehrfach mit Carmen Castillo getroffen, ihr alle Entwürfe gezeigt und ist auch nach Chile gereist. Entstanden ist so eine beeindruckende Biographie, die die Ereignisse packend vermittelt, auch an LeserInnen, die mit der Geschichte Chiles nicht vertraut sind. Ergänzt wird die Graphic Novel durch ein Interview mit Carmen Castillo über den Putsch, Allende, seinen Selbstmord und das Verhältnis zwischen ihm und der MIR.

Castillo betont die Autonomie der Frauen in der Bewegung. Und so schreibt das Buch die Geschichte Chiles auch aus einer weiblichen Perspektive. Viel zu oft liegt der Fokus historischer Erzählungen über die MIR auf männlichen Protagonisten wie Miguel Enriquez, Regis Debray oder El Chico. Doch auch Allendes Tochter Beatriz oder Marcia Merino gehörten dazu. In einigen Passagen ihrer Geschichte wird deutlich, dass Carmen nicht nur Aktivistin und Professorin für Geschichtsforschung war, sondern auch Mutter. Sie hielt Miguel den Rücken frei und kümmerte sich um die Kinder. Ihr drittes Kind starb kurz nach der Geburt in Cambridge. Castillo selbst war in Sicherheit, aber sie hatte sowohl ihr Kind als auch ihren Partner durch die Repressionen der DINA verloren.

Carmen Castillo hat überlebt; davon ist ihre Arbeit als Regisseurin von politischen Dokumentarfilmen stark geprägt. Ihre Werke wie zum Beispiel »Calle de Santa Fe« setzen sich stets mit dem Spannungsfeld von Erinnerung und den Einfluss der Geschichte auf die Gegenwart auseinander. Bekanntlich wiederholt sich die Geschichte einmal als Tragödie und einmal als Farce. Die Grausamkeit autokratischer Regime wiederholt sich beständig, und auch das Scheitern linker Regierungen an der Macht neoliberaler Verhältnisse ist derzeit in Chile wie in ganz Lateinamerika allgegenwärtig.

von Swetlana Hildebrandt

 

Loïc Locatelli Kournowsky/ Maximilien Le Roy: Überlebt!, Edition Moderne, Zürich 2016. 128 Seiten, 29.- Euro.

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