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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 357 | Afropolitane Kultur & Literatur Einhard Schmidt-Kallert: Magnet Stadt – Urbanisierung im Globalen Süden.

Einhard Schmidt-Kallert: Magnet Stadt – Urbanisierung im Globalen Süden.

Seit 2007 leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land, Tendenz steigend. Einhard Schmidt-Kallert fragt sich in seinem Buch Magnet Stadt – Urbanisierung im Globalen Süden unter anderem, ob dies einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte markiert.

Im Herzen der Städte

In Zeiten, in denen sich zumindest die europäischen Innenstädte durch Gentrifizierungsprozesse immer mehr in Aussehen und in den sozio-ökonomischen Strukturen gleichen, scheint der Blick über den Tellerrand des Nordens hinaus nicht ohne alarmierende Kriminalitätsstatistiken oder faszinierter Exotisierung des Anderen und ihrer Stadt auszukommen. Es ist oft die Rede von Favela-Tourismus, airbnb und nicht funktionierenden offiziellen, aber umso besseren informellen Verkehrsnetzen. Man liest Nachrichten von immer größer werdenden, explodierenden Städten, vom Klimawandel und von der Grünen Revolution, die die kleinbäuerliche Landwirtschaft zerstört und zum Umzug in die Städte und deren Slums zwingt.

All diesen Aspekten des Urbanen widmet sich Schmidt-Kallert. Der Autor war während seiner langen Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit und in der Raumplanung in vielen Städten dieser Welt vorübergehend zu Hause. Gleichzeitig verstand er sich stets als neugieriger Reisender. Als Raumplaner hat er durchaus einen analytischen Blick, betrachtet die Vielzahl der Städte dieser Welt jedoch nicht als Modelle, die sich alle nach dem gleichen Schema entwickeln sollten. Und so ist eine der Grundbotschaften seines Buches, dass es die BewohnerInnen sind, die eine Stadt ausmachen. Daher präsentiert er immer wieder persönliche Anekdoten, Interviews mit ExpertInnen oder Verweise auf literarische Werke, die ausgewählte Situationen und Analysen illustrieren.

Schmidt-Kallert verfällt dabei weder in Romantisierungen noch verliert er den Blick für ökonomische Realitäten und daraus resultierende Widersprüche. Allerdings hätte er während seiner Aufenthalte durchaus mehr O-Töne der BewohnerInnen einfangen können. So ist er beispielsweise gezwungen, über den Rückgriff auf eine kleine Passage aus Meija Mwagis Roman »Nairobi, River Road« zu beschreiben, was die Räumung einer informellen Behausung für die Betroffenen bedeutet. In diesem Zusammenhang verweist er auf weitere Kämpfe um so genannte informelle Siedlungen und fragt sich, welche Rolle StadtplanerInnen sowie NGOs und BürgerInnenbewegungen zu deren Erhalt und Ausbau spielen können.

In gewisser Weise ist das Buch eher eine Soziographie als ein Fachbuch über Verstädterung. Der Autor widmet sich vor allem den Lebenswelten und den Beweggründen der Menschen, die in die Stadt ziehen. Auch wenn er sich der Subjektivität und Selektivität seiner Darstellungen durchaus bewusst zeigt, gerät sein knapp 200 Seiten dünnes Buch zum Versuch eines allumfassenden Rundumschlages zum komplexen Thema Urbanisierung im globalen Süden. Zwar versteht Schmidt-Kallert den »globalen Süden« nicht als eine homogene Abgrenzungsmasse zum globalen Norden, doch kommt er nicht umhin, oftmals Vergleiche anzureißen, ähnliche Phänomene auf unterschiedlichen Kontinenten wieder zu finden oder willkürlich zwischen geographischen Settings hin und her zu springen: »In Afrika ist der Übergang zwischen informellen städtischen Wohngebieten und landwirtschaftlich geprägten Siedlungen fließend. In China sind die großen Metropolen längst um ‚Dörfer in der Stadt’ herum gewachsen.« Zwar betrachtet er Afrika nicht durchgehend als ein Land, trotzdem entsteht beim Lesen häufiger das Bedürfnis, lieber auf einem Kontinent oder in einer Stadt zu bleiben und sich ihr genauer zu widmen.

Insgesamt bietet das Buch spannende Einblicke in die Metropolen, Vororte und Slums dieser Welt. Wer jedoch eine dezidierte und detaillierte Analyse sucht, sollte sich lieber ein Fachbuch mit einem eingegrenzten geographischen Fokus oder präziser formulierten Fragestellungen suchen.

von Swetlana Hildebrandt

 

Einhard Schmidt-Kallert: Magnet Stadt – Urbanisierung im Globalen Süden. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2016. 175 Seiten, 19,90 Euro.

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