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Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut

Alles schon mal gehört

»Was bislang niemand wissen mochte: Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die Verhältnisse der anderen...« Dieser Satz sagt viel über das von Stephan Lessenich anvisierte, ökologisch-selbstkritische Lesepublikum seines Buches Neben uns die Sintflut aus. Der Münchner Soziologe beschreibt anschaulich die Auslagerung der negativsten Effekte der Wohlstandsgesellschaften des globalen Nordens. Er wird dabei nicht müde, neben den ökonomischen, sozialen und kulturellen auch die ökologischen Aspekte dieses Prozesses darzulegen.

Hilfreich ist dabei der Begriff der Externalisierungsgesellschaft, die »seit jeher von der Arbeit und den Ressourcen anderer, von der Abwälzung sozialer und ökologischer Schäden auf Dritte« lebt. Mit diesem Begriff wird betont, dass es im Kapitalismus keine GewinnerInnen ohne das notwendige »Außen« der VerliererInnen gibt: »Das Externalisierungsleben steht und fällt mit seiner Exklusivität«. Auch die in diesem Kontext vollzogene Analyse der so genannten »Flüchtlingskrise«, die sich für Lessenich »immer mehr als eine Krise der Humanität der europäischen Gesellschaften entpuppt«, sowie das Aufzeigen der Grenzen individuellen (Konsum-)Protests zählen zu den Stärken des Buches.

Es steht nichts Falsches in Lessenichs Buch. Doch das Werk schwächelt, wenn es darum geht, seine Intentionen zu verdeutlichen. Einerseits will Lessenich »Unsichtbares sichtbar machen, Unausgesprochenes aussprechen, Ausgeblendetes zur Geltung bringen«. Andererseits schreibt er selbst über die von ihm präsentierten Inhalte: »Alles schon mal gehört. Alles schon mal gesehen. Dann aber alles wieder vergessen.« Das Problem sei demnach nicht Unkenntnis, sondern »ein verallgemeinertes Nicht-wissen-Wollen«. Diese Spannung zwischen Aufklärung und In-Erinnerung-Rufen wirkt sich nicht zuletzt auf die politische Botschaft des Buches aus, die vage bleibt.

Zwar bietet Lessenich konkrete Vorschläge an, »von einer mit den Privilegien der Zentrumsökonomie brechenden Revision des Welthandelsregimes, einer effektiven Besteuerung weltweiter Finanztransaktionen und einem Umbau der reichen Volkswirtschaften in Postwachstumsökonomien bis hin zu … einer transnationalen Rechtspolitik, die globale soziale Rechte wirkungsvoll verankert.« Zu der dafür notwendigen Politisierung, die er selbst als »das A und O wirklicher Veränderungen« beschreibt, hat er aber wenig zu sagen. Er verbleibt in der Rolle des »Moralphilosophen«, die er gleichzeitig von sich weist. Lessenich beanstandet, dass die Themen, die er in seinem Buch aufgreift, gleich wieder verschwinden, wenn sie einmal »in ‚Brennpunkten‘ nach der Tagesschau« oder »in Radiofeatures öffentlich-rechtlicher Kultursender« auftauchen. Warum der Effekt seines Buches ein anderer sein soll, erschließt sich mir nicht.

Dabei stellt Lessenich wichtige Fragen, beispielsweise: »Wie für mehr Gleichheit im globalen Maßstab streiten, ohne die berechtigten Ansprüche auf Gleichheit … im nationalen Kontext zu missachten? Wie auch die schlechter Positionierten in den reichen Gesellschaften als Profiteure der Externalisierungsgesellschaft ansprechen – und sie gleichwohl in ihren Sorgen vor weiterer sozialer Benachteiligung gegenüber den Bessergestellten um sie herum ernst nehmen?« Antworten darauf zu finden, obliegt wohl weiter denjenigen, die in entsprechenden sozialen Bewegungen engagiert sind.

Gabriel Kuhn

Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser, Berlin/ München 2016. 224 Seiten. 20 Euro.

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