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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 359 | Rechtspopulismus Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl: Die Idenditären

Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl: Die Idenditären

Spätestens nachdem einige junge Männer im August 2016 auf das Brandenburger Tor stiegen, um dort eine Fahne mit dem Zeichen der »Identitären Bewegung« zu schwingen, ist diese ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gerückt. Seit kurz darauf einige ihrer Mitglieder eine Veranstaltung mit Jakob Augstein und Margot Käßmann störten und »Heuchler« skandierten, berichten sämtliche Medien über sie. Diesen fällt es aber offensichtlich schwer, die »Identitären« einzuordnen.

Handelt es sich um eine rechtsextreme Bewegung? In welcher Verbindung steht sie zum rechten Parteienspektrum, insbesondere zur AfD? Ist sie als rassistisch einzustufen? Greifen ihre VertreterInnen zu Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen?

Die »Identitären« selbst geben sich als »weder rechts, noch links« und weisen den Vorwurf von sich, dem rechtsextremen Lager anzugehören. Sie seien eine »friedliche Bewegung junger Europäer«, die sich zum Ziel gesetzt hätten, die »eigene Identität« gegen den durch Migrationsbewegungen verursachten »großen Austausch« zu verteidigen. Sie seien keine Rassisten, sondern »Ethnopluralisten«, wird Martin Sellner, das Sprachrohr der österreichischen »Identitären«, nicht müde zu betonen.

Anders als in Deutschland tritt die »Identitäre Bewegung« in Österreich bereits seit Jahren massiv in Erscheinung. Ursprünglich in Frankreich gegründet, konnte sie in Österreich im Dunstkreis rechter Burschenschaften rasch AnhängerInnen gewinnen. In Österreich ist somit die antifaschistische Linke bereits seit mehreren Jahren gezwungen, sich mit den »Identitären« zu befassen. Dies erklärt, warum bereits im Jahr 2014 mit Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl österreichische AutorInnen ein erstes deutschsprachiges »Handbuch« zur »Identitären Bewegung« vorlegten, das einen differenzierten Einblick in Ideen und Strategien der Bewegung gibt und hilft, diese einzuordnen. Eine überarbeitete und aktualisierte Version dieses Buches ist nun beim Unrast-Verlag erhältlich.

Die AutorInnen bezeichnen die »Identitären« als »Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa« und begründen dies mit der weitgehenden ideologischen Übereinstimmung zwischen den »Identitären« und der neuen Rechten. Das Buch beginnt mit einem Überblick über die historischen Vorbilder, wobei ein Bogen von Carl Schmitt bis hin zu Alain de Benoist gespannt wird. Im Anschluss geben die AutorInnen einen kurzen Überblick über die Entstehung und die Vernetzungen der »Identitären« in Europa. Auf Frankreich, Österreich, Deutschland und die Schweiz, aber auch auf skandinavische Länder, Tschechien sowie die USA richten sie ihren Blick.

Im dritten Teil des Buches werden Ideologien und Strategien der Bewegung vorgestellt. Im Vordergrund stehen hier nicht nur die Vernetzungen der »Identitären« mit AkteurInnen der neuen Rechten, sondern auch ihr ambivalentes Verhältnis zum rechtsextremen Lager der alten Rechten. So zeigen die AutorInnen, dass sich hinter dem Begriff des »Ethnopluralismus« für die »Identitären« letztendlich nichts anderes als ein vordergründig kulturell begründeter, im Kern aber biologistischer Rassismus verbirgt. Sie treten mit menschenfeindlichen Ideen an, um die Privilegien weißer, heterosexueller Männer zu bewahren, Frauen auf ihre Rolle als Mutter und Sexsymbol zu beschränken und all diejenigen, die nicht der von ihnen gesetzten Norm entsprechen, aus der Gesellschaft auszugrenzen. Und obwohl die offizielle Devise der Bewegung lautet, keine Gewalt gegen Personen anzuwenden, wissen die AutorInnen nicht zuletzt aus eigener Erfahrung von Einschüchterungsversuchen und Bedrohungen durch »Identitäre« zu berichten.

Trotz aller Nähe der »Identitären« zum rechtsextremen Milieu plädieren die AutorInnen dafür, sie nicht mit anderen rechtsextremen Gruppierungen gleichzusetzen. Sie sehen die Gefahr der Bewegung besonders in dem, was sie von diesen Gruppierungen unterscheidet: Die »Identitären« bemühen sich mit ihren neurechten Ideen erfolgreich, den Anschluss an bürgerlich-konservative Eliten und ans rechte Parteienspektrum zu suchen, dabei aber gleichzeitig mit einer auf populärkulturelle Elemente setzenden Ästhetik und radikalen Aktionsformen SchülerInnen und StudentInnen anzusprechen.

Die »Identitäre Bewegung« biete »eine leicht zugängliche und niederschwellige Subkultur für Menschenfeindlichkeit«, so das Fazit der AutorInnen. Ihr Handbuch endet mit einer kurzen Sammlung von Gegenstrategien, wodurch das Buch auch als Aufruf zu lesen ist, dem Ziel der »Identitären« aktiv entgegenzutreten: der Verschiebung des öffentlichen Diskurses hin zur Akzeptanz menschenfeindlicher Ideen.

Anna Laiß

 

Julian Bruns, Kathrin Glösel und Natascha Strobl: Die Identitären. Handbuch zur Jugendbewegung der Neuen Rechten in Europa. Unrast Verlag, Münster 2016. 320 Seiten, 18 Euro.

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