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Land unter. Fidschi will die Welt zur Umsetzung der Klimaziele bewegen

Politische Botschaften zur Umsetzung der vereinbarten UN-Klimaziele werden immer dann besonders laut geäußert, wenn eine jährliche UN-Klimakonferenz vor der Tür steht. Der diesjährige Gastgeber, der südpazifische Inselstaat Fidschi, will den Vertragsstaaten mehr als nur Lippenbekenntnisse abgewinnen.

von Andreas Kopf

 

Als sich im Dezember 2015 nach zähen Verhandlungstagen die Türen des Konferenzzentrums Paris-Le Bourget schlossen, zeigten sich die meisten Länderdelegationen erleichtert. Von einem historischen Ereignis war die Rede, einem Durchbruch in der international lange Zeit uneinigen Klimapolitik. Schließlich bekannten sich die 195 an der 21. UN-Klimakonferenz in Paris teilnehmenden Staaten erstmals einstimmig und völkerrechtlich verbindlich zu einem zukunftsweisenden Ziel: Die globale Erderwärmung dürfe bis zum Ende des 21. Jahrhunderts die 2°-Celsius-Marke nicht übersteigen, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu verhindern. Gleichzeitig sollen die Vertragsstaaten sich bemühen, den Temperaturanstieg auf 1,5° Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Verwundbare Länder sollen bei der Anpassung an unvermeidliche Klimafolgen unterstützt und klimawandelbedingte Schäden finanziell ausgeglichen werden.

Insbesondere die Gruppe der 77, darunter die Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS), ein Zusammenschluss von 39 Insel- und Küstenstaaten aus der Karibik, Afrika, Asien und dem Südpazifik, forciert dieses Ziel. Denn anders als den Gesellschaften des globalen Nordens, die sich durch technologisch wie finanziell anspruchsvolle Anpassungen wohl weitestgehend schützen können, droht dem Großteil der BewohnerInnen der Gruppe der 77 sowie weiterer niedrig gelegener Küstengebiete der Entzug ihrer Lebensgrundlage infolge des Klimawandels.

 

Stetig steigt das Meer

Seit über 30 Jahren wohnt Aliti N. (Name wurde geändert) zusammen mit ihrer Familie im Dorf Tavuki auf der Insel Kadavu in einem kleinen, für die Fidschi-Inseln typischen einfachen Haus aus Wellblech, Holz und Stein. Das Dorfleben ähnelt dem der meisten anderen Gemeinden des kleinen Inselstaates. Knapp 150 Menschen leben dort, jung wie alt, auf einem flachen Küstenstreifen nahe am Meer. Lohnarbeit gibt es meist nur in einem der wenigen urbanen Zentren oder in nahegelegenen Touristenresorts. Dennoch ist genug zu tun. Moderne Annehmlichkeiten wie fließendes Wasser und Strom sind selten. Gekocht wird meist mit Holz oder Kerosin. Aliti berichtet von ihren Erfahrungen mit dem Meer. Es liefere wertvolle Nahrung. Aber es komme auch näher, berichtet sie, und zeigt auf eine Stelle hinter einer kleinen Mauer: »Dieser Abschnitt stand vor wenigen Jahren noch nicht unter Wasser«, sagt sie mit besorgtem Blick.

Dann ergriff ihre Familie mit Hilfe einiger DorfbewohnerInnen die Initiative, das Stückchen Land, welches das Meer sich genommen hatte, mühsam zurückzugewinnen. Die Mauer ist der obere Ausläufer einer nur wenige Meter von Alitis Haus entfernt rechtwinklig zum Meer verlaufenden Buhne. Vier von diesen Dammmauern haben die Familien in Tavuki in den letzten acht Jahren gebaut, um der Küstenerosion entgegenzuwirken. So ließen sich gleichzeitig die vom pazifischen Ozean mitgetragenen Sedimente akkumulieren und ein paar Meter Land gewinnen. Den Bau der Buhnen verdankt die Familie einer Materialspende des Militärs und dem Erfindungsreichtum eines handwerklich begabten Nachbarn. Vielen weiteren betroffenen Gemeinden fehlt es schlicht an
Know-how und Baumaterial, um sich derart an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Solche und ähnliche Berichte über klimawandelbedingte Umweltveränderungen hört man auf Fidschi allerorten. Die Inselgruppe befindet sich, gemeinsam mit anderen AOSIS Staaten, nach gängiger fachlicher Einschätzung an der vordersten Front der globalen Klimakrise. Und das, obwohl lediglich 0,3 Prozent der weltweit ausgestoßenen Treibhausgase auf das Konto der südpazifischen Inselstaaten gehen. Nach dem Bericht des Weltklimarates IPCC von 2014 ist der voranschreitende Anstieg des Meeresspiegels die vermeintlich größte Bedrohung für den südpazifischen Inselstaat. Allerdings stellen insbesondere die zunehmende Küstenerosion, die Versalzung von Böden und Süßwasserquellen, sowie häufiger auftretende Extremwetterereignisse wie etwa schwere tropische Wirbelstürme eine akute Gefahr für die Lebens- und Wirtschaftsweisen der Menschen dar.

