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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 361 | Tourismus & Migration Reinhart Kößler/Henning Melber: Völkermord – und was dann?

Reinhart Kößler/Henning Melber: Völkermord – und was dann?

»Ey, Deutschland, ich sage es noch mal: Leg erst mal Rechenschaft ab für den Holocaust, leg erst mal Rechenschaft darüber ab, wie du in Namibia 100.000 Menschen umgebracht hast. Ihr seid das letzte Land, das die Türkei mit dem sogenannten Völkermord an den Armeniern beschuldigen kann.«

Diesem Zitat lässt sich aus einer geschichtsbewussten Perspektive wenig entgegenhalten, und so kommentieren es Henning Melber und Reinhart Kößler denn auch treffend so: »Dass Erdogan in seiner ansonsten erschreckenden Schimpfkanonade dieses Argument mit einem gewissen Recht einsetzen konnte, muss beschämen.«

Im neuesten Buch des Autorenduos Kößler/ Melber, Völkermord, und was dann?, geht es indes nicht in erster Linie um den Armeniengenozid. Er spielt darin nur deshalb eine recht prominente Rolle, weil die bundesdeutsche Vergangenheitspolitik in Bezug auf Armenien vergleichsweise positiv zu beurteilen ist. Im Juni 2016 verabschiedete der Bundestag eine Resolution, in der das 1915 vom Osmanischen Reich verübte Genozid an der armenischen Bevölkerung ohne Umschweife als »Völkermord« bezeichnet wird. Zwar folgt daraus in Sachen Entschädigungen für Deutschland nichts, denn obwohl das Deutsche Kaiserreich mit dem Osmanischen Reich verbündet war, lässt sich daraus keine völkerrechtliche Haftung ableiten. Aber dass der Bundestag sich offen mit Erdogans Türkei anlegte und auch deutsche Mitschuld am Armeniengenozid eingestand, verdient Anerkennung.

Im Falle des von deutschen Kolonialtruppen in »Deutsch-Südwestafrika« verübten Genozids an Herero (genauer: Ovahararo) und Nama verbieten sich hingegen lobende Worte über die deutsche Vergangenheitspolitik. Obwohl der Fall eindeutig und die deutsche Schuld ungeheuerlich ist, weigern sich seit Jahrzehnten sämtliche Bundesregierungen, Entschädigungen für die Nachfahren der Opfer auch nur in Erwägung zu ziehen. Kößler/Melber zeichnen kenntnisreich nach, welche argumentativen Verrenkungen Politiker wie der grüne Außenminister Joseph Fischer vollzogen, um explizite Eingeständnisse des Genozides und daraus resultierende Ansprüche abzuwehren.

Wie einige andere AktivistInnen auch, setzen sich Kößler/Melber seit langem für historische Gerechtigkeit gegenüber den Opfern deutscher Kolonialherrschaft in Namibia ein. Ihr Buch kann als Zusammenfassung von hunderten wissenschaftlichen Artikeln und Buchbeiträgen zum Thema gelesen werden. In konzentrierter Form informiert es über die historischen Ereignisse, die deutsche Vergangenheitspolitik und den aktuellen Stand der Dinge. Es mündet in ein flammendes Plädoyer für die Dekolonisierung der deutsch-namibischen Beziehungen und postkoloniales Lernen.

Die Kritikpunkte fallen gegenüber diesen Vorzügen des Buches nicht groß ins Gewicht. Falsche Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis und das allzu beflissene Vorwort der ehemaligen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sind lässlich. Gewünscht hätte man sich jedoch eine kritischere Diskussion des Volks- und des Völkermordbegriffes. »Volk« ist allemal im deutschen Kontext eine durch und durch rassistische Kategorie, und es gibt viele gute Gründe, den biologistisch-naturalisierenden Begriff »Völkermord« durch das Kunstwort »Genozid« zu ersetzen. Ganz im Sinne seines Erfinders, des jüdischen polnischen Friedensforschers Raphael Lemkin, lässt sich mit diesem semantisch reflektierten Begriff das Vorgehen der deutschen Kolonialtruppen in aller Eindeutigkeit als mörderische Vernichtungspolitik benennen.

Christian Stock

Reinhart Kößler/Henning Melber: Völkermord – und was dann? Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt a.M. 2017. 176 Seiten. 19,90 Euro.

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