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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 362 | Altern in der Welt Günter Giesenfeld. Brennpunkt Vietnam

Günter Giesenfeld. Brennpunkt Vietnam

Begegnungen mit Vietnam

Vietnam wird häufig mit dem Vietnamkrieg oder mit billigen Turnschuhen in Verbindung gebracht. Es ist ein großer Verdienst des jüngst erschienenen Buches Brennpunkt Vietnam von Günter Giesenfeld, dieses vereinfachende Bild zu hinterfragen. Der Band ist eine Aufsatzsammlung aus 40 Jahren Beschäftigung des Autors mit dem südostasiatischen Land. Giesenfeld nimmt die LeserInnen mit auf seine Reisen nach Vietnam, die er als Vorsitzender der Freundschaftsgesellschaft Vietnam und als Aktivist der Vietnambewegung der 1960/70er Jahre unternommen hat. Diese persönlichen Eindrücke und Bilder wechseln sich ab mit Texten zu Politik, Geschichte und Kultur des Landes. So stehen Texte zum Katholizismus in Vietnam neben Reiseberichten und Reportagen aus Umerziehungslagern der 1970er Jahre.

Die Texte wurden zwischen 1978 und 2004 geschrieben. Sie handeln also alle von einem Land, dass es so nicht mehr gibt. Vietnam hat sich durch Industrialisierung und Globalisierung in den letzten Jahrzehnten fundamental gewandelt. Trotzdem, und das macht Giesenfeld in seinem aktuellen Vorwort klar, braucht es für das Verständnis des heutigen Vietnams einen Einblick in seine jüngste Geschichte. Ein zentrales Beispiel hierfür ist Vietnams Verhältnis zum großen Bruder China. Mit großem Detail- und Quellenreichtum wird der jahrhundertealte Konflikt mit China beschrieben, der bis in die Gegenwart fortwirkt. In diesem Konflikt positioniert sich Giesenfeld ebenso wie bei der Analyse der Schwierigkeiten beim Aufbau des Sozialismus sehr eindeutig als Freund des kommunistischen Vietnams. Das Buch ist geprägt von tiefer Verbundenheit und Freundschaft des Autors mit dem Land und seinen Menschen. Dies ist durchaus charmant, jedoch fallen dabei die kritischen Töne häufig sehr leise aus oder sind gar nicht zu hören.

Wie man auch dazu stehen mag, in den Interviews und Reportagen aus der Zeit des sozialistischen Aufbaus werden dessen Geist und der Glaube an eine tatsächliche Veränderung der Gesellschaft spürbar. Das wirkt in Zeiten des alternativlos scheinenden Kapitalismus Äonen von Jahren entfernt, mag aber vielleicht dabei helfen, revolutionäre Spuren nicht abreißen zu lassen.

Die Aufsätze, die sich vor allem mit dem Verhältnis zur USA sowie den Auswirkungen der Globalisierung auf Vietnam beschäftigen, sind in erster Linie als zeithistorische Dokumente zu sehen. Wer ein wenig mit der heutigen Situation in Vietnam vertraut ist, erkennt an den Artikeln, wie sehr sich das Land gewandelt hat. Wer dieses Hintergrundwissen nicht hat, wird allein durch die Texte nur bedingt schlauer werden. Hier wären weitere Texte wünschenswert gewesen, die sich mit der gegenwärtigen Politik in Vietnam beschäftigen und heutige Probleme und Entwicklungen schildern: Wer etwas zum Inselstreit zwischen China und Vietnam im südchinesischen Meer erfahren will, wird das im Buch nicht finden – schade für eine Publikation aus dem Jahr 2017.

Giesenfeld, der auch als Filmemacher in Vietnam aktiv war, legt in den abschließenden Kapiteln den Fokus auf Film und Literatur. Gerade die Texte zum Film zeigen Giesenfeld als Fachmann, wenn er klug (Hollywood-)Spielfilme über den Vietnamkrieg vorstellt und einordnet. Besonders wertvoll sind seine Einblicke in die revolutionäre vietnamesische Kinotradition und ihre Agitationszwecke.

Die Themenvielfalt des Buches ist überwältigend: Die Übergriffe des Pol-Pot-Regimes, die Aggressionen Chinas an der Grenze im Norden, der Wirtschaftsboykott der USA und dessen Folgen für das Land, die politische Isolation, die Propagandakampagne gegen Vietnam wegen der Umerziehungslager, dann noch die Boat People. Giesenfeld schafft es, all dies in seinem Buch unterzubringen und dennoch Erklärungen zu liefern.

Methodisch ist er hier ein Vorbild, er zwingt uns dazu, genau hinzusehen, Zusammenhänge zu entdecken und voreilige Schlüsse zu vermeiden. Dies ist vielleicht die größte Stärke des Buches.

Christopher Wimmer

 

Günter Giesenfeld. Brennpunkt Vietnam. Reportagen, Begegnungen, Reflexionen. Argument, Hamburg. 333 Seiten, 19 Euro.

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