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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 358 | Dschihadismus David Kunzle: Chesucristo

David Kunzle: Chesucristo

In seinem illustrierten Band Chesucristo wirft der marxistisch-sozialgeschichtlich orientierte Kunsthistoriker David Kunzle einen ausführlichen Blick auf die erinnerungspolitische und popkulturelle Hagiographie zweier Männer, die weitaus mehr verbindet als zunächst gedacht.

Die Hagiographie zweier Revolutionäre

In seinem illustrierten Band Chesucristo wirft der marxistisch-sozialgeschichtlich orientierte Kunsthistoriker David Kunzle einen ausführlichen Blick auf die erinnerungspolitische und popkulturelle Hagiographie zweier Männer, die weitaus mehr verbindet als zunächst gedacht. Kunzle stellt sowohl im künstlerischen als auch im literarischen Feld eine Verchristlichung Che Guevaras fest, bei der das Heilige zunehmend mit dem Profanen verschmelze. Er führt an, dass Che in zahlreichen Kunstwerken als Christus porträtiert wird – und umgekehrt. So ziert Ches Konterfei oft eine Dornenkrone oder ein Heiligenschein, während von Christus Abbildungen mit Maschinengewehr in den Händen und Barett auf dem Haupt existieren.

Jesus von Nazareth und Che Guevara sind von unzähligen Mythen umwoben. Beide Männer gelten als Revolutionäre – Che kämpfte gegen den globalen Kapitalismus, Jesus gegen die römische Besatzung Judäas. Beide blieben ihren Überzeugungen bis in den Tod treu, starben jung und werden bis heute als Märtyrer verehrt. Sie wollten durch ihr Handeln die Menschheit erlösen und sind heute Identifikations- und Projektionsfiguren zugleich.

Das Buch beinhaltet großartige farbige Abbildungen von Gemälden, Graffitis, Banknoten, Gedenktafeln, Fotos, Comics, Denkmälern und Plakaten, die sich mit dem 1928 in Argentinien geborenen Revolutionär Ernesto Che Guevara beschäftigen. Anhand dieses Materials demonstriert Kunzle, dass die Ikonografie Ches nur so von »Experimentierfreude, Verspieltheit, manchmal Respektlosigkeit und Humor« strotzt. Speziell das berühmteste Porträt Ches, abgelichtet von Alberto Korda im Jahr 1960, taucht in unendlichen Montagen auf. KünstlerInnen und KarikaturistInnen greifen bis heute darauf zurück, um den vermeintlich revolutionären Charakter von Personen zu karikieren. John Lennon, Prinz Charles, Wilhelm Tell, George W. Bush, Mona Lisa, die Freiheitsstatue, aber auch Julian Assange und Osama bin Laden finden sich in Kunzles Sammlung wieder. Vergleiche, die der Autor zwischen der Ermordung Ches durch die Bolivianer und der des Terroristen bin Ladens durch US-Soldaten zieht, transportieren aber auch zwischen den Zeilen, dass Guevara als Ikone des Antiamerikanismus funktioniert. Schön wäre es deshalb gewesen, wenn Kunzle ebenfalls existierende Che-Lookalikes von Donald Duck und Barack Obama berücksichtigt hätte.

Bemerkenswert ist, dass Kunzle Che und Jesus auch als homoerotische Figuren begreift. Er stellt die Frage, ob beide schwul waren und thematisiert vor diesem Hintergrund die lange Zeit homophobe Politik der kubanischen Revolutionsregierung. Visuell zeigt sich der Diskurs über die sexuelle und geschlechtliche Identität Ches im Buch in den Postern wie »Che Gay«, das den Revolutionär mit Make-Up und rotem Lippenstift zeigt, und »Viva La Trans Revolution! Transfabulous«. Darauf ist eine Montage von Kordas Foto mit offener Geschlechtsidentität zu sehen.

Durch die Vielfalt an Abbildungen ist das Buch alles in allem nicht nur eine spannende Dokumentation, sondern auch ein Bildband, der beim Blättern großen Spaß macht und den man immer wieder gerne in die Hand nimmt.

Patrick Helber

 

David Kunzle: Chesucristo. Die Fusion von Che Guevara und Jesus Christus in Bild und Text. De Gruyter, Berlin 2016. 383 Seiten, 89,90 Euro.

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