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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 359 | Rechtspopulismus Marion Hulverschiedt, Hendrik Dorgathen (Hg.): Raus Rein

Marion Hulverschiedt, Hendrik Dorgathen (Hg.): Raus Rein

Von 1898 bis 1944 existierte in Witzenhausen die einzige Kolonialschule des Deutschen Reiches. In ihren Gebäuden befindet sich heute das Deutsche Institut für Tropische und Subtropische Landwirtschaft (DITSL). Auch dieses ist – so wie die bis 1944 betriebene Kolonialschule – ein privates Forschungsinstitut. Einige Räume der ehemaligen Klosteranlage sind heute durch das Institut an die Agrarwissenschaftliche Fakultät der Universität Kassel vermietet. Damit liegen die Grenzen zwischen privater Einrichtung und öffentlicher Forschung bedenklich nah beieinander.

Der Geschichte und Gegenwart dieser Räumlichkeiten widmet sich nun der Sammelband Raus Rein. Hervorgegangen ist er aus einem interdisziplinären Projekt von Studierenden der Geschichts-, Kunst- und Agrarwissenschaften im Rahmen eines Seminars der Kunsthochschule Kassel im Sommer 2014 zur Geschichte der Kolonialschule Witzenhausen. Die Anthologie versammelt kurze Bildgeschichten und informative Texte über die Geschichte der Kolonialschule, agrarhistorische Abrisse, eine kommentierte Zusammenstellung über koloniale Bilderwelten in Comics, Biographien von SchülerInnen und vieles mehr.

Dabei versteht sich der Band auch als Intervention in aktuelle Vergangenheitspolitik. So widmen sich mehrere Abschnitte des Buches den geschichtspolitischen Diskussionen in Witzenhausen. In einer Bildgeschichte werden beispielsweise mehrere Vorschläge unterbreitet, was mit den Schädeln aus Namibia und Neuguinea geschehen könnte, die nach wie vor in den Kellern der Schule lagern: Zurück überführen in die Heimat? Oder Abbilder jener Schädel neben die Büste von Ernst Albert Fabarius im Innenhof der Schule platzieren? Bis 2011 wurde vor der Büste des Gründers der Schule, die im Innenhof der ehemaligen Schulgebäude steht, alljährlich seiner Verdienste für die Schule gedacht. Doch würde mit einem Bestattungsplatz neben Fabarius den Verstorbenen aus Namibia und Neuguinea eine neue Präsenz und angemessene Anerkennung zuteil?

In ihren einleitenden Worten weist die Herausgeberin von »Raus Rein«, Marion Hulverscheid, darauf hin, dass es sich bei den Comics um so genannte »fiktive historische Narration« handelt. In diesen Erzählungen werden historische Ereignisse oder Ereignisse der jüngeren Geschichte zu einer fiktiven Geschichte verarbeitet. Diese Methode lässt einiges an Gedankenexperimenten zu, über die SchülerInnen der Schule ebenso wie über die Menschen in den Kolonien. So kann gerade über eine persönliche Geschichte gut vermittelt werden, was der Kolonialismus auf einer individuellen Ebene für die Kolonisierten bedeutet hatte.

Leider findet sich in dem Buch lediglich eine Geschichte, die sich mit einem individuellen Schicksal einer kolonisierten Person beschäftigt: In vielen Bildern und mit wenigen Worten wird von Florian Biermeier die Geschichte von Selemani Ben Juma erzählt. Dieser wurde, als er noch ein »kleiner Afrikanischer Junge« [sic!] war, von einem deutschen Offizier mit nach Deutschland genommen. Seitdem hieß er »Franz Seelemann« und musste dem Offizier zu Diensten stehen. Nach dem Tod des Offiziers im Ersten Weltkrieg wurde Franz über Umwege schließlich an die Kolonialschule vermittelt, wo er fortan als Hausmeister arbeitete. Die Geschichte bleibt vage und man kann über Franz’ persönliches Glück oder mögliche Einschränkungen und Diskriminierungen, die er während seines Lebens in Deutschland erfahren haben könnte, nur mutmaßen. Denn in den Archiven der Kolonialschule gibt es nur wenige Dokumente über die Kolonisierten selbst. Franz tauchte darin lediglich auf, weil es eine Personalakte über ihn gab.

Ansonsten stehen in dem Sammelband die deutschen SchülerInnen im Vordergrund. Ein Großteil der AbsolventInnen ist ins außereuropäische Ausland gegangen. Viele haben sich in der Tier- und Pflanzenzucht versucht. Ihr Wirken war nicht widerspruchs- und konfliktfrei. Die Grausamkeit, die mit der Kolonisierung einherging, wird in dem Buch indes fast völlig außen vor gelassen. Lediglich die Geschichte »Papa und die Schwarzen Hände« von Anton Kannemeyer wird hier explizit. Der international bekannte Comic-Autor hat im Sammelband einen Strip veröffentlicht, in dem er im Stil von Hergé zwei Szenen aus »Tim im Kongo« parodiert – also einen Comic, über dessen Verbot auf Grund rassistischer Bilder immer wieder diskutiert wurde. Bei Kannemeyer geht ein Großwildjäger auf Jagd, schießt einige Male ins Gebüsch. Statt wie bei Tim im Original findet er hinter den Sträuchern nicht einen Haufen toter Antilopen, sondern tote schwarze Menschen, denen er genüsslich die Hände abtrennt, um diese mitzunehmen. Damit spielt Kannemayer auf eine andere Szene aus »Tim im Kongo« an, als dieser zufrieden die Hörner erlegter Elefanten in einem Sack abtransportiert.

Zwar romantisiert der Sammelband das interkontinentale Raus und Rein und Hin und Her des Kolonialismus nicht, dennoch kann die Brutalität der Kolonialisierung zwischen all den durchaus interessanten Informationen der gut recherchierten Textbeiträge leicht übersehen werden. Dabei weisen gerade diese besonders auf das koloniale Erbe der Schule hin, das mit der so genannten Grünen Revolution, die sich weltweit seit den 1960er Jahren im Agrarsektor vollzieht, seinen Fortgang findet.

Swetlana Hildebrandt

 

Marion Hulverscheidt, Hendrik Dorgathen (Hg.): Raus Rein. Texte und Comics zur Geschichte der ehemaligen Kolonialschule in Witzenhausen. avant-verlag, Berlin 2016. 172 Seiten, 24,95 Euro.

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