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»No Mutilation Ground«

Interview mit der Aktivistin Bintou Bojang über weibliche Genitalverstümmelung – Female Genital Mutilation (FGM) – in Gambia

iz3w: Wie weit ist FGM in Gambia verbreitet?

Bintou Bojang: In Gambia leben 1,8 Millionen Menschen, von allen Frauen und Mädchen dort sind etwa 80 Prozent verstümmelt. Die höchste Rate gibt es innerhalb der Mandinkas, der größten und traditionellsten Ethnie im Land. Unser Präsident und auch ich selbst gehören ihr an. Als Mandinka muss man laut Tradition seine Tochter beschneiden, sonst kann sie nicht verheiratet werden.

Es gibt viele Menschen, die schon lange gegen FGM kämpfen. Das Problem ist aber, dass die Älteren nicht zuhören und Frauen, die selbst beschnitten wurden, Angst haben, darüber zu sprechen. FGM ist ein Tabu. Als Aktivistin sehe ich darin das Hauptproblem. Ich versuche, den Frauen ein Beispiel zu sein, in dem ich offen über das Tabu spreche und ihnen zeige, dass mir trotzdem nichts Schlimmes passiert. Obwohl ich vor vielen Jahren große Schwierigkeiten mit meiner Familie bekam, als ich es gewagt hatte, in einem Fernsehinterview über die Folgen meiner Beschneidung zu sprechen. Meine Familie wollte mich daraufhin zwangsverheiraten – und ich bin geflohen. Dennoch denke ich, dass wir mit unseren ‘kleinen Stimmen’ die Welt verändern können.

Ich habe inzwischen bewirkt, dass drei Beschneiderinnen ihre Tätigkeit eingestellt haben. Es handelt sich ja auch um eine Art Gewerbe, bei dem die Frauen gut Geld verdienen können. Wir haben ihnen eine Alternative angeboten und ihnen gezeigt, wie sie Wasser gewinnen und Gemüse anbauen, das sie dann verkaufen können. Als Kind hatte ich große Angst vor den Beschneiderinnen. Deshalb habe ich die drei gefragt, ob sie denn wirklich als grausame Frauen angesehen werden möchten. Eine Frau hat dann angefangen zu weinen. Heute sind sie zufriedene Bäuerinnen. Das Feld, auf dem sie arbeiten, nennen wir »No Mutilation Ground« und jede Frau, welche die Praxis der Beschneidung aufgeben will, ist willkommen. Das Projekt wird durch Spenden finanziert.

 

In Gambia gab es 2017 einen Regierungswechsel. Wie hat sich dieser auf die Rechte von Frauen ausgewirkt?

►Es gab bereits Verbesserungen. Noch unter dem alten Präsidenten Yaha Jammeh wurde FGM im Jahr 2015 offiziell verboten. Dies war auch einer der bekanntesten Anti-FGM Aktivistinnen, Isatou Touray, zu verdanken, die für ihre Aktionen schon im Gefängnis saß. Für die Beschneidung eines Mädchens müssen die TäterInnen nun mit hohen Geldstrafen rechnen oder kommen für bis zu drei Jahre in Haft.

Es muss aber noch mehr passieren. Ich hoffe, dass sich der neue Präsident Adama Barrow auch um Aufklärungsarbeit unter den Männern kümmern wird. Außerdem muss das Bildungssystem verbessert werden, wir brauchen kostenfreie Schulbildung und Mädchen müssen die Schule auch abschließen können, ohne zwangsverheiratet zu werden.

 

Wie sieht die Unterstützung durch internationale Organisationen im Bereich FGM aus?

►Wir können FGM nicht von Europa aus bekämpfen. Man muss mit den Menschen in den Ländern sprechen, in denen es praktiziert wird. Man muss wissen, wie sie darüber denken – das erfährt man aber nicht im EU-Parlament, woher die Gelder für Anti-FGM Projekte fließen.

 

Sie sind nach ihrer eigenen Beschneidung aus Gambia geflohen und nach Deutschland gekommen. Wie wurde mit ihrem Antrag auf Asyl hier verfahren?

►Es war sehr enttäuschend. Die deutsche Regierung sieht FGM nicht als Asylgrund an. Ich kam traumatisiert und mit großen Schmerzen in Deutschland an. Mein erster Asylantrag wurde abgelehnt. Aber die deutsche Regierung ist doch verpflichtet, Frauen und Anti-FGM Aktivistinnen zu schützen und nicht sie zurück zu schicken, in ein Land, in dem ihnen Gefahr droht. Wie können wir FGM bekämpfen, wenn wir nicht sicher sind? Momentan baue ich ein neues Projekt auf, das sich gegen die Diskriminierung von Kindern geflüchteter Menschen richten soll. In Deutschland muss noch viel passieren.

 

 

►Bintou Bojang arbeitet in verschiedenen Initiativen gegen FGM, etwa im Crododile-Projekt des Vereins Tabu. Ihre Geschichte hat sie in dem Buch »In our own words – Geflüchtete Frauen erzählen von ihren Erfahrungen« veröffentlicht, siehe:

https://iwspace.wordpress.com. Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Katrin Dietrich

363 | Gegen sexualisierte Gewalt
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