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Reinhard Kleist: Castro

Fidel Castro: Die Geschichte sprach ihn frei

Im November 2016 starb Fidel Castro im Alter von 90 Jahren. Ein Anlass, auf eine bereits 2010 erschienene und 2016 noch einmal neu als Taschenbuch aufgelegte Comic-Biographie über Castro zu verweisen. Wer allerdings hofft, über Reinhard Kleists Biographie Nachhilfe in kubanischer Geschichte zu bekommen, wird nur bedingt fündig. Zwar ist Fidel Castros Leben eng mit Kuba verbunden, jedoch liegt der Fokus des Buches auf seiner Persönlichkeit und weniger auf dem detailgetreuen Vermitteln der Ereignisse rund um die Revolution ab 1953.

Durch die Handlung führt der deutsche Journalist Karl Mertens, der während der Revolution nach Kuba geht, um aus erster Hand von den Ereignissen und über die »Bewegung des 26. Juli« zu berichten. Natürlich verliebt er sich in eine revolutionäre Kämpferin und in die Revolution selbst. Er bleibt in Kuba und berichtet weiter. Die LeserInnen folgen ihm und Castro durch Stationen wie den Guerillakampf in der Sierra Maestra, den Sturz Batistas, die kommenden 40 Jahre Reformen, das Handelsembargo durch die USA, die Annäherung an die Sowjetunion, die Verfolgung politisch Andersdenkender und zuletzt Castros Aufenthalt im Krankenhaus. Nicht zu kurz kommen auch die Jugendzeit Castros und die Ereignisse vor der Revolution.

Es ist schwierig, über Kuba nicht wertend zu schreiben. Auch wenn die Figur Mertens mit der Revolution und Castro stark sympathisiert, schafft es Autor Kleist aber, die Widersprüche um die Regierungsführung Castros einzufangen und eine differenzierte Auseinandersetzung anzuregen. So kommen immer wieder Stimmen aus der Bevölkerung zur Wort. Wem ein tieferer Einblick in die kubanische Bevölkerung und ihre Auffassung der kubanischen Revolution am Herzen liegt, dem sei ebenfalls von Kleist dessen Graphic Novel »Havana« empfohlen. Spätestens bei diesem Buch wird klar, was sich bei der Castro-Biographie nur andeutet: Kleist blickt selbst romantisierend auf die Revolution. Er kommt zu einem wenig überraschenden, aber doch differenzierten Urteil: Auch wenn die Revolution mit Menschenrechtsverletzungen verbunden war, ist die Bevölkerung heute hoch gebildet und vollständig alphabetisiert – und nicht zu vergessen das gute Gesundheitssystem für alle.

Die Bevölkerung wird allerdings zu einem spartanischen Lebensstil mehr oder minder gezwungen. Dass nicht alle KubanerInnen mit dem Kuba der Revolution und den dazu gehörenden Mängeln einverstanden sind, wird durch Lara, die Gefährtin des Protagonisten verkörpert. Zwar kämpfte sie selbst für die Revolution in der Sierra Maestra, sie hält es aber im Kuba der Lebensmittelknappheit und Repressionen nicht mehr aus und reist aus, sobald sich ihr die Möglichkeit bietet. Karl Mertens bleibt innerlich zerrissen zurück, was sein Verhältnis zur Revolution angeht, und blickt besorgt in die Zukunft. Castro übergibt die Regierungsgeschäfte an seinen Bruder Raul. Es ist umstritten, wie viel Einfluss Fidel vom Krankenhaus aus auf dessen Politik hatte. Unbestritten ist jedoch, dass sich erst mit Fidel Castros Tod in Kuba einiges verändert.

Eine Revolution durch einen bewaffneten Kampf wie in den 1950ern wird es vorerst nicht mehr geben. Nicht nur in Kuba haben sich die Utopien verändert. Personenkult und Revolutionsromantik nehmen in Zeiten, in denen sich soziale Bewegungen sowie Transformations- und Utopiebegriffe diversifizieren, einen anderen Stellenwert ein. Doch gerade nach dem Tod Castros lohnt es sich, einen Blick in Kleists Biographie zu werfen. Sie zeichnet ein inspirierendes Bild von einer der kämpferischsten und idealistischsten Persönlichkeiten der jüngeren Geschichte. Kampfgeist und Idealismus sind die Grundvoraussetzung von sozialer Veränderung – wie auch immer die Zukunft aussehen mag und wer sie gestaltet.

Swetlana Hildebrandt

Reinhard Kleist: Castro. Taschenbuchausgabe, Carlsen-Verlag, Hamburg 2016. 282 Seiten, 10,99 Euro.

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