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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 362 | Altern in der Welt »Lauf Genosse, die alte Welt ist hinter Dir her«

»Lauf Genosse, die alte Welt ist hinter Dir her«

Für den mauretanischen Filmemacher Mohamed Abid Hondo ist die Welt oft zum Davonlaufen. Denn die Bedingungen, unter denen er seine hervorragenden Werke produziert hat, symbolisieren die Misere der afrikanischen Filmschaffenden.

von Theresa Weck

»Egal, ob ich einen Film in Paris oder Nouakchott mache: es ist sehr wahrscheinlich, dass ihn in meinem Land niemand sehen wird.« (Anmerkung 1) Diese Einschätzung des Regisseurs entspricht der Realität. Viele seiner Filme wurden in afrikanischen Ländern wegen ihrer scharfen Systemkritik kaum oder gar nicht gezeigt, und in europäischen Ländern ist das Interesse an Mauretanien mehr als verhalten. Nicht nur das egoistische Handeln einzelner afrikanischer Staatsoberhäupter wird in seinen Filmen verurteilt, sondern auch die generellen Strukturen (neo-)kolonialer Regime und Korruption.

Mohamed Abid Hondo, besser bekannt als Med Hondo, wurde 1936 als Sohn einer Bauernfamilie in der mauretanischen Region Atar geboren. 1954 besuchte er die Hotelmanagementschule in Rabat, Marokko, machte vier Jahre später seinen Abschluss und emigrierte 1958 nach Frankreich in der Hoffnung auf einen gut bezahlten Job. Allerdings erwartete ihn dort nur die bittere Enttäuschung darüber, dass er trotz Collegeabschluss, genau wie viele andere arabische und nordafrikanische Menschen, keine Arbeit in seinem Tätigkeitsbereich bekam. Mithilfe diverser Aushilfsjobs in Paris und Marseille, bei denen er bedeutend weniger verdiente als seine französischen KollegInnen, hielt er sich über Wasser und finanzierte seine Leidenschaft fürs Theater. Als Gründer einer Theatergruppe hatte er sich zum Ziel gesetzt, die französische Gesellschaft für das Schauspiel schwarzer Theaterschaffender zu begeistern. Doch auch hier sah er sich mit Rassismen und Diskriminierung konfrontiert, die verhinderten, dass die künstlerischen Talente schwarzer Menschen anerkannt wurden.

Über kleinere Rollen in französischen Fernsehserien und Filmen fand Med Hondo Zugang zum Filmemachen und eignete sich die nötigen Fertigkeiten autodidaktisch an. Erst mithilfe seiner eigenen Filme, die zum großen Teil mit improvisierten Mitteln entstanden, schaffte er es, ein breiteres europäisches Publikum für prekäre Themen von MigrantInnen zu sensibilisieren. Auch historische Bezüge finden Eingang in seine Filme, beispielsweise in »Sarrounia«. Der Film handelt von der nigerianischen Widerstandsbewegung gegen die französische Kolonialmacht. Auch seine Verfilmung des Sklavenhandels auf den Antillen in »West Indies« ist hier zu nennen.

»Ich mache Filme, um die Menschen mit ihren alltäglichen Problemen zu konfrontieren und ihnen zu helfen, sie zu lösen.« (Anm.2) Mit diesem Anspruch Hondos entstand sein Regiedebut »Soleil Ô«. In diesem Werk, das autobiographische Bezüge vermuten lässt, werden die Erfahrungswelten eines schwarzen mauretanischen Migranten in Frankreich aufgegriffen, dem angemessene Arbeit und soziale Teilhabe verwehrt bleiben. Die Frustration über die individuell erfahrene wie auch strukturelle Diskriminierung steigert sich im Verlauf des Films, bis sie in der Flucht des Protagonisten in den Wald mündet, wo ihm Trommeln als Ruf zurück in die Heimat erscheinen.

Betont überspitzt und brutal ironisch bringt Hondo das Lebensgefühl der diasporischen Gemeinschaft auf den Punkt und klagt diese Zustände gleichzeitig an. Dadurch stieß der Filmemacher bei der Umsetzung seiner Projekte immer wieder auf Widerstand. Obwohl Med Hondo zu den meist gefeierten afrikanischen FilmemacherInnen zählt, trieben ihn viele seiner Filme in den finanziellen Ruin. »Sarrounia« beispielsweise, sein bisher bekanntester Kinofilm, gestaltete sich als jahrelanger Kampf. Sieben Jahre dauerte es, bis der Filmemacher das Geld für die Produktionskosten beisammen hatte, und auch bei der Suche nach einem geeigneten Drehort musste er immer wieder Niederlagen einstecken. Der anfangs zugesagte Drehort in Niger wurde ohne Begründung gecancelt und konnte dann, nur durch persönliche Beziehungen zu einem Offizier Burkina Fasos, nach zahlreichen Verzögerungen verlagert werden.

