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Es geht um radikalen Wandel

Ein Diskussionsbeitrag von Nina Treu zur Klärung einiger Missverständnisse über Degrowth

In der iz3w 359 vom Februar 2017 stehen zwei Beiträge zu Degrowth: Daniel Bendix schrieb über „Wachsende Wachstumskritik - Die Debatte um Postwachstum und internationale Machtverhältnisse“, und Winfried Rust hielt dagegen: „Seht die Unterklassen - Die Kritik an der Wachstumskritik wächst“. Beide Artikel nehmen Bezug auf das Projekt „Degrowth in Bewegung(en)“ des Konzeptwerks Neue Ökonomie in Leipzig  – ein Publikationsprojekt, bei dem Vertreter*innen von 32 sozialen Bewegungen über sich, ihr Verhältnis zu Degrowth und mögliche Bündnisse reflektierten.

Wir als Herausgeber*innen des Buches „Degrowth in Bewegung(en)“ freuen uns über die Debatte in der iz3w, wollen aber gern eine kritisch-konstruktive Diskussion vorantreiben und hiermit auf einige Argumente eingehen.

Degrowth ist kapitalismuskritisch

Wir begrüßen zunächst, dass Winfried Rust uns als Macher*innen des Projekts als reflektiert, politisch und dem linken Spektrum der Wachstumskritik zugehörig anerkennt. Merkwürdigerweise denkt er trotzdem, dass Degrowth nicht kapitalismuskritisch wäre. Das liegt wahrscheinlich daran, dass er (wie viele andere Degrowth-Kritiker*innen) Postwachstum, Wachstumskritik und Degrowth bezüglich der Kapitalismusfrage in einen Topf wirft. Viele deutsche Vertreter*innen von Postwachstum oder Wachstumskritik sind in unseren Augen zu wenig kapitalismuskritisch. Sprich: Sie setzen zu sehr auf Individuen und vernachlässigen strukturelle Aspekte, erkennen die Trennung zwischen Kapital und Arbeit nicht als zentralen Faktor an und benennen dadurch bestehende Interessenkonflikte nicht.

Durch die öffentliche Präsenz dieser Autor*innen denken viele, Postwachstum wäre zu wenig oder gar nicht kapitalismuskritisch. Unser Verständnis von Degrowth ist es aber schon. Das heißt nicht, dass alle Beiträge des Buches kapitalismuskritisch sind (auch nicht jeder Beitrag in der iz3w ist das). Aber es bedeutet, dass Kapitalismuskritik ein zentrales Element unserer Arbeit ist. Wir wollen durch die Beschäftigung mit Wachstum nicht die zentralen Elemente des Kapitalismus verschleiern, sondern mehr Leute in eine Debatte über unser Wirtschaftssystem einbeziehen. Das ist aus unseren Beiträgen im Buch (Einleitung und Abschlusskapitel) und den anderen Degrowth-Projekten des Konzeptwerks unserer Meinung nach gut erkennbar.

Wer profitiert von Wachstum?

„Weniger ist mehr.“ So beginnt Rusts Beitrag; er teilt einige Argumente der Degrowth-Bewegung. Aber leider reduziert er den Degrowth-Diskurs darauf und meint „das Spiel von These und Antithese ruft hier förmlich nach der Synthese, um diese Ebene zu verlassen.“ Hier stimmen wir zu: Degrowth geht es nicht nur um die Kritik des Wachstums oder die Forderung nach Schrumpfen, sondern um einen radikalen Wandel unser Wirtschaftsweise.

Zentraler Punkt bei Degrowth ist, auf das Wachstumsparadigma, also die einseitige Fokussierung auf Wachstum mit ihren negativen Konsequenzen, aufmerksam zu machen. Denn im herrschenden Wirtschaftssystem muss das Bruttosozialprodukt wachsen, damit das System stabil bleibt - obwohl unendliches Wachstum auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen nur schwer möglich ist. Und wir messen unseren gesellschaftlichen Wohlstand weltweit an dieser Zahl, obwohl ihr Wachstum überhaupt nicht mit Verbesserung gleichzusetzen ist.

Wenn zum Beispiel durch eine leckende Öl-Pipeline verseuchte Gewässer gereinigt werden, wächst das BIP. Oder wenn eine Luxus-Shopping-Mall auf ehemaligen Slum-Gebiet in Indien errichtet wird. Oder wenn Großkonzerne genmanipulierte Pflanzen an Kleinbäuer*innen verkaufen, die bis dahin selbst gezüchtetes Saatgut verwendeten. Hier gilt: Wachstum ist nicht gleich Verbesserung der Lebensbedingungen. Die Degrowth-Kritik sagt: Wir müssen weg vom Wachstum und hin zu der Frage, wie wir menschliche Bedürfnisse befriedigen können. Der Erfolgs des Wirtschaftssystems sollte daran gemessen werden, ob es allen Menschen ein gutes Leben ermöglicht und dies auch noch in Zukunft tun wird (also nachhaltig ist) – und nicht, ob eine Zahl wächst.

