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Hunger ist keine Naturkatastrophe

Hefteditorial

»Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.« Mit diesem drastischen Zitat des bekannten Genfer Soziologen Jean Ziegler ruft derzeit die linke Hilfsorganisation medico international zu Spenden für Ostafrika auf. Laut Angaben der UN sind dort 20 Millionen Menschen akut von Hunger bedroht. Insbesondere im Nordosten Nigerias, im Südsudan, in Somalia und im nahe gelegenen Jemen ist die Ernährungslage so verheerend, dass sie über Mangel- und Unterernährung weit hinausgeht und vielen Menschen der Tod droht. Die UN sprechen von der »größten Hungerkatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg«.

Als Ursache für die Katastrophe werden von vielen Hilfsorganisationen und Medien die Dürren genannt, die am Horn von Afrika und in angrenzenden Regionen seit drei Jahren gehäuft auftreten. Etwa von der Welthungerhilfe, die die dramatische Situation vor allem auf die »immer schlechter werdenden landwirtschaftlichen Bedingungen infolge der wiederholten und anhaltenden Dürren« zurückführt. Der Hinweis auf die Dürren ist nicht falsch: In der Tat schädigen die häufig gewordenen extrem trockenen Phasen die Vegetation und die Tierwelt, nur um dann von ebenso zerstörerischem Starkregen abgelöst zu werden.

Dennoch ist diese gängige Ursachenbeschreibung irreführend. Denn sie unterschlägt, dass die aktuelle Hungerkrise im Wesentlichen menschengemacht ist. Hauptverantwortlich dafür, dass die Landwirtschaft die Menschen nicht mehr ernähren kann und sie sich den Kauf von Nahrungsmitteln nicht mehr leisten können, sind die Kriege in den betreffenden Ländern. Sie führen zur Vertreibung von Millionen Menschen, berauben sie jeder Einkommensmöglichkeit und ruinieren die lokalen Märkte. Die VerursacherInnen lassen sich klar benennen: In Nigeria sind es die Dschihadisten von Boko Haram, in Südsudan machtgierige Eliten und im von Mangel geplagten Syrien sind es fast alle Kriegsparteien, die den Hunger zu verantworten haben – wenn sie ihn nicht gar gezielt als Waffe zur Zermürbung gegnerischer Gruppen einsetzen.

Es gibt viele weitere Ursachen für den Hunger: Unfähige und korrupte Regierungen, die nicht in der Lage oder Willens sind, die Ernährungssicherheit großer Teile der eigenen Bevölkerung zu gewährleisten. Den Industriestaaten ist das gleich, solange die Geschäfte gut laufen. Sprechen muss man auch vom Klimawandel: In welchem Ausmaß er für die Klimaextreme verantwortlich ist, kann niemand genau sagen, aber dass er mitverantwortlich ist, sagen alle unabhängigen Fachleute.

Nicht zuletzt ist die Hungerkatastrophe vom Versagen der »internationalen Gemeinschaft« mitverursacht. Nach Angaben der Vereinten Nationen fehlen 90 Prozent des Geldes, das benötigt wird, um die Hungernden vor dem Tod zu bewahren. Dabei handelt es sich um eine überschaubare Summe, um vier Milliarden Euro. Die Industrieländer stecken lieber Geld in die Flüchtlingsabwehr oder schauen weg, statt Nothilfe zu leisten.

Warum dennoch viele Hilfsorganisationen die Hungerkrise zu einer bloßen Naturkatastrophe stilisieren, obwohl ihnen die genannten Faktoren durchaus bekannt sind, liegt auf der Hand. Zum einen wollen sie es sich nicht durch allzu politische Ursachenbeschreibungen mit den Regierungen in Süd und Nord verscherzen, auf deren Goodwill sie bei ihren Hilfseinsätzen angewiesen sind. Zum anderen ist Spendensammeln leichter, wenn statt komplexer menschengemachter Ursachen eine im Wortsinne plakative Dürre angeführt werden kann.

Es ist also verständlich, wenn medico mit den eingangs zitierten Worten die Hungerkrise politisieren möchte. Doch wirklich überzeugen können sie nicht: Einem Mord liegt eine dezidierte Absicht zugrunde, und die dürfte im Falle von Hungertod nur selten gegeben sein. Statt des allzu plakativen Mordbegriffes wäre es angemessener, von grober Fahrlässigkeit und unterlassener Hilfeleistung zu sprechen. Beides ist mehr als kriminell genug und verlangt nach entschiedenem Einschreiten, findet

 

die redaktion

 

PS: Deniz Yücels legendäre taz-Kolumne »Besser« wurde hier im iz3w sehr geschätzt, wie auch viele andere seiner Texte. Umso geschockter waren wir über seine Verhaftung, die einer Geiselnahme durch das Erdoğan-Regime gleicht. Bleibt die Hoffnung, dass er nach dem Referendum am 16. April zusammen mit den vielen anderen in der Türkei eingesperrten JournalistInnen freigelassen wird. Bis es so weit ist, rufen wir zur Teilnahme an allen #FreeDeniz-Solidaritätsaktionen auf.

PPS: In der letzten iz3w-Ausgabe erschienen zwei Debattenbeiträge von Daniel Bendix und Winfried Rust zu Degrowth. Die damit angestoßene Diskussion über Postwachstums-Konzepte geht auf www.iz3w.org weiter, und zwar mit einer Replik von Nina Treu.

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