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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 359 | Rechtspopulismus Karl-Siegbert Rehberg, Franziska Kunz und Tino Schlinzing (Hg.): PEGIDA

Karl-Siegbert Rehberg, Franziska Kunz und Tino Schlinzing (Hg.): PEGIDA

Die medialen Debatten um die Vergewaltigung und Tötung einer Freiburger Studentin im Oktober – mutmaßlich durch einen aus Afghanistan geflohenen Jugendlichen – offenbarten einmal mehr die extreme Verrohung des hiesigen politischen Diskurses. Das Verhalten ihrer Eltern wird von einem AfD-Politiker als »pathologische Realitätsverweigerung« bezeichnet, im Netz schaukeln sich die HetzerInnen gegenseitig hoch und die Tagesschau sah sich gezwungen, sich dafür zu rechtfertigen, weshalb sie nicht sofort über die Festnahme des Verdächtigen berichtet hatte.

Den generellen Rechtsruck der deutschen Öffentlichkeit zu verstehen und Strategien zu entwickeln, um ihm entgegenzuwirken, ist Ziel des Sammelbandes Pegida – Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und »Wende«-Enttäuschung. Dabei geht es zurück in die Zeit ab Oktober 2014, in der es PEGIDA gelang, massenhaft BürgerInnen mit rechten Schlagworten zu mobilisieren. Die montäglichen Demonstrationen erregten nicht nur medial ein enormes Echo, sondern wurden auch zu einem der am besten erforschten Fälle rechtspopulistischer Präsenz auf deutschen Straßen. Der Sammelband, herausgegeben von der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, bietet AutorInnen verschiedener politischer Couleur die Möglichkeit, in kurzen, thesenhaft formulierten Beiträgen ihre Analysen und Interpretationen zu PEGIDA darzulegen.

Schon zu Hochzeiten von PEGIDA war die Debatte um den richtigen Umgang mit den Demonstrationen umstritten – eine Konfliktlinie, die sich auch durch diese Anthologie zieht. So findet sich ein Beitrag des notorischen PEGIDA-Verharmlosers Werner Patzelt, der an der TU Dresden lehrt. In unzähligen Talkshows und Interviews beschönigt er die ‘Sorgen’ der DemonstrantInnen und diffamiert linke Proteste und Auseinandersetzungen mit PEGIDA. In seinem Beitrag proklamiert er, dass eine breite Öffentlichkeit PEGIDA zu schnell ausgegrenzt habe, statt die »echte Zuneigung zum eigenen Land und zu dessen Leuten« der Teilnehmenden zu erkennen. Es handele sich »weit überwiegend um ältere Männer mit guter, oft technischer Bildung«, die – so sein Subtext – keineswegs Rassisten sein könnten, sondern vielmehr normale »Bürger der Mitte«. PEGIDA ist für Patzelt Ausdruck einer Entfremdung, einer »Repräsentationslücke« zwischen linksliberalen »Diskurseliten« und einer konservativeren Bevölkerung.

Dankenswerter Weise bleibt Patzelts Position (die auch von anderen AutorInnen geteilt wird) nicht ohne Kritik. So hält Piotr Kocyba in seinem Beitrag fest, dass gut gebildete Menschen durchaus rassistisch sein können und hinterfragt Patzelts Vorstellung des normalen Bürgers der Mitte. Er weist zudem auf das grundsätzliche methodische Problem hin, dass die wenigen zum Kontakt mit den Forschenden bereiten Demo-Teilnehmenden nicht zweifelsfrei als repräsentativ angesehen werden können. Denn bei ihnen herrscht großes Misstrauen gegen über den »Geschwätzwissenschaften«, wie die Dresdener Rechtsradikale Tatjana Festerling sie verhöhnt.

Tino Heim macht deutlich, dass die Deklarierung von rassistischen Denkmustern als schlichte »Sorgen« eine klassische rechte Strategie der Täter-Opfer-Umkehr sein kann. Er stellt Patzelts simplistische Analyse einer Repräsentationslücke in Frage und verweist auf die Folgen einer neoliberalen Wirtschaftslogik, die soziale Errungenschaften erodiert und besonders Teile der unteren Mittelschicht, die tatsächlich etwas zu verlieren hat, in Unsicherheit und Abstiegsängste drängt.

Der Band versammelt also eine Vielzahl divergierender Analysen zum Phänomen PEGIDA. Auf der einen Seite gewinnen die LeserInnen so einen Überblick über sozialwissenschaftliche Debatten und verschiedene methodologische Zugänge sowie qualitative Unterschiede der Analysen. Auf der anderen Seite nehmen aber inhaltliche Doppelungen zwischen den Artikeln Raum ein, der anderswo fehlt. So wird beispielsweise in einigen Beiträgen nicht trennscharf zwischen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit unterschieden, und größere theoretische Rahmen für Analysen können oft nur angerissen werden.

Klar wird dennoch: PEGIDA hat wesentlich dazu beigetragen, die Grenzen des politisch Sagbaren weit nach rechts zu verschieben. Die Strategie der AfD, zwei Schritte nach Rechtsaußen und einen zurück zu machen, führt diesen Trend der Verrohung erfolgreich weiter.

Dominic Lammar

 

Karl-Siegbert Rehberg, Franziska Kunz und Tino Schlinzing (Hg.): PEGIDA: Rechtspopulismus zwischen Fremdenangst und »Wende«-Enttäuschung? transcript Verlag, Bielefeld 2016. 377 Seiten. 29,99 Euro.

359 | Rechtspopulismus
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