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Dschihadismus

In den vergangenen drei Jahren vollzogen sich drei dramatische Entwicklungen des Dschihadismus. Die erste einschneidende Veränderung waren die großen territorialen Gewinne des selbst ernannten »Islamischen Staates« in Irak und Syrien. Die politische Errichtung eines Kalifats und die Durchsetzung rigider salafistischer Verhaltensvorschriften wurden ab 2014 zur Realität für Millionen Menschen.

Die zweite große Veränderung bestand im Ausgreifen dschihadistischer Bewegungen in über zwanzig Länder in Afrika, Asien und im Mittleren Osten. In Nigeria beispielsweise konnte Boko Haram ganze Regionen zumindest zeitweise unter ihre Kontrolle bringen; hunderttausenden Geflüchteten im Nordosten droht derzeit eine Hungersnot. Die dritte massive Veränderung besteht in der großen Faszination, die der Dschihadismus inzwischen auch auf zigtausende junge Menschen in Europa ausübt. Einige von ihnen schließen sich nicht nur in Syrien und Irak dem IS an, sondern begehen auch in Europa Anschläge.

Was sind eigentlich Islamismus, Salafismus und Dschihadismus? In Übereinstimmung mit dem Gros der Fachleute verstehen wir unter Islamismus spezifische politische Formen der Auslegung des Islam. Sie zielen ab auf die Verwirklichung von Staaten und Gesellschaftsordnungen, in denen rigide islamische Normen als Grundlage allen öffentlichen und privaten Handelns durchgesetzt werden.

Salafismus bezeichnet jene fundamentalistische Strömung, die zum ursprünglichen Islam zurück will (arab. Salaf: Vorfahr, Ahn) und die alle angeblich ‚verwestlichten’ Formen islamischer Religionsausübung ablehnt. Nicht alle Salafisten sind auch Islamisten, aber viele streben über private Lebensentwürfe hinaus ebenfalls einen politischen Umsturz an. Dschihadisten sind jene gewaltbereiten Muslime, die ihre islamistischen und salafistischen Vorstellungen im Rahmen eines bewaffneten Dschihads (arab. Bemühung, Einsatz, Kampf) verwirklichen wollen.

Was macht nun die Attraktivität des Dschihadismus für so viele angry young men (und einige angry women) aus? Sie liegt in der Vorstellung, einer Avantgarde anzugehören, die eine ultimative Gesellschaftsveränderung will. Sie besteht im antiwestlichen Ressentiment, das sich bevorzugt, aber nicht nur gegen die USA und Israel richtet, und die in den damit assoziierten freien Lebensentwürfen etwa hinsichtlich sexueller Orientierung nur zersetzende Dekadenz am Werke sieht. Und sie besteht im entschlossenen Antisemitismus, der allen dschihadistischen Strömungen gemein ist und der zu einer Art Überbietungswettbewerb führte: Dem IS wird bisweilen von anderen Dschihadisten vorgeworfen, er vernachlässige den Kampf gegen die »Zionisten« zugunsten eigener territorialer Ansprüche.

Essentialistische Deutungen über das Wesen des Islam helfen bei der kritischen Analyse des Dschihadismus nicht weiter; mit dem Koran lässt sich alles und das Gegenteil davon belegen. Islam ist materialistisch betrachtet die Summe dessen, was weltweit 1,6 Milliarden MuslimInnen aus ‚ihrer’ Religion machen – und das umfasst äußerst unterschiedliche Lebensentwürfe, politische Überzeugungen und konkrete Handlungen. Leider beinhaltet dieser Befund, dass gerade im Nahen Osten allzu viele Gläubige mit Verweis auf die große innere Pluralität des Islams allzu indifferent sind, wenn es darum geht, das im Namen eben dieser Religion geschehende dschihadistische Morden zu ächten. Insbesondere die konservativen Gelehrten an den großen islamischen Universitäten halten sich mit wenigen Ausnahmen bedeckt, wenn es darum geht, die Opfer des Dschihadismus in Schutz zu nehmen. Demokratisch gesinnte, liberale MuslimInnen pochen demgegenüber auf die Universalität der Menschenrechte – auch im Falle des Dschihadismus.

Weil das dschihadistische Morden keineswegs die Vollstreckung vermeintlich islamischer Glaubenssätze, sondern in erster Linie Morden ist, besteht ein konsequentes Vorgehen gegen Dschihadismus nicht in einem Kulturkampf gegen ‚den’ Islam, wie es uns jene AbendländlerInnen weismachen wollen, die in den trüben Gewässern des kulturalistischen Rassismus fischen. Sondern es besteht im Kampf gegen die fundamentale Missachtung jeglicher Menschenrechte seitens des Dschihadismus. Dieser Kampf ist vor allem einer um die Köpfe, um das Denken der Menschen. Wird dieser Kampf in erster Linie militärisch geführt, ist er zum Scheitern verurteilt, wie die Lage in Afghanistan und Irak verdeutlicht. Die Fortsetzung des »Krieges gegen den Terror« in der bisherigen Weise wird ihren Teil dazu beitragen, dass fortwährend neue Generationen von Dschihadisten die angebliche Demütigung der muslimischen Welt rächen wollen.

»Ihr liebt das Leben, wir den Tod«, lautet einer der Wahlsprüche von Dschihadisten. Genau daran lässt sich bei gefährdeten jungen Menschen mit einer positiven Botschaft ansetzen: Spaßhaben ist doch viel attraktiver als apokalyptische Beklemmungen! Gegen das Musik- und Tanzverbot der Dschihadisten setzen wir auf Partys und coole Musik. Das Leben ist auf vielfältige Weise schön, wir genießen es. Wir tun alles dafür, dass alle Menschen auf der Welt ein gutes Leben führen können, und wir bemitleiden die armen Seelen, die es zerstören wollen.

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