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Energiewende in Öl - Die EXPO 2017 in Kasachstan

Seit Juni gastiert die EXPO für knapp hundert Tage in der kasachischen Hauptstadt Astana. Mit dem Thema „Energie der Zukunft“ wird versucht, hier anzuknüpfen. Bringt das neue Impulse? Für Kasachstan und dessen „Führer der Nation“, den Präsidenten Nursultan Nasarbajew, ist die Schau ein Prestigeprojekt.

von Philip Klein, Astana

Noch Wochen nach ihrer Eröffnung erinnert das Gelände der EXPO an eine Großbaustelle. Der Asphalt sieht frisch aus, das platzierte Grün weniger. Verdorrte rechteckige Rollrasenelemente wirken wie liegengelassen und werden hier und da erneuert. Kabel ragen aus dem Boden. Nachdem sich viele BesucherInnen erst nicht sicher waren, ob das so gehöre, fügen sich Skulpturen dann doch Anfang Juli zusammen. Zur Weltausstellung in die Hauptstadt lädt dieses Jahr Kasachstan, sowjetischer Nachfolgestaat, fossiler Rohstoffgigant und autokratisches Regime, in dem seit 1991 alles auf den Präsidenten Nursultan Nasarbajew zugeschnitten ist.

Astana – die ab 1997 aus dem Boden gestampfte Metropole – ist das Machtzentrum des neuntgrößten Flächenlandes der Erde. Der Reichtum Kasachstans, in der Hauptstadt protzig in Szene gesetzt durch Luxusbauten internationaler Architekturgrößen, speist sich aus riesigen Vorkommen an Kohle, Erdöl und Gas. Außerdem ist der zentralasiatische Staat der weltgrößte Uranproduzent. Von diesem Reichtum profitiert vor allem der Machtapparat unter dem unangefochtenen Herrscher Nasarbajew. Seine Selbstdarstellung ist unübersehbar, Zitate von ihm prangen an allen öffentlichen Gebäuden. Dabei inszeniert er sich als gütig und wohlwollend – aber streng. Die Erzählung um ihn könnte Macchiavellis Il principe entsprungen sein. Wenig überraschend, dass der Präsidentenpalast an das Weiße Haus in Washington erinnert.

 

Kasachstan zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Bereits vor der Unabhängigkeit Kasachstans 1991 war Nasarbajew Generalsekretär der zweitgrößten Sowjetrepublik, seitdem ist er Präsident der Präsidialrepublik. Das Land betreibt eine pompöse Außenpolitik, bei der jeder Vorstoß – sei es das Ausrichten des OSZE-Gipfels 2010 oder die Gründung eines östlichen OSZE-Pendants CICA (Konferenz über Interaktion und Vertrauensbildende Maßnahmen in Asien) – stets auf die Initiative des Präsidenten zurückgeht. Die Innenpolitik bleibt eher liegen, und damit auch gesellschaftliche Transformationsprozesse: Im Ranking zur Pressefreiheit listet Reporter ohne Grenzen Kasachstan dieses Jahr auf Platz 157 von 180 Staaten. Wichtiger scheint es der Regierung zu sein, außenpolitisch auf enge Handelskooperation und regionale Stabilität zu setzen. Demokratisierungsversuche werden abgewehrt. Emanzipationsversuche gegenüber Russland wie in Georgien, Kirgistan, derzeit demokratischer Vorreiter Zentralasiens, und Ukraine werden als katastrophal dargestellt. Nasarbajew sagte im Interview mit Euronews 2010 dazu: „Wirtschaft zuerst, dann Politik“.

Die Beziehung zu Russland ist speziell. Eine Abgrenzung soll höchstens in sanften Dosierungen stattfinden, bis 2025 soll das kyrillische Alphabet aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Wegen der Einhegung der russischen Minderheit im Norden des Landes wurde die Hauptstadt vom südlichen und geschichtsträchtigen Almaty ins „Dubai Zentralasiens“ verlegt: nach Astana. Neben der Suche nach der geeigneten Haltung Moskau gegenüber – Nasarbajew ließ sich auch schon damit zitieren, Putin und er seien einander von Gott geschenkt – besteht ein weiteres Relikt aus Sowjetzeiten, das die Bevölkerung beschäftigt: Korruption. Der ist zwar in großem Stil der Kampf angesagt. An den Bahnhöfen finden sich Plakate, und in den Briefkästen Flyer der Antikorruptionseinheit. An der Universität werden Seminare unterbrochen, weil VertreterInnen der Behörde Aufklärung betreiben. Doch im Alltag zeigt sich die Anfälligkeit von LehrerInnen und ÄrztInnen, deren Gehälter kaum zum Leben reichen. Auch die Expo-Organisation ist betroffen. Nachdem von Seiten des Präsidenten eine Marke von fünf Millionen BesucherInnen festgelegt worden war, sollten auch entsprechend viele Tickets Abnehmer finden. Also werden sie in großem Umfang weitergereicht. Nicht nur die nationale Flugline Air Astana vergab zeitweise für jeden Flug ein EXPO-Ticket. Es wurden Fälle bekannt, wie Behörden große Ticketmengen mit teils brachialen Mitteln unter die Bevölkerung brachten. BürgerInnen wurden zu Ticketkäufen gedrängt, ganz gleich ob sie die Großveranstaltung besuchen wollten oder nicht. Nun blüht der illegale Onlinehandel derer, die ihre Tickets wieder abstoßen wollen. Eine Tageskarte kostet umgerechnet knapp 20 Euro. Das kann durchaus ein Zehntel eines Monatsgehalts sein.

