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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 359 | Rechtspopulismus Spiel mit der Vielstimmigkeit - Eine Novelle von Yavuz Ekinci ist unbeabsichtigt hochaktuell

Spiel mit der Vielstimmigkeit - Eine Novelle von Yavuz Ekinci ist unbeabsichtigt hochaktuell

Wer belletristische Werke aus anderen Sprachen übersetzt, taucht tief in die Gedankenwelt der jeweiligen AutorInnen ein. Denn es geht beim Übersetzen um weitaus mehr als nur um Fragen von sprachlicher Akkuratesse und Stilistik, es geht auch um das Aufspüren von Intentionen, Brüchen und Widersprüchen. Dementsprechend gehaltvoll kann es sein, wenn ÜbersetzerInnen in einer Art Werkstattbericht von ihren Überlegungen und Assoziationen beim Übersetzen erzählen – und damit eine wunderbare Lesehilfe geben. So ist es jedenfalls beim hier präsentierten Essay von Oliver Kontny. Er hat das jüngste Buch des kurdischen Schriftstellers Yavuz Ekinci aus dem Türkischen ins Deutsche übertragen.

von Oliver Kontny

Lange Zeit glaubten viele Linke, dass politischer Kampf politischer Kampf sei und Erzählungen nur Erzählungen, und diese seien dann gut, wenn sie von politischen Kämpfen erzählen. Diese Vulgarisierung im sozialistischen Realismus steht allerdings so weder bei Georg Lukács noch bei Peter Hacks. Dann kam die Zeit, als viele glaubten, alles sei nur Erzählung – auch politische Kämpfe – und sämtliche Erzählungen seien gleich gültig. Diese Vulgarisierung postmoderner Narratologie steht so indes weder bei Jean-François Lyotard noch bei Jacques Derrida. Heute glauben viele Menschen mit der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, dass es gefährlich ist, eine einzige Geschichte gelten zu lassen und keine andere zu erzählen oder wahrzunehmen. Zunehmend gilt es als eine zeitgemäße Form politischen Handels, die Wahrnehmbarkeit alternativer Geschichten in der Öffentlichkeit zu erhöhen.

Die Rezeption kurdischer Literatur hat oft vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzung stattgefunden. Lange Zeit forderten die wichtigsten kurdischen Stimmen, Literatur müsse die wirklichen Kämpfe der Gesellschaft abbilden. Sekundiert wurden sie von einer Generation türkischer SchriftstellerInnen, für die Volksnähe, die Schilderung ländlicher Gegebenheiten und eine Vorliebe für ethisch reine ProtagonistInnen zur oppositionellen Kultur gehörten. Heute kann eine junge Generation von LeserInnen und AutorInnen die Größe und Aktualität eines Yaşar Kemal, herausgelöst aus diesem beengenden Rahmen von Authentizität und Identitätsbildung, für sich neu entdecken.

Aber auch die Gegenbewegung, für die politische Kämpfe im Allgemeinen und der bewaffnete Konflikt in Kurdistan im Besonderen nur noch als Zitate vorkamen, die über Medienbilder vermittelt ins urbane Nachtleben bewusst kaputter, »entwurzelter« Figuren hereinflickern, taugte für die Zwecke einer urban-abgeklärten Identitätsbildung. Diese hat allerdings mittlerweile an Attraktivität ebenso verloren wie an Machbarkeit: Spätestens seit Neujahr ist bekannt, welcher Gewalt die letzten Überreste des urbanen Nachtlebens auch in Istanbul ausgesetzt sind. Noch vor eineinhalb Jahren sagte mir eine kulturell interessierte Freundin larmoyant: »Ich sitze ja in Cihangir und schlürfe Cocktails, ich lauf ja nicht durch Diyarbakır. Vom Krieg kriegen wir überhaupt nichts mit.« Solche Sätze sagt jetzt niemand mehr. Unterdessen hat Murathan Mungan, selbst eine queere Stimme aus der urban-abgeklärten Ecke, auf der Straße und in den Medien sehr klar Stellung zum Krieg und zur politischen Situation bezogen (siehe iz3w 357).

