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Sie sind hier: Startseite Zeitschrift Ausgaben 362 | Altern in der Welt Stefan Vogt: Subalterne Positionierungen

Stefan Vogt: Subalterne Positionierungen

»Jetzt aber hat der Jude mit dem katastrophalen Vorgang, den er in den Völkern miterlebte, bestürzend und erleuchtend das große Leben der Gemeinschaft entdeckt«, urteilte Martin Buber 1916 angesichts des Ersten Weltkrieges. Der Kern seines Gedanken war, dass die durch Assimilation vom eigentlichen Judentum entfremdete jüdische Minderheit Europas durch die nationale Erweckung eben jenes Gemeinschaftsgefühl erleben konnte, das es zu einem selbstbewussten und gleichwertigen Volk erwachsen ließe.

Buber, wie auch eine Vielzahl deutschsprachiger AktivistInnen, erachtete die zionistische Bewegung nicht nur als pragmatische politische Lösung angesichts der Unterdrückung der jüdischen Massen in Osteuropa. Der Zionismus sollte auch eine Renaissance des Judentums einleiten. Akteure wie Martin Buber, Robert Weltsch, Franz Oppenheimer oder Richard Lichtheim betraten jedoch einen vorherbestimmten gesellschaftlichen Diskursraum. Die Studie Subalterne Positionierungen. Der deutsche Zionismus im Feld des Nationalismus in Deutschland, 1890-1933 des Historikers Stefan Vogt ergründet dieses ideologische, politische und praktische Spannungsfeld zwischen völkischem Nationalismus und deutscher Kolonialpolitik. Dabei analysiert Vogt geradezu radikal den deutschsprachigen Zionismus mithilfe von postkolonialer Theorie und legt dar, wie der Zionismus sich aus einer »subalternen Position« heraus im Feld des Nationalismus in Deutschland verortete. Dieser spezifische Kulturzionismus bewegte sich zwischen völkischer Partikularität und humanistischer Universalität. Beides zielte auf eine Gleichberechtigung mit der nichtjüdischen Mehrheit hin und verneinte die aggressiven Herrschaftsimpulse des europäischen Nationalismus, so Vogts Ausgangsthese. Dies unterminierte das Streben nach Dominanz und Unterdrückung.

Vogt charakterisiert die Juden Europas als eine »kolonisierte Minderheit«, die zwischen Assimilation und der schärfer werdenden Forderung nach Absonderung herausgefordert war, ihre Gleichberechtigung und Anerkennung zu erstreiten. Auf die Anerkennung als gleichwertiges Volk zu insistieren, habe stets grundsätzliche Annahmen des völkischen und nationalen Denkens reproduziert. Dabei hätten die zionistischen AkteurInnen jedoch auf die Widerlegung des antisemitischen Vorurteils gezielt. Robert Weltsch sprach sogar von einem »antinationalen Nationalismus«, der den Zionismus beseele.

Diesem Kampf um Anerkennung, politischer Teilhabe und demokratische Rechte geht Vogt in verschiedenen Konstellationen nach. Die Debatte um die orientalische Herkunft der Juden war ihnen eine Möglichkeit, ihren »Kulturwert« zu belegen – und zugleich ein nicht-rassistisches Bild des Orients zu entwerfen. Die preußische »innere Kolonisation« im Osten des Reiches hingegen war ihnen ein Beispiel für die potenzielle Siedlungspolitik in Palästina. Im Ersten Weltkrieg feierten die deutschen ZionistInnen ebenso wie ihre deutschen und jüdischen MitbürgerInnen den nationalen Taumel, auch weil sie sich dadurch im Strom der Geschichte schwimmend begriffen: Alle Völker Europas seien nationalistisch. Das Scheitern der liberalen Emanzipationsversprechen schien den ZionistInnen umfänglich Recht zu geben, dass allein die nationale Befreiung der Juden die erhoffte Gleichberechtigung bewirken könne.

Mit dem Weltkrieg führte das Erstarken des aggressiven antisemitischen Nationalismus zur Ernüchterung unter den deutschen ZionistInnen. Ihr Nationalismus solle, so ihr Selbstverständnis, frei sein von Herrschaftsgelüsten. Entschieden kritisierten sie antidemokratische und pro-faschistische Tendenzen in der jüdischen Jugendbewegung und traten jedwedem Vorstoß, Juden – individuell oder kollektiv – Rechte zu entziehen, entgegen. Letzteres sollte während des Nationalsozialismus zu einem Bündnis mit den Abwehrverbänden des nicht-zionistischen deutschen Judentums führen, welches sich jedoch als halbherzig und angesichts der Übermacht der Nationalsozialisten als erfolglos erwies. Der Nationalsozialismus unterband endgültig die Möglichkeit einer gleichwertigen Anerkennung jüdischer Deutscher. Statt Assimilation bliebe als einziger Ausweg nur noch das nationale Judentum, so der Tenor. Durchweg abgelehnt wurde ein marxistischer Universalismus, auch weil die kulturzionistische Strömung auf Sozialreform statt auf soziale Revolution setzte. Zudem reflektierte diese Haltung den eigenen Klassenhintergrund. Denn auch der zionistische Sozialismus blieb in Deutschland ohne proletarische Basis.

In Palästina und dem jungen Staat Israel drückte sich der deutschsprachige Kulturzionismus durch eine liberale Gesellschaftsvorstellung und der Idee jüdisch-arabischer Verständigung aus. Brit Schalom, der ideengeschichtlich einflussreiche Friedensbund, war ein Resultat dieses Kulturzionismus. Stefan Vogt kommt zu dem Ergebnis, dass der »antinationale Nationalismus« des am liberalen deutschen Judentum gebildeten Kulturzionismus, der an einem spezifischen deutschen Diskursraum gebildet worden war, sich letztlich als »Illusion« herausstellte und an der machtpolitischen Realität in Palästina scheiterte. Dennoch kann dieser Kulturzionismus als bedeutsame Artikulation der jüdischen Minderheit angesehen werden, die um ihre rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Anerkennung kämpfte. Die Studie belegt diesen auf seine Art antikolonialen Kampf in der Epoche des imperialistischen Rassismus eindrücklich.

Hanno Plass

 

Stefan Vogt: Subalterne Positionierungen. Der deutsche Zionismus im Feld des Nationalismus in Deutschland, 1890-1933. Wallstein Verlag, 496 Seiten, 12 Abb., 49,90 Euro.

362 | Altern in der Welt
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