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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 358 | Dschihadismus Ingo Schneider und Martin Sexl (Hg.): Das Unbehagen an der Kultur

Ingo Schneider und Martin Sexl (Hg.): Das Unbehagen an der Kultur

Kultur und Kritik

Als Ingo Schneiders und Martin Sexls Sammelband Das Unbehagen an der Kultur erschien, ließen sich die Ausmaße deutscher Willkommenskultur allenfalls erahnen. Zu ihr zählt entgegen offiziöser Behauptungen nicht nur die müde Empfangsdame an Bahnhöfen, sondern auch der verbissen besorgte Bürger. Jener Menschenschlag also, der die Fliehenden lieber mit Pöbeleien und Brandsätzen statt mit Wasser und Winterjacken willkommen heißt. In der Mär von der deutschen Willkommenskultur schießt zusammen, was thesenhaft in dem Buch bereits umrissen ist: Kultur, verstanden als moralische Absolution, verhilft jedem noch so niederen Verbrechen zu höheren Weihen – und verstetigt hiernach die ihm innewohnende Gewalt. Der dialektische Doppelcharakter von Kultur, so die Herausgeber Schneider und Sexl, begünstige sowohl die Minderung als auch die Mehrung von Leid. Vermag heute selbst das Schändlichste zu Kultur zu gerinnen, bleibe der Kritik nur die unermüdliche Arbeit am Begriff, denn »[n]ichts versteht von der ›Kultur‹ […], wer nicht das herrschende Darumherum untersucht«, wie Wolfgang F. Haug in seinem Beitrag bestimmt. Dem plumpen Pluralismus im Kulturbegriff sei folglich ebenso entgegenzutreten, wie dessen konservativ-reaktionären Zügen in aktuellen politischen Debatten, die das kulturell Fremde als fremde Kultur verdinglichen und somit die anderen abermals rassistisch drangsalieren.

Die seit den 1990ern zunehmende Kulturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse entspricht einem Verdrängungsprozess, der letztere simplifiziert und verschleiert. Einher geht diese Entwicklung mit der »Entsorgung« materialistischer Kritik: Dass die AusländerInnen weder Arbeit noch Bildung haben, sei Folge wie Erkennungszeichen ihrer Kultur – von Themen wie Bildungs- oder Beschäftigungspolitik will hingegen niemand mehr reden, wie Iman Attia besonders hervorhebt. Doch statt den Kulturbegriff einfach zu verabschieden, so die Forderung Schneiders und Sexls, solle seine Repolitisierung erfolgen, wonach dessen zweite Natur aufzulösen und seine Genese aus gesellschaftlichen Verwerfungen sodann zu schildern ist; mit der vermeintlichen Naturhaftigkeit des geschichtlich Gewordenen – was Kultur letztlich auch ist – sei somit zu brechen. Ermöglicht die Arbeit am Begriff somit jene Kräfteverhältnisse untersuchbar zu machen, die in der Kultur – als empirischem Phänomen – ausgefochten werden, ließe sich zugleich ihr kritischer Gehalt retten, so W.F. Haug. Denn so widersprüchlich manche Dinge und Praktiken auch verfasst sind, die uns als Kulturgüter überliefert werden, so sehr vermögen sie gleichsam auf einen Zustand zu verweisen, welcher der Gewalt der Moderne enthoben zu sein scheint – ohne diesen Widerspruch allerdings alleine auflösen zu können.

Der Band versammelt kenntnisreiche Aufsätze über die aktuellen Wirren der Kultur. Unter ihnen sticht jener von Schneider und Sexl besonders hervor. Die beiden Autoren zeichnen die Entwicklung des Begriffs ideologiekritisch nach und erörtern seinen Umschlag in den Plural. Dass »Das Unbehagen an der Kultur« den Kulturalismus als gesamtgesellschaftliches Problem vorwegnimmt, noch ehe sich diesem nach der Kölner Sylvesternacht zugewandt wurde, spricht für die Lektüre des Sammelbandes. Er nimmt vorweg, woran es heute entschieden ermangelt: Einer schonungslosen Kritik der Kultur.

Sebastian Sternthal

 

Ingo Schneider und Martin Sexl (Hg.): Das Unbehagen an der Kultur. Argument Verlag, Hamburg 2015. 270 Seiten, 19 Euro.

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