 

Keine politische Gebrauchsliteratur

Der 1979 in Batman geborene Yavuz Ekinci gehört zu den kurdischen GegenwartsautorInnen, die beiden ideologischen Positionen eine reflektierte Distanz entgegenbringen und die versuchen, andere Formen von Erzählungen zu etablieren. In seinen bisherigen Romanen ging es um hochpolitische Themen: Die Morde der staatlich gelenkten, islamistischen Miliz Hizbullah in kurdischen Städten Ende der 1990er Jahre oder die Suche eines in Berlin lebenden Kurden nach einem Bruder, der irgendwo in den Bergen kämpft, verwoben mit der Josephs-Legende aus der Bibel und dem Koran, welche schon Thomas Mann beschäftigte. Literarisch ist er allerdings sehr weit von politischer Gebrauchsliteratur entfernt. Welche Zugänge zwischen Heroisierung und Zynismus bieten seine Stoffe, und wie lassen sie sich erzählen?

Als Ekinci im Mai 2016 auf der Europäischen Schriftstellerkonferenz in Berlin unter KollegInnen auftrat, die sich Gedanken um den Zusammenbruch Europas und den Vormarsch des Rechtspopulismus machten, begann er mit einem Zitat von Ibn Khaldun, dem nordafrikanischen Humangeographen und Geschichtstheoretiker des 14. Jahrhunderts: »Geographie ist Schicksal.« Weder die Sprache, noch das Konstrukt eines Volkes stellte Ekinci in den Vordergrund, sondern die Geographie. Als Herausgeber der »Gelben Reihe« bei Ayrıntı, einem der renommiertesten Verlage der Türkei, lässt er kurdische Literatur aus dem Armenischen, Griechischen, Arabischen, Französischen und Deutschen ins Türkische übersetzen und schlägt einen programmatischen Bogen zwischen Diaspora, Transkulturalität und Diversität, den der europäische Blick nur schwer nachvollziehen kann, weil er alle Gesellschaften so homogen denken will wie die eigene.

Ekincis jüngste Novelle »Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam« aus dem Türkischen ins Deutsche zu übersetzen, war für mich daher weniger eine Frage der Identifikation mit dem Erzählten als vielmehr immer wieder ein Hinterfragen des eigenen Blickes. Ekincis siebtes Buch beginnt mit der Geographie des fiktiven Walnusstals. Bald offenbart der Text die Vielschichtigkeit eines Knüpfteppichs, durch sein komponiertes Durcheinander verschiedener Stimmen aus Archäologie, Mythologie, Volkslegenden, heiligen Schriften und Popkultur. Die Novelle spielt an einem Ort tief in den kurdischen Bergen, an den außer uralten Western-Filmen nicht viel hinkommt. Die Kinder fiebern mit, wenn ein »häßlicher Cowboy« sämtliche »Indianer« erledigt, und ahnen nicht, dass dieses koloniale Bild der Gewalt sich binnen vierundzwanzig Stunden in ihrer eigenen Lebenswelt wiederholen wird.

Denn ein Mann kommt vom Berg Amar gelaufen und bringt die Hiobsbotschaft: Er habe sie gesehen, sie kommen, um das Dorf zu zerstören und alle zu vernichten, die in ihm leben. Hiob selbst, der hier in türkischer Schreibweise Eyüp heißt, liegt bereits im Sterben und ist von seinen Schwielen und seinem Starrsinn so geplagt, dass er die Botschaft nicht mehr wahrnimmt. Um ihn herum verfällt das Dorf in Panik. Bis auf Eyüps Sohn Amar, der sein Leben auf dem Dorffriedhof verbringt und dort neben dem Grab seiner aramäisch-christlichen Frau Schmuni schläft.

 

Wie würde ich handeln?

Aus der Perspektive von sieben ProtagonistInnen plus der Außensicht eines Erzählers schildert »Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam« die Psychologie der Furcht und des Terrors. Wir erfahren nicht, wer die anonymen Mächte sind, die alles Leben im Dorf vernichten werden, wir wissen nur, dass die Kinder sie sich bärtig vorstellen. Aber ein Assoziationsspielraum zwischen neoassyrischer Streitmacht, türkischer, syrischer, irakischer Armee und Terrorbanden wie dem IS ist eröffnet, und es geht weniger um die Anklage als vielmehr um die schmerzliche Selbstbeobachtung, was die Angst vor Terror – auch Staatsterror – mit uns macht. Bei aller Distanz, die Ekinci zu seinen Figuren hat, und die gerade deutsche LeserInnen vor dem Eintauchen in orientalisierende Fantasiewelten bewahrt, wurde mir schnell klar, dass es in der Novelle auch um mich geht. Den Figuren aus dem Walnusstal bin ich weniger mit Einfühlung als vielmehr mit einem Brechtschen Interesse begegnet: Wie könnte man denn in dieser Situation anders handeln? Wie würde ich handeln?