Einen Ausblick darauf, was jährlich auftretende schwere Wirbelstürme für Inselstaaten bedeuten könnten, gab der Zyklon Winston. Er traf im Februar 2016 mit einer Stärke der Kategorie 5 auf die Fidschi-Inseln. Mit Spitzengeschwindigkeiten von über 220 Kilometern pro Stunde fegte der tropische Wirbelsturm über die Inselgruppe hinweg. Sturmfluten mit bis zu zwölf Meter hohen Wellen hinterließen vielerorts ein Trümmerfeld der Zerstörung. Trotz frühzeitiger Warnungen verloren über 40.000 Menschen ihr Hab und Gut. Ganze Dörfer wurden zerstört, 44 Menschen kamen ums Leben. Besonders betroffen waren die niedrig gelegenen Küstenregionen, in denen der größte Teil der Bevölkerung lebt. Der geschätzte Gesamtschaden betrug 1,4 Milliarden US Dollar, zirka ein Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts.

 

Durchbruch oder Durchhalteparolen?

Zwar wird die Region seit jeher immer wieder von solchen Wetterereignissen heimgesucht. Besorgniserregend ist jedoch die Beobachtung, dass diese Stürme in den letzten Jahren zunehmend in ihrer extremsten Form auftreten. Viele ExpertInnen, darunter das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, vermuten einen Zusammenhang zwischen steigenden Meeres- und Lufttemperaturen und dem Auftreten von starken Wirbelstürmen. Gegenwärtig ist dieser schwer zu belegen, die Messzeiträume sind für solche Schlussfolgerungen noch zu kurz. Doch die InselbewohnerInnen können es sich nicht leisten, auf langjährige Messdatenreihen zu warten, bevor die internationale Gemeinschaft aktiv wird.

Mit dem Dorf Vunidogoloa auf der zweitgrößten Insel Vanua Levu wurde 2015 die erste Dorfgemeinschaft von der Küste ins Landesinnere umgesiedelt. Und kürzlich gab die Regierung Fidschis bekannt, dass bereits mehr als 800 Dorfgemeinschaften von den Folgen des Klimawandels betroffen seien, 45 müssten in den kommenden fünf bis zehn Jahren landeinwärts umgesiedelt werden. Für die Regierung und die betroffene Bevölkerung stellt dies nicht nur ein finanzielles Problem dar. Es bedeutet für die fidschianischen Dorfgemeinschaften auch eine Entkopplung vom Land ihrer Ahnen, mit dem sie sich eng verbunden fühlen. Die psycho-sozialen Folgen solcher Umsiedlungen sind derzeit noch nicht absehbar. Festzuhalten ist aber, dass sich die Lebensrealitäten der überwiegend indigenen, südpazifischen Gesellschaften stark verändern werden, während die sozialen Folgen dieses Wandels kaum Gegenstand der Klimaverhandlungen sind.

Die Anzahl der betroffenen Gemeinden und Haushalte auf Fidschi übersteigt die staatlichen Möglichkeiten zur Anpassung und Bewältigung der Lage an die klimabedingten Katastrophen bei Weitem. Es mangelt dabei an finanziellen, institutionellen und technologischen Kapazitäten. So verwundert es nicht, dass die entschlossene und kollektive Bekämpfung des Klimawandels nach Ansicht der fidschianischen Regierung um Premierminister Frank Bainimarama überfällig ist. Er genießt dabei die uneingeschränkte Unterstützung seiner südpazifischen KollegInnen. Den Vorsitz auf der 23. Weltklimakonferenz im November hat in diesem Jahr Fidschi und Bonn ist Veranstaltungsort. Erklärtes Ziel von Fidschis Premierminister und COP23-Präsident Frank Bainimarama ist es, die Umsetzungsrichtlinien des Pariser Abkommens in Bonn weiter voranzutreiben. Die Regierung Fidschis will bei den Klimaverhandlungen auf die Prinzipien globale Gerechtigkeit, Solidarität, Geschlossenheit und Nichtausgrenzung als ethische Basis der klimapolitischen Entscheidungen setzen. Ökonomische Interessen einzelner Regierungen, von fossilen Brennstoffen abhängige Industriesektoren und Lobbyorganisationen des globalen Nordens haben die Klimaverhandlungen nach Ansicht des Premierministers zu lange dominiert.

Zwar wurden die weltweiten Treibhausgasausstöße nach jahrzehntelangem Anstieg innerhalb der letzten Jahre tatsächlich reduziert und seit 2013 trotz weltweitem Wirtschaftswachstum konstant gehalten. Dies ist nach Ansicht von führenden KlimaforscherInnen jedoch zu wenig. Angesichts der global wachsenden Energienachfrage und der Entscheidung von Präsident Trump, aus dem Pariser Klimavertrag auszusteigen, erscheint Vielen schon jetzt das internationale, politisch bekräftigte 1,5°C-Ziel utopisch. Und selbst das in Paris vereinbarte 2°C-Ziel ist einem neuen Bericht von climate-action-tracker zufolge nur erreichbar, wenn das globale Energiesystem bis 2050 vollständig dekarbonisiert und der Atmosphäre durch aufwendige Technologien CO2 entzogen wird. Ob die diesjährige Konferenz am Ende als Durchbruch bewertet werden wird, hängt auch davon ab, ob die Gastgeber der Republik Fidschi als am meisten Betroffene von der internationalen Gemeinschaft ernst genommen werden.

 

Andreas Kopf ist Soziologe und hat kürzlich an der University of the South Pacific promoviert.

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