Nachdem das Projekt abgeschlossen war und der Film unter anderem in Frankreich veröffentlicht werden sollte, folgte der nächste Rückschlag: Die Vereinbarung, den Film an vierzehn Orten in Frankreich zu zeigen, wurde nicht eingehalten und stattdessen auf fünf Kinos reduziert, bevor er schließlich ganz aus dem Programm genommen wurde. Die im Film kritisierten Menschenrechtsverletzungen und die damit einhergehende Misshandlung der Einheimischen in den französischen Kolonien schienen nicht mit der allgemeinen Vorstellung von cineastischer Kunst übereinzustimmen. Die massiven finanziellen Einbußen, die mit dieser Zensur einhergingen, konnten durch die positive Rezeption in sechs afrikanischen Ländern und England nicht ausgeglichen werden, und auch die zahlreichen solidarischen Proteste anderer CineastInnen blieben folgenlos. Med Hondo trägt noch heute die Konsequenzen: 2002 waren erst 15.000 von 77.000 Euro der Produktionskosten zurückbezahlt. Trotz der zahlreichen Hürden ist Hondo der festen Überzeugung, »dass man am Ende eine wunderbare Erfahrung macht« (3).

 

Das Dilemma des ‚afrikanischen‘ Kinos

Die Geschichte Hondos über die Abhängigkeit vom Wohlwollen einflussreicher KinomacherInnen ist beispielhaft für das ‚afrikanische’ Kino. Denn welche Filme international gezeigt werden, ob Drehorte zugesichert werden oder nicht, liegt meist im Ermessen einiger einflussreicher CineastInnen und Produktionsfirmen in Europa.

Faktisch bleibt das Filmemachen im Exil oder über europäische InvestorInnen für afrikanische KünstlerInnen die einzige Alternative, da in ihren Herkunftsländern wenig entsprechende Förderung existiert oder gewollt ist. Die Abhängigkeit des afrikanischen Kontinents bedingt Strukturen der Ausbeutung und treibt ihn fortwährend in die Unmündigkeit, auch wenn es um die Frage einer eigenen kulturellen Szene geht. »Die sozioökonomische Situation generiert Kultur und diese wiederrum ist an sich dynamisch. Wenn Kultur nicht dynamisch ist […], sondern populär gemacht wird und folkloristisch wirkt, ist das auch ein verräterisches Verbrechen, das den Menschen angetan wird« (4), fasst Hondo das Dilemma zusammen.

Somit weist das tragische Schicksal des afrikanischen Kinos viele Parallelen zu den gesamtgesellschaftlichen Strukturen auf. 99 Prozent der Filme afrikanischer RegisseurInnen werden in westeuropäischen Staaten produziert und von diesen finanziell gefördert. Daraus entstehen Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Arbeit der RegisseurInnen, gleichzeitig profitiert die nationale Wirtschaft von den Erfolgen der Filme. Für afrikanische Filmschaffende bleibt dieses Abhängigkeitsverhältnis immer ein schmaler Grat zwischen der finanziellen Realisierung der eigenen Projekte auf der einen und des drohenden Verrats an den persönlichen Idealen und der tieferen Bedeutung des Films auf der anderen Seite.

 

Von erschütternder Aktualität

Die Rollenbesetzung beschränkt sich nicht auf antagonistische Darstellungen ausgegrenzter Underdogs der ‚Unterschicht‘ gegen den Rest der Welt, denn »der Hauptcharakter kann […] ein Müllsammler, ein Student oder ein Lehrer [sein] … Unabhängig von Job oder Abschluss wird jede schwarze oder arabische Person, die in Frankreich lebt, mit alltäglichem Rassismus konfrontiert« (5), so Hondo.

Frappierend ist, dass das Kino von Med Hondo auch heute noch hochaktuell ist. Gerade im Kontext der aktuellen Debatten um Integration und Identität ist die »alte Welt«, voll von Alltagsrassismen und »gesellschaftlichen Verkrustungen« (6), strukturell benachteiligten Menschen weiterhin dicht auf den Fersen.

 

Anmerkungen

Englische Zitate wurden von der Autorin ins Deutsche übersetzt:

1)  Derek Jones (2001): Censorship. A World Encyclopedia, S. 1092

2) Nwachukwu Frank Ukadike (1994): Black African Cinema, S. 80

3) Nwachukwu Frank Ukadike (2002): Questioning African Cinema, S. 72

4) ders., S. 60

5) Derek Jones (2001): Censorship. A World Encyclopedia, S. 1092

6) http://www.arsenal-berlin.de

 

Theresa Weck ist Mitarbeitende im iz3w.

362 | Altern in der Welt
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