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Imraan Coovadia: Vermessenes Land

Zeitreise durch die Apartheid

Alles unter Kontrolle – der Machtapparat des südafrikanischen Apartheidregimes setzte, ähnlich wie andere totalitäre Staaten, auf umfassende biometrische Messungen. Schon früh, ab 1948, wurden sie mit einer endlosen Flut rassistischer Gesetze erzwungen. So ist auch der Titel von Imraan Coovadias Roman Vermessenes Land symbolisch. Er bezieht sich nicht nur auf die Einführung des metrischen Systems Anfang der 1970er Jahre oder auf die geographischen Grenzziehungen zwischen weißen Villenvororten und infrastrukturell vernachlässigten urbanen Randzonen, so genannten Townships, in denen die schwarze Bevölkerung zusammengepfercht wohnen musste. Bis zu ihrem Niedergang Anfang der 1990er Jahre erfasste und kontrollierte die aufgeblähte Apartheidbürokratie die schwarze Bevölkerungsmehrheit. Wohnort, Arbeitsplatz, Ausbildung, Familien- und Eheleben – alles wurde registriert und reglementiert.

So spielt ein Teil des Romans in einem Wanderarbeiterwohnheim, wo ein junger Mann seine Ausweispapiere verloren hat. Wenn er ohne Dokumente von der Polizei erwischt wird, droht ihm Gefängnishaft. Denn nur schwarze ArbeiterInnen mit gültigem Arbeitsvertrag durften sich in den Städten aufhalten. So ist er von der Willkür der Zuarbeiter des Regimes abhängig, etwa von Ordnungsstiftern, die aber nicht eingreifen, wenn Menschen allein auf Verdacht hin Opfer eines Gewaltmobs werden.

Spitzel und SpionInnen, HeuchlerInnen und ProfiteurInnen der rassistischen Gesellschaftsordnung durchziehen diesen Roman; in unterschiedlichen Situationen und Personenkonstellationen tauchen sie auf. Mal erscheinen sie in feinem Zwirn, wie ein weißer autoritärer Lehrer eines elitären Jungeninternats und ein Hochschullehrer, der sich für Gerüchte über seinen schwulen Bruder rächen will. Oder Frauen und Männer unterschiedlicher Hautfarbe geben sich als revolutionäre KameradInnen aus, um dann heimtückisch MitkämpferInnen an die mörderische Geheimpolizei auszuliefern. So bricht der Autor die Heldengeschichten von einst und führt den LeserInnen vor Augen, wie perfide das alte Regime auch seine GegnerInnen instrumentalisierte.

Das Buch bietet somit weit mehr als ein Kaleidoskop der Apartheidgesellschaft. Die zehn Kapitel fächern den Alltag und die Emotionen schwarzer, weißer und indischer ProtagonistInnen aus der Hafenmetropole Durban auf. Imraan Coovadia ist hier aufgewachsen, und da er sich genauer mit der Geschichte dieser Einwandererstadt am Indischen Ozean zwischen 1970 und 2010 auseinandersetzt, erschließen sich en passant neue Sichtweisen auf zeithistorische Details, gesellschaftliche Zustände, ökonomische und kulturelle Querverbindungen zwischen den offiziell getrennten Welten.

Mehrere ProtagonistInnen durchkreuzen subtil rassistische Grenzziehungen sowie Gender-Ordnungen und Klassenunterschiede. Coovadias Roman ist somit ein wichtiges Gegengewicht zu essentialistischen Kulturnationalismen. Denn er hält allen sozialen Gruppen den Spiegel vor.

Rita Schäfer

Imraan Coovadia: Vermessenes Land. Das Wunderhorn, Heidelberg 2016. 354 Seiten. 26,80 Euro.

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