Es wäre zu einfach, Eyüp als Sinnbild für das verknöcherte, kurdische Patriarchat zu lesen (obschon diese Kritik deutlich mitschwingt). Es erscheint auch keine junge Kämpferin, die das Ruder rumreißt. Viel drastischer geht es darum, dass alle menschlichen Formen der Reaktion auf das, was da kommt, inadäquat geworden sind. Beim Übersetzen musste ich an Günther Anders’ These von der »Antiquiertheit des Menschen« denken. Sein Begriff von der Apokalypse-Blindheit würde auf das Walnusstal ebenso gut passen wie auf manche Debatten im deutschen Feuilleton.

Doch das Buch beginnt nicht mit der anbrechenden Apokalypse. Es beginnt mit den Tieren und ihrer natürlichen Umgebung im Walnusstal als Akteure und Aktanten in jenem Sinn, wie Bruno Latour ihn prägte. Von dort aus geht es in eine Geschichte in der Geschichte: Das Märchen von Sara und Amar, die in einer altmesopotamischen Fantasiewelt einen Weg finden müssen, außer Reichweite der Herrscher und Väter einander lieben zu können.

Das eingewebte Märchen schildert im Kontrast zur heutigen Situation eine Welt, in der es gutes und richtiges Handeln gibt: Wenn man nur mutig den Herrschenden die Wahrheit ins Gesicht sagt und vor ihrer Gewalt listig flieht, kann ein anderes Leben gelingen. Es ist mit unauffälligen Referenzen an popkulturelle Ikonen wie Haruki Murakami gespickt und lebt von einer unaufdringlichen Lust an intertextuellen Respektlosigkeiten und einem selbstironischen Umgang mit dem Tonfall des Märchenerzählers.

 

Ein vorausschauender Rückblick

Im Prinzip galt es also, zwei verschiedene Bücher zu übersetzen und zu verweben: Das Märchen von Sara und Amar und ihrem wunderbaren Rappen, und eine Nahaufnahme der letzten Stunden eines der Vernichtung preisgegebenen kurdischen Dorfes in der Gegenwart. Die mannigfaltigen und nicht immer sofort augenfälligen Querbezüge zwischen dem Märchen und der heutigen Erzählung aufzuspüren, war ein besonderes Vergnügen – und gleichzeitig Schlüssel zu einem besseren Verständnis der tiefen Trauer des Textes jenseits aller Betroffenheit oder Drastik.

Yavuz Ekinci hat das vorliegende Buch zu Friedenszeiten geschrieben. Es sollte eine Auseinandersetzung mit den Dorfzerstörungen und der allgegenwärtigen Angst der 1990er Jahre werden, mit denen er aufgewachsen ist. Ob er ahnen konnte, wie tagesaktuell, ja vorausschauend seine Novelle im Augenblick ihrer Veröffentlichung werden würde, habe ich ihn nie zu fragen gewagt.

Bruno Latour hat den Wald als Ort eines »Imbroglio« bezeichnet, eines verwirrenden Spieles der Vielstimmigkeit, in dem sich Rhythmen überlagern und Instrumente gegeneinander erklingen. Genau dies ist das Walnusstal. Dem Erzähler geht es um die Wahrnehmbarkeit der Stimmen aller Lebewesen, deren Habitat vernichtet wird: Von den Bäumen über die Spatzen und die geschlachtete Ziege bis zu den Kindern, die so gern Spielfilme schauen, in denen koloniale Gewalt verherrlicht wird.

Ums Walnusstal rankte sich mehr als nur ein Märchen.

 

 

Oliver Kontny ist Übersetzer, Autor von Hörspielen und Theaterstücken sowie Dozent für türkische Gegenwartsliteratur.

 

Das jüngste Buch des kurdischen Schriftstellers Yavuz Ekinci erschien in deutscher Sprache am 8. März unter dem Titel »Der Tag, an dem ein Mann vom Berg Amar kam« beim Verlag Antje Kunstmann (192 Seiten, 18 Euro).

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