Das inhaltliche Thema der zukünftigen Energiesicherung kommt zur rechten Zeit, vor allem für Kasachstan selbst. Das Land ist im Besitz großer fossiler Rohstoffvorkommen, aber allzu zukunftsträchtig ist die Branche nicht. Mit den Exporteinnahmen hat das Erdölförderland die Chance, sich für das postfossile Zeitalter aufzustellen. Dies haben schon etliche Rohstoffförderländer verschlafen. Eine zukunftsträchtige „Neue Ökonomische Politik“ könnte theoretisch eine funktionierende Landwirtschaft, produzierendes Gewerbe, neue Technologien, erneuerbare Energien und Bildung fördern. Andererseits hat das Land seine Mühe, die Rolle des klimafreundlichen Gastgebers glaubwürdig zu spielen. Bei den CO2-Emissionen folgt der zentralasiatische Staat bei der Negativstatistik dicht auf die Vereinten Staaten und stößt pro Kopf immer noch mehr aus, als Industrienationen wie Deutschland oder Japan. Dass bei der EXPO am helllichten Tag pyrotechnische Spektakel zu sehen sind, wirkt dann besonders befremdlich.

 

„Energie auf dem richtigen Weg“

Es sind nicht nur die Emissionen, mit denen Kasachstan kaum zur Galionsfigur des Umweltschutzes taugt. Die Uranproduktion passt ebenfalls nicht in dieses Bild. In den Außenbeziehungen zu Japan wird zwar an gemeinsam erlittenes nukleares Unglück erinnert, denn im kasachischen Semipalatinsk liegt ein strahlenverseuchtes, sowjetisches Testgelände für Atomwaffen. Auch wird sich bei jeder Gelegenheit für die Nichtverbreitung von Nuklearwaffen stark gemacht. Doch in der Rolle als Uranproduzent schweigt man zu Fukushima und behandelt bei der Expo Atomkraft ausdrücklich als Zukunftsenergie. Daher hat der Staatskonzern Kazatomprom folgerichtig seinen eigenen Pavillon auf der Weltausstellung. Wenn nun seinerseits der Deutsche Pavillon, mit 1200 m² der größte bei der EXPO, seine Tore öffnet, hat man dort nicht im Sinn, zu tadeln oder den Atomausstieg allzu offenherzig zu promoten. Das eigene Motto „Energy on Track“ übersetzen die Verantwortlichen mit „Energie auf dem richtigen Weg“. Dabei werden die BesucherInnen in die Funktionsweise von Flussturbinen, Windrädern, Solarzellen und geothermischen Bohrungen eingeführt.

Der weitere Ausstellungsbereich soll die Menschen im urbanen Lebensumfeld ansprechen, mit Smarthouses, Wohngebäuden, die über ihren Bedarf hinaus selbst Energie produzieren, beispielsweise durch Solarzellen in der Fassade. Auch Fahrzeuge mit Elektroantrieb sind zu sehen, BMW tritt auf, und alle inszenieren sich als revolutionär. Dass der amerikanische Elektro-Fahrzeughersteller Tesla der deutschen Autolobby bei mit ihrer Klammerung an Verbrennungsmotoren längst davon gefahren ist – geschenkt. Deutsche Autos gehen wohl immer. Beim Thema Solarzellen fehlt jeder Hinweis darauf, dass die chinesische Konkurrenz hier abgeräumt hat, was sich derzeit besonders bei der insolventen SolarWorld AG zeigt.

Geografisch hat Kasachstan durchaus Kapazitäten für grüne Energie. Der Wind der Steppe hat Deutschland bereits zur Unterstützung des kasachischen Windpark Yerementau I gelockt, an Sonnenstunden herrscht ebenfalls kein Mangel und Wasserkraft deckt schon heute zwölf Prozent des Energiebedarf des Landes. Die wirtschaftlichen Verbindungen sind kräftig, auch wegen kasachischer Zuwanderung nach Deutschland sowie einer deutschen Minderheit in Kasachstan. Dennoch ist die Zurschaustellung einer reibungslosen Energiewende befremdlich, wenn man etwa an die aktuelle erfolgreiche Entschädigungsklage der deutschen Stromkonzerne denkt. Bei der Weltausstellung liegen die Interessen Deutschlands auf der Hand: der Export von Technologie und Know-How. Aber wird die Weltausstellung eine Öffnung Kasachstans mit sich bringen? Das darf bezweifelt werden. Zwar hat Präsident Nasarbajew im Frühjahr noch schnell eine Verfassungsänderung auf den Weg gebracht, die dem Parlament mehr Rechte einräumt. Jedoch beinhaltet diese eine Immunitätsklausel für sich und seine Familie.

 

Philip Klein studiert Friedens- und Konfliktforschung an der Uni Magdeburg.

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