Imperiale Lebensweise rückbauen und selbstbestimmte Entwicklung im Globalen Süden ermöglichen

Leider wiederholt Rust auch das gängige Argument, wonach Degrowth nicht für den globalen Süden praktikabel ist. Soll es auch gar nicht sein. Obwohl Rust anfangs das Selbstverständnis des Degrowth-Webportals zitiert, vergisst er dann einen entscheidenden Satz. Dort steht nämlich, dass Degrowth auch heißt: „Eine Verringerung von Produktion und Konsum im globalen Norden, eine Befreiung vom einseitigen westlichen Entwicklungsparadigma und damit die Ermöglichung einer selbstbestimmten Gestaltung von Gesellschaft im globalen Süden.“ Degrowth-Vertreter*innen wollen kein (neo-)koloniales Konstrukt entwickeln, mit dem Menschen aus dem Globalen Norden anderen wieder einmal vorschreiben, wie ihre Gesellschaften zu funktionieren haben. Die Idee ist genau anders herum: die imperiale Lebensweise des Nordens so zu verändern, dass im Globalen Süden überhaupt Möglichkeiten zur selbstbestimmten Entwicklung bestehen. Degrowth setzt im globalen Norden an. Gleichzeitig gilt aber die oben genannte Frage weltweit: Wie kann ein gutes Leben für alle ermöglicht werden? Und wer hat was von welchem Wachstum? Das Leben der Armen wird nicht verbessert, indem in Indonesien Shopping-Malls gebaut werden oder in Indien die reiche Mittelschicht BMW fährt.

Sowohl gegen Rückwartsgewandtheit als auch blinden Fortschrittsglauben

Unserer Meinung nach beinhaltet Degrowth auch keine „Sehnsucht nach dem Zurück“. Wir glauben nicht, dass die Lösungen für die vielfältigen Probleme auf dem Planeten in irgendeiner traditionellen Wirtschaftsweise oder Gesellschaftsform liegen. Eine Relokalisierung der Ökonomie oder die Frage, wie viel Subsistenzwirtschaft in einer modernen arbeitsteiligen Gesellschaft sinnvoll ist, sollte nicht als „Zurück“ verstanden werden. Wir vermuten, dass bei diesem Punkt mit einer längeren Auseinandersetzung zu klären wäre, was sinnvolle und was problematische Forderungen sein könnten.

Noch ein großes Missverständnis scheint uns im Technologieverständnis zu liegen. Rust schreibt „Ebenso ratsam wäre das Abgehen von einem Lieblingsfeindbild der WachstumskritikerInnen: Dem »grünen Kapitalismus«. […] Aber intelligente, verbrauchsarme Technologien zu vernachlässigen, wäre verrückt.“ Unserer Ansicht nach liegt der Knackpunkt in der Differenzierung der Technologien. Intelligente, verbrauchsarme Technologien sind im Degrowth-Sinne. So zum Beispiel effiziente Haushaltsgeräte, Solarbusse oder erneuerbare dezentrale Energien. Großtechnologien, die in der Hand von mächtigen Großkonzernen liegen und die Frage nach dem richtigen Maß außen vor lassen, allerdings nicht. Das scheint nämlich so, als ob der Kapitalismus dadurch gerettet werden soll, dass er begrünt wird, ohne dabei Fragen nach Verteilung, Geschlechter- und Machtverhältnissen anzugehen. Das lehnen wir ab.

Für eine differenzierte Sichtweise auf Tierrechte & Veganismus

Zu guter Letzt setzt sich Rust noch von einer im Projekt vertretenen Bewegung ab, nämlich der für Tierrechte. Er schreibt: „Die Moralisierung der Ökonomie, wie sie in der Wachstumskritik betrieben wird, kann ein Einfallstor für theoretische Beliebigkeit und rückwärtsgewandte Ideologien sein.“ Als Beispiel hierfür nennt er die Tierrechte. Diese Schlussfolgerung teilen wir nicht. Degrowth steht für ein politisches Verständnis von Ökonomie: Wie wir gemeinsam leben wollen und was wie viel wert ist, sind politische Fragen. Diese sollten wir nicht „der Wirtschaft“ überlassen. Wenn das mit „Moralisierung der Ökonomie“ gemeint ist – gerne.

Dass Tierrechte rückwärtsgewandt sind, sehen wir aber nicht so. Wir vermuten eher, dass sich Winfried Rust da einer relevanten, aber eher jung geprägten linksradikalen Strömung verschließt. (Mit Verlaub, das geht vielen Menschen so.) Wir empfehlen hierzu die Lektüre des Beitrags in unserem Buch zu Tierrechten. Da wird nämlich deutlich, dass es Tieren in der Gesellschaft von Menschen in der Vergangenheit nicht besser ging (Rückwartsgewandtheit hier also absurd wäre) und nicht alle Tierrechtler*innen einseitig auf radikalen Veganismus setzen.

 

Nina Treu arbeitet beim Konzeptwerk Neue Ökonomie und ist zusammen mit Corinna Burkhart und Matthias Schmelzer Herausgebende des Buchs „Degrowth in Bewegung(en